Dienstag, 16. September 2014

Wochenrückblick: Modeausstellungen, jede Menge neue Schnitte und eine Konferenz

 

Die vergangenen acht Tage ersetzte ich den üblichen trüben Schreibtischblick durch einen strahlenden und streifte bei schönem Spätsommerwetter durch eine andere Stadt. Ich hätte durchaus noch ein paar Tage länger bleiben mögen, zumal das Wetter in Berlin am Freitag schon nach November schmeckte. Ist es wirklich schon wieder Zeit, die Adentskalender rauszuholen?
Natürlich habe ich auch versucht, in Lyon Stoff zu kaufen, dazu wird es bald noch einen Post geben.

Jetzt aber erstmal die Handarbeitslinks der Woche - da hat sich wieder ganz schön was angesammelt.

Zuallererst möchte ich auf den Herbstquilt sew-along bei Marja Katz hinweisen: wenns draußen eklig wird, muss man vorbereitet sein. Der Sew along ist zwar schon bei der zweiten Etappe, der Stoffwahl, man darf aber jederzeit noch einsteigen, auch mit bereits begonnenen, älteren Projekten, die nun endlich fertig werden sollen.   

Wir hatten ja zuletzt in einer größeren Gruppe Nähnerds gemeinsam Wax prints aus London bestellt, das sind die bei uns als "typisch afrikanisch" geltenden bunten Druckstoffe, die ursprünglich aus Holland stammen (und wenn mich nicht alles täuscht, übernahmen die Holländer die Technik aus Indonesien) - Suschna hatte hier ausführlich über diese Stoffe geschrieben. Das Wandern bestimmter Muster durch verschiedene Kulturen und die Modifikationen, die auf dem Weg stattfinden, sind ein faszinierendes Thema. In London gab es im August eine Ausstellung zum Weg des Tartans, des schottischen Karos, durch die Kontinente, insbesondere nach Afrika: Tartan: Its Journey Through the African Diaspora. Das Blog des Victoria&Albert-Museums gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Ausstellung. (via @M¡m¡m¡l¡sta™)

Was wäre unser Kleiderschrank ohne Jersey und Gestricktes! Auf jeden Fall viel leerer. Tatsächlich ist Jersey als Oberbekleidung eine relativ neue Erscheinung: erst Coco Chanel verhalf dem Material nach dem Ersten Weltkrieg zum Durchbruch. Eine Ausstellung im Londoner Fashion and Textile Museum beschäftigt sich ab dem 19. September mit den technischen und modischen Aspekten der Strick- und Jerseymode: Knitwear Chanel to Westwood. In der Daily Mail gabs schon einen Artikel darüber. (via Santa Lucia Patterns)    

Um die Mode zur Zeit des Ersten Weltkriegs, in der vieles vorweggenommen wurde, was wir mit der Mode der "goldenen Zwanziger" verbinden, geht es auch in einer neuen Ausstellung in Berlin. Krieg und Kleider zeigt Modeillustrationen, Fotografien und Modezeichnungen aus dem Bestand der Kunstbibliothek im Kulturforum und eröffnet am 25. September.   

Um die Verbindung von Mode und Technologie geht es - ebenfalls in Berlin - in einer Konferenz vom 10. bis 15. Oktober 2014. Die MeshCon findet dieses Jahr zum ersten Mal statt - ich bin gespannt!,

Schnittmusterparade


In den letzten zwei Wochen kam noch einmal ein ganzer neuer Schwung Herbstschnittmuster dazu. Im Moment könnte ich jede Woche eine Schnittmusterparade posten, und alle paar Tage entdecke ich noch einen neuen Anbieter. In Australien und Neuseeland tut sich viel, aber dort wird es ja auch gerade Frühling. Aber zuerst bleiben wir in Europa:

Die Designs von Deer&Doe sind wirklich "typisch französisch", das kann ich nach meinem Frankreich-Aufenthalt bestätigen. Zuerst auf die Firma aufmerksam wurde ich durch Frau Bunte Kleider, die schon sehr oft erfolgreich nach Deer&Doe genäht hat. Ganz neu im Programm ist das Hemd Bruyère, eine lange Bluse mit Schößchen. Würde ich schmale Hosen tragen, würde ich mir das nähen wollen - zu schmalen Röcken sähe das Modell wahrscheinlich nicht halb so lässig aus. 

Wie ich auf Iconic patterns aus Sidney aufmerksam wurde, kann ich gar nicht mehr sagen. Die Firma ist jedenfalls noch ziemlich jung und hat gerade einen eleganten Knotenkleidschnitt herausgebracht. Kostenlos zum Testen gibt es einen Schnitt für ein Spaghettiträgerhemd

Die Firma Sewloft Sewing Patterns finde ich ja etwas merkwürdig: ich hatte mir den Link zu einem Kleiderschnitt hier im Postentwurf gespeichert. Dieses Kleid gibt es im Shop nun nicht mehr - komisch, oder? Und wer sie sind und wo sie herkommen sieht man auch nicht auf der Webseite. Also vielleicht lieber erst einen der kostenlosen Schnitte testen - aus günstigem Stoff.

Ganz neu sind auch Muse Patterns aus Neuseeland. Ihr allererstes Modell, den Jenna Cardi, eine kurze Strickjacke mit Schulterpassen inspiriert von Schnitten aus den 30er und 40er Jahren, zeigte @sewMeow schon bei Instagram. Sieht prima aus - ist das endlich der ideale Schnitt für kurze Strickjäckchen aus Jersey, nach dem ich schon so lange suche?   

Auch Jennifer Lauren Vintage macht Schnitte, die an die Designs vergangener Jahrzehnte angelehnt sind. Mit dem neuen Schnitt Dalloway kann ein Kleid oder ein Rock genäht werden, der durch fünf breite horizontale Falten gegliedert ist.

Und nicht zuletzt gibt es bei Thread Theory einen Schnitt für einen Männerpullover mit Kapuze oder mit übereinander geschlagenem Kragen: Finlayson

Samstag, 13. September 2014

Mehr Strickjacken braucht der Schrank - Halbzeit


Beim gemeinsamen Stricken mit Chrissy in Vorbereitung auf den Herbst ist Halbzeit und ich muss zugeben, nicht besonders weit gekommen zu sein. Die dunkelgrüne Strickjacke verharrt noch in genau dem gleichen Stadium wie Ende Juli, und die Schwelle, damit weiterzumachen, liegt jeden Tag ein bißchen höher, denn erstens würde es jetzt technisch kompliziert (Taschen! Verkürzte Reihen beim Kragen!) und zweitens müsste ich mich jetzt in das Grundmuster erst wieder ganz neu reindenken.

Der Takoma-Cardigan aus Drops Karisma ist fast bis unter die Achseln gewachsen. In der letzten Zeit nicht mehr so sehr, denn erst war ich mit Weben beschäftigt, dann fuhr ich acht Tage ohne Strickzeug in den Urlaub. Heute habe ich zum ersten Mal seit drei Wochen wieder weitergestrickt, und langsam kann ich mich mit dem für meine Verhältnisse sehr bunten Muster anfreunden. Noch vor ein paar Wochen, beim Stricken auf dem Balkon, hatte ich nämlich große Zweifel, ob ich so eine bunte (lies: nicht schwarze oder graue) Jacke später gerne anziehen würde. Aber lass' es erstmal so ein trüber Herbsttag sein wie heute, dann wirken die Farben gleich ganz anders! Das wird eine Schlechtwetterjacke, eine Jacke für die lichtlose Zeit, die in Berlin ja scheinbar besonders lang und besonders lichtlos ist. Der krasse Herbsteinbruch (zumindest für mich, da ich ja bis gestern noch im französischen Spätsommer war), hat mir jedenfalls einen Motivationsschub verpasst, beide Jacken in den nächsten sechs Wochen, besser früher, fertigzustricken.

Den Zwischenstand vieler anderer herbstlicher Strickjackenprojekte hier bei Chrissy.

Montag, 8. September 2014

Fully fashioned: Upcycling-Mode-Wettbewerb bei arte creative

Grafik: Perfect Shot Films ©Perfect Shot Films

Upcycling oder Refashion, kurz: das kreative Umarbeiten alter Kleidung, war schon häufiger Thema hier im Blog, zum Beispiel in der Serie Neues Leben für alte Kleider. Einen Fall für den Altkleidersack mit Nadel und Faden zu verwandeln finde ich noch viel befriedigender, als das übliche Nähen mit Meterware und neuen Zutaten. Durch die Beschränkung des Materials ergeben sich oft ganz neue und unvorhergesehene Lösungen, Refashion verbraucht wenig Ressourcen, und dass das Material häufig schon jahrelang ungenutzt im Schrank lag, macht es leicht, einfach mal unbekümmert draufloszuschneiden.
 
Aber auch Upcycling und Mode passen gut zusammen, das zeigt dieses Jahr das Modewochenende des Senders arte. Das Dokumentationsprogramm vom 27./28. September kann sich wie jedes Jahr sehen lassen und wird von einem Upcycling-Mode-Wettbewerb begleitet. 

Upcycling-Tutorial mit Jan-Philipp Gerlach - Foto: Juan Sarmiento ©Perfect Shot Films

Bis zum 29. Oktober können in der Community vorher-nachher-Bilder von kreativ umgestalteten Kleidungsstücken hochgeladen werden, zu gewinnen gibt es neben einer Nähmaschine, Nähpaketen und Burda-Abos auch einen Sommerkurs an der Esmod-Modefachschule in Berlin. Wäre das vielleicht etwas für euch? Auf der Webseite sind schon die ersten Wettbewerbsbeiträge eingegangen, zum Aufwärmen gibt es Video-Tutorials und jede Menge Links zu interessanten und inspirierenden Blogs und nützlichen Ressourcen.

Wenn euch der Wettbewerb interessiert, dann findet ihr hier alle Informationen. Ich drücke allen Teilnehmenden die Daumen und bin gespannt auf die Kreationen.

(Die Pressemitteilung zum Wettbewerb, die mir die betreuende Agentur zuschickte, weil die Nahtzugabe unter den Inspirationen genannt wird, verwendete übrigens den Begriff Näh-Nerd - wir schaffen es schon noch, dass diese Wortneuschöpfung in den Duden aufgenommen wird!)

Freitag, 5. September 2014

Nahtzugabe unterwegs: Berlin (Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni)


Wenn man schon länger in einer Stadt lebt, hört man ja irgendwann auf,  Touristensachen zu machen. Man besichtigt nichts mehr, man fährt nicht mehr ins Stadtzentrum, wo die Sehenswürdigkeiten sind, man macht keine Bootsfahrten und Stadtführungen schon gar nicht, es sei denn, Besucher von außerhalb wünschen dies. Auch an mir erkenne ich dieses Muster: Unter den Linden nur noch mit Besuch, KadeWe nur noch mit Besuch (da wollte leider schon lange keiner mehr hin), auf die Museumsinsel wird der Besuch alleine geschickt, und von einigen typischen Touristensachen rate ich sogar ab.

Der Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni war so eine Touristensache, von der ich schon oft abgeraten hatte, aber, wie ich jetzt zugeben muss, zu Unrecht. Ich hatte nämlich angenommen, Flohmärkte in Berlin seien generell überteuerte Touristenfallen die nur von dem Glauben der Touristen lebten, Flohmarktbesuche gehörten zum typischen Berliner Lebensgefühl. (Die Ursache meiner pauschalen Flohmarkt-Ablehnung liegt wohl beim Markt an der Arena Treptow, in dessen Nähe ich wohne und der in jedem Berlin-Reiseführer online wie offline empfohlen wird: Muffige Hallen, durchzogen vom Geruch nach altem Fett, der von einer schmuddeligen Pommesbude ausgeht, hingeschüttete Haufen alten Hausrats, kein Stück, das nicht schmutzig oder angeschlagen wäre, schlecht gelaunte Händler, die dafür Mondpreise verlangen, und keiner kauft. Ein Flohmarkt mit schlechtem Karma, Hallen, die vor Unzufriedenheit summen. Auch ein Vorurteil? Vielleicht - ich war bestimmt zwei Jahre nicht mehr auf diesem Markt und werde meinen Eindruck demnächst überprüfen).   

Auf den Trödelmarkt, der jeden Samstag und Sonntag auf der Straße des 17. Juni zwischen der Station Tiergarten und dem Charlottenburger Tor stattfindet, schleifte mich der Liebste nun vor einigen Wochen und zwang mich, meine Vorurteile zu revidieren. Uns erwartete ein gut besuchter, aber nicht überfüllter netter kleiner Markt mit einer Mischung aus professionellen Händlern und Gelegenheitsverkäufern. Es wurde viel geredet und gekauft, die Preise, die ich mitbekam, kamen mir nicht überzogen vor - Käufer glücklich, Händler glücklich, und damit ergibt sich gleich eine positiv gestimmte Atmosphäre, ich finde das merkt man. 

Die mich mitriss, denn an einem Stand, wo mehrere Freundinnen Klamotten  verhökerten, erstand ich voller Begeisterung eine sehr niedliche, sehr winzige Abendhandtasche aus den Achtzigern, in die nur ein Geldschein, der Hausschlüssel und ein Lippenstift passt. Ich muss ein Faible für solche unpraktischen Taschen haben, von dem ich bis jetzt noch nichts wusste - beim Heimkommen fand ich in meinem Accessoirekorb, in den ich selten hineinschaue, drei weitere secondhand erstandene Minitaschen vor, deren Existenz ich komplett vergessen hatte. Zugegeben, keine so schön wie die neue. 



Auch für Textilliebhaberinnen bietet der Flohmarkt auf der Straße des 17. Junis so einiges. Es gibt mehrere Stände mit schönen alten Leinenservietten, Geschirrtüchern, gestickten Überhandtüchern und Decken, hier und da mal ein  Nähkästchen oder eine Nähmaschine, und vor allem gibt es (im rechten Gang vom S-Bahnhof Tiergarten aus) einen großen Knopf- und Kurzwarenstand. Ich habe da auch schöne alte Gürtelschnallen gesehen, Karten mit Perlmuttknöpfen, ein paar Garne und Borten, und selbst in den 1-Bund-1-Euro-Kisten liegen sehr brauchbare Jacken- und Mäntelknöpfe, immer fünf bis zehn zusammen aufgefädelt. Hätte ich nicht schon die Tasche gekauft, hätte ich hier noch ein paar Perlmuttknöpfe mitgenommen.

Jenseits des Charlottenburger Tors Richtung Ernst-Reuter-Platz schließt sich ein Kunsthandwerkmarkt an, den fand ich bei unserem Besuch nicht so interessant. Es gab viel "Kunsthandwerk", das zwar sicher auch das Werk kunstfertiger Hände war, aber eben von Händen in China oder Indien, aber auch das mag sich ändern.

Nach dem Schaufenstergucken bei Manufactum in der Hardenbergstraße kehrten wir noch auf Kaffee und Kuchen im Café Hardenberg ein, was mir einen kleinen Nostalgieanfall bescherte, denn in diesem Studentencafé scheint die Zeit seit zwanzig Jahren stehengeblieben. Das gilt für die Einrichtung, fürs Essen gilt das glücklicherweise nicht. Und so erwies sich ein Nachmittag mit typischem Touristenprogramm als ein rundum gelungener Ausflug.

Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni
Samstag und Sonntag 10- 17.00 Uhr
Haltestelle Tiergarten (Stadtbahn)

Sonntag, 31. August 2014

Stoffspielerei im August: Gewebtes


"Mit Weben verbinde ich größtenteils die planlosen Kindergarten- und Schulwebereien aus Wollresten - es hat mich bisher nicht wirklich interessiert", schrieb Nastjusha im Kommentar, als ich vor gut zwei Wochen "Weben und Verwandtes" als Thema der Stoffspielerei ankündigte. Genau das war auch mein Wissensstand, an den ich anknüpfen wollte: seit der Weberei mit Wollresten in der Grundschule hatte ich mich mit dem Thema nicht mehr beschäftigt, aber mich interessierte, ob sich mit einem einfachen Schulwebrahmen auch andere Dinge als schiefe Puppenteppiche herstellen lassen.

Ich fing noch einfacher an, mit dem Weben auf einem stabilen Kartonstück wie in dieser Anleitung und Sockenwollresten. Bei meiner Blütenhäkelei im letzten Jahr waren vor allem Reste in unattraktiven Farben übrig geblieben: Grautöne und schlammige Braun- und Beigetöne. Ich fand es ganz erstaunlich, dass sich mit etwas Überlegung und etwas Sinn für Farbe und Rhythmus ein doch verhältnismäßig ansprechendes Stück Stoff damit herstellen ließ - ein schiefer Puppenteppich, ja, aber ein Puppenteppich mit Stil, aus dem ich mir eine dringend benötigte neue Handyhülle nähen konnte. So weit, so unkompliziert. 


Der Webrahmen, den mir D. aus der Quiltgruppe überlassen hatte, war auf den ersten Blick komplizierter, es handelte sich nämlich nicht um einen der herkömmlichen Schulwebrahmen so wie zum Beispiel hier, wo die Kettfäden über die Kerben in einem Stab geführt werden und das Fach, in das der Schussfaden eingelegt wird, durch das Drehen des Stabes entsteht. Nein, dieses sehr hochwertige Wunderwerk bildet im Grunde einen echten Handwebstuhl mit zwei Schäften en miniature nach und wird lediglich mit einer Anleitung auf einem DinA5-Blatt ausgeliefert. Die Kapitel übers Weben in Ruth Zechlins Werkbuch für Mädchen und in Jutta Lammérs Basteln, Werken, Handarbeiten halfen mir weiter, außerdem Bilder und Beschreibungen aus dem Netz, zum Beispiel hier und hier, um überhaupt zu verstehen, was wie und wo ein- und durchzufädeln ist. 


Die Detailgenauigkeit ist zwar sicher pädagogisch sehr wertvoll, ich zumindest habe sehr viel gelernt beim Ausknobeln der Funktionsweise, aber mir tun alle Eltern Leid, die mit diesem Webrahmen konfrontiert sind, denn vermutlich kann kein Schulkind der Welt die Kettfäden selbst aufspannen. Ich brauchte beim ersten Versuch ungefähr zwei Stunden, und da mir eine dritte helfende Hand fehlte, war die Spannung später auch nicht überall gleich. Die Kettfäden blieben später auch ab und zu in den ziemlich rauhen Schlitzen des Kamms hängen, obwohl ich glattes, festes Baumwollgarn verwendet hatte. Das führt dann zu Fehlern, weil sich einzelne Kettfäden nicht heben oder senken, so wie sie sollen. 


Ich benutzte hier weiterhin diverse Sockenwollreste. Für das Einweben von Motiven so wie oben hatte ich einfach nicht genügend Geduld. Man muss dabei mit mehreren kleinen Knäulen gleichzeitig weben, das fand ich sehr kniffelig und sehr zeitaufwendig. 


Querstreifen gehen hingegen relativ flott. Ich habe immer einen breiten dunkelblauen Streifen mit einem schmalen in einer anderen Farbe abgewechselt. Da der Webrahmen ziemlich schmal ist und der Kamm nur 40 Schlitze hat, ist die Breite des Gewebes auf 40 Fäden beschränkt, das ergibt Bänder von 15 cm Breite.


Die sehr eingeschränkte Breite ist dann auch das größte Problem solcher Webrahmen für Kinder, finde ich. Was fängt man mit solchen gewebten Bändern an? Ich habe jetzt zwei 15 cm breite in etwa 45 cm Länge hergestellt und dachte, sie zusammenzufügen, mit Stoff einzufassen und als Tischset zu verwenden, oder sie für den gleichen Zweck einzeln mit einem breiteren Rand einzufassen. Die Struktur und die Haptik finde ich eigentlich ganz schön, und die Farben sind in Wirklichkeit viel satter, durch das ungünstige Format liegen die Verwendungsmöglichkeiten aber nicht gerade auf der Hand. Darüber muss ich noch länger nachdenken.    


Möglicherweise wäre es auch einen Versuch wert, den Rahmen mit dickerer Wolle zu bespannen (auch wenn das mit dem Kamm dann sicher noch größere Probleme gibt) und mit Wolle in gleicher Stärke als Schussfaden zu weben und das Gewebte nicht so stark zusammenzuschieben. Dann wären z. B. auch Karomuster möglich, weil die Kettfäden im Gewebe auch sichtbar sind. Bei einer Bespannung mit dünnerer Baumwolle, so wie hier, ergibt sich mehr oder weniger zwangsläufig ein Schussrips, weil die Schussfäden enger zusammenliegen als die Kettfäden und sie verdecken. Interessant wäre es auch, mit Wolle in unterschiedlichen Stärken zu weben, das müsste ganz andere Strukturen ergeben.

Wie man sieht gäbe es beim Weben, selbst mit so einer einfachen Ausrüstung, noch viele weitere Ansatzpunkte für Experimente. Daher bin ich besonders gespannt, wie andere das Thema Weben interpretiert haben:

Griselda webte mit Stoffstreifen und erhielt - Tischsets. Das Tischset mit seiner angenehmen Größe ist schon längst der heimliche Star unserer Textilspielereien, scheint mir.

Luise zeigt ältere Webereien und ein Fensterbild mit Nadelweberei auf Leinen, ein Probestück für einen Vorhang.

Suschna fand ihren alten Schulwebrahmen wieder - und da war sogar noch etwas Gewebtes dabei, das sich retten ließ.

Siebensachen webte ebenfalls mit Stoffstreifen, aber mit selbst gefärbten aus ihren Eco-Print-Experimenten.

Karen kombiniert Weben und Sticken, nämlich mit Kreisweberei auf Leinen. Und das Weben mit Papierstreifen zeigt sie außerdem noch.

Siebenschön webte aus Bündchen- und Jerseystreifen einen Loopschal - eine sehr interessante ausbaufähige Idee, wie ich finde. 

Mirellchen webte ein Brillenetui aus Lederstreifen - auch eine gute Idee, gerade für Taschen ergeben sich eine Menge Möglichkeiten.

Weben mit Sportgeräten - auch das geht, und frifris liefert den Beweis.

Die Linkshänderin probierte das Kartonweben aus und hat viele gute Tipps, wie man beim Weben mit kürzeren Stoffstreifendie vielen losen Enden ansehnlich verschwinden lässt.

Lila und gelb webte Jerseystreifen in ein anderes T-Shirt ein, ebenfalls eine Idee mit viel Potential.

123-Nadelei webte eine Tasche aus Jeansstreifen und zeigt ganz genau, wie das geht.

Und nicht zuletzt: Mit Garn bezogene Knöpfe bei ste mit Link zu einem Tutorial - ich glaube man nennt diese Knöpfe auch "Dorset buttons", das wäre überhaupt ein Thema für eine eigene Stoffspielerei.

Ergänzt 1. 9. 2014:
Die nächste Stoffspielerei ist am 28. 9. 2014, gesammelt bei Griselda, das Thema sind Nähmaschinen-Sonderfüße - dazu wirds vor dem Termin auch noch einen Beitrag in ihrem Blog geben.

Samstag, 30. August 2014

Nahtzugabe unterwegs: München (mit der Cargo duffle bag nach noodlehead)


Vor ein paar Wochen verschlug es mich für ein Wochenende mal wieder nach München. Neben einer Geburtstagsfeier ließ sich in die zwei Tage noch ein sehr nettes Blind Date mit Steffi und etwas Shopping mit Nähbezug hineinquetschen, dazu aber später mehr. Zuerst möchte ich aber die hart erkämpfte Cargo duffle bag nach dem kostenlosen Schnittmuster von noodlehead zeigen. Hart erkämpft deshalb, weil ich ja eigentlich keine Taschen nähe und sowohl das Anfangen, als auch das Fertigstellen dieser Tasche ohne externe Motivation nicht möglich gewesen wäre.    


Die externe Motivation fürs Beginnen stellte sich durch die Quiltgruppe ein, denn wir hatten uns überlegt, gemeinsam Taschen zu nähen und uns für das noodlehead-Modell entschieden. Ich hatte mir eine zusätzliche Schwierigkeit auferlegt, weil ich die Hauptteile der Tasche aus einem Berg schriller Krawatten patchworkmäßig zusammensetzen wollte. Die Krawatten waren eine gut gemeinte Spende meiner Schwiegertante, die ich seit 2011 von einer Ecke in die andere schob: die Muster waren zwar interessant, aber zu dem furchtbaren Kunstfasermaterial wollte mir lange nichts einfallen. Karen brachte dann - ich glaube es war bei einem kurzen Treffen im Herbst 2011 - die Idee "Reisetasche" ins Spiel - et voilà, nur knapp drei Jahre später ist diese Idee schon umgesetzt!

Ich entschied mich, Krawatten mit blauer Grundfarbe und einen schwarz-weiß gewebten, im Gesamteindruck grauen Jeansstoff zu verarbeiten. Die Krawattenstoffe schnitt ich in Rechtecke und nähte und steppte sie in quilt-as-you-go-Technik direkt mit der Volumenvlieseinlage und dem Futterstoff zusammen, so wie in diesem Tutorial.


Beim Nähtreffen schaffte ich es immerhin, die wichtigsten Teile der Tasche zuzuschneiden, die ersten Streifen zu steppen und mich von den Inch-Maßen in der Anleitung nicht wahnsinnig machen zu lassen. Es gibt offenbar zwei Dinge, durch die mein Hirn sofort in den Schlafzustand versetzt wird: Inch-Maße und Kartenspielregeln. Ich lese "Final project measures 18" x 11" x 5"", sage jaja, lache verunsichert und denke mir nichts dabei. Erst durch das Umrechnen in Zentimeter (was so krumme Maße ergibt, dass es einem beim Zuschneiden auch nicht weiterhilft), wurde mir immerhin klar, dass hier eine richtige Reisetasche am Entstehen war - die fertige Tasche ist etwa 46 cm breit, 28 cm hoch und 13 cm tief.


Alle Teile der Tasche werden aus drei Schichten - Außenstoff, Volumenvlies, Futter - zugeschnitten und durchgesteppt und erst dann zusammengesetzt. Die Nahtzugaben innen werden zuletzt mit Schrägband eingefasst. Man spart sich so zwar das Aufbügeln von Einlage und das Nähen eines separaten Futters, die kilometerlange Stepperei fand ich dann doch etwas ermüdend, und bei den Schrägabandeinfassungen nähte ich die zweite Runde mit der Hand an und versuchte erst gar nicht, die knubbeligen Nahzugaben präzise unter das Füßchen zu schieben.


Die Henkel bestehen aus Baumwoll-Gurtband vom Nähkontor, aufgesteppt auf Bänder aus Jeansstoff. Zum Verschließen der Vordertaschen (die meiner Ansicht nach zu klein sind, um irgendetwas Sinnvolles dort unterbringen zu können - eine einzige große Vordertasche wäre besser), also zum Verschließen der Vordertaschen steppte ich Klettband auf.


Die bevorstehende Reise motivierte mich dann genügend, die Tasche einigermaßen zügig und unbekümmert fertigzunähen und mich mit kleinen Unregelmäßigkeiten nicht aufzuhalten. Ich kenne mich: wenn ich erst anfange, über jede einzelne Naht zu meditieren und zu überlegen, ob das jetzt alles ordentlich genug ist, dann wird so eine Tasche bei mir niemals fertig. Und bei dieser Tasche gäbe es eine Menge Nähte, über die man meditieren könnte. Die Tasche hat sich auf der Reise dann auch bewährt: wie praktisch, das eigene Gepäckstück gleich auf den ersten Blick überall wiederfinden zu können, und eine große Verbesserung gegenüber dem abgewetzten Tchibo-Rucksack, mit dem ich solche Kurzreisen bisher bestritten hatte.

Für die Cargo duffle bag gab es hier übrigens einen Sew-along, in dem alle Nähschritte mit Fotos gezeigt werden. Ich fand in der Anleitung die Abmessungen für Vorder- und Rückseite etwas verwirrend - der Oberstoff soll etwas größer als Futter und Vlies zugeschnitten werden, und mir ist nicht klar geworden, ob damit ein Schrumpfen des Stoffes durch das Quilten ausgeglichen werden soll und welches Maß Vorder- und Rückseite letztlich haben sollen. Glücklicherweise kommt es beim Zusammensetzen der Tasche nicht auf den Zentimeter an.  

München für und mit Nähnerds


Am Sonntag traf ich dann Steffi - 81gradnord zum Kaffeetrinken, und sie hatte ein wunderbares Lokal vorgeschlagen, in dem es so viel anzuschauen gibt, dass wir bestimmt auch eine Stunde nur mit Gucken hätten verbingen können, wenn sich unangenehme Gesprächspausen ergeben hätten. Das war aber nicht der Fall, und ich hoffe wir treffen uns bald mal wieder. Ich kann deshalb auch gar nicht so genau sagen, was man alles im Café Marais kaufen kann. Das Café befindet sich in einem großen Eckladen, in dem das Inventar eines alten Textilkaufhauses erhalten geblieben ist. In den tausend Fächern, Schubladen und Vitrinen stehen jetzt schönes altes Geschirr, Deckchen, Spitzenkragen, Schmuck, Abendhandtaschen, es gibt Schals, Hüte, Kosmetik, Bonbons, Tee, Schokolade, kleine Möbel, und mir war so, als hätte ich auch Textilfarben gesehen - leider habe ich vergessen, mir diese Flaschen, die ich nur von weitem sah, genauer anzuschauen.


Außerdem kann man dort natürlich Kaffee trinken, Kuchen und kleine herzhafte Gerichte essen, und auch die Umgebung fand ich ganz interessant: Die Schwanthaler Höhe ist ganz deutlich im Umbruch, die schicken neuen Läden wechseln sich mit den Schaufenstern von Heizungsinstallateuren und Billig-Dönerläden ab, an der einen Ecke verfallen zwei ganze Häuser, an der anderen werden die Häuser schick gemacht. Ein kleine-Leute-Viertel auf dem Weg zum Szenekiez, eine Entwicklung, die ich in München nicht erwartet hätte - ich dachte tatsächlich, dort wäre schon alles durchrenoviert.


Der zweite Nähnerd-Programmpunkt an dem Wochenende bestand in einem Besuch im Orag-Haus in der Münchner Innenstadt, nahe dem jüdischen Museum und dem Stadtmuseum. Die Orag ist eine Genossenschaft des bayerischen Schneiderhandwerks, die seit dem 19. Jahrhundert Schneiderzubehör und Futterstoffe einkauft und die Rabatte bei der Abnahme großer Mengen an ihre Mitglieder weitergibt. Heute kann jeder in dem Laden am Oberanger einkaufen, und der Kontrast zu den schicken, glänzenden Geschäften in der Umgebung, den aufwendig dekorierten Schaufenstern, der raffinierten Beleuchtung, könnte nicht größer sein. Die Einrichtung der Orag ist funktional, und im Grunde immer noch so, wie nach dem letzten Ladenumbau in den 1960er Jahren: Regale mit Knopfschachteln, Reißverschluss- und Garnkisten ziehen sich bis zur neonbeleuchteten Decke, Quittungen werden per Hand ausgeschrieben und die Durchschläge mit einem Mini-Lastenaufzug in die darüber liegenden Büroräume verfrachtet.

Die Orag ist kein Ort für verfeinerte Warenpräsentation, dafür gibt es ohne Übertreibung alles, was im Schneiderhandwerk benötigt wird, unter anderem eine beeindruckende Auswahl an Knöpfen, an Trachtenknöpfen und Miederhaken für Dirndl, jede nur erdenkliche Einlage, jedes nur erdenkliche Nähgarn, außerdem Werkzeuge zum Markieren und zum Schneiden, Futterstoffe und Nähmaschinennadeln, Handnähnadeln für jedes Spezialgebiet und Stecknadeln gleich im 500g-Paket, falls gewünscht. Die Damen hinter den Verkaufstresen waren bei meinem Besuch sehr hilfsbereit und erklärten einer Nähanfängerin geduldig die Unterschiede zwischen verschiedenen Arten Schneiderkreide und diversen Markierstiften. Ich entdeckte dort den Kreideminenstift, von dem ich so begeistert bin und ließ mich zu einem Spontankauf hinreißen. Wäre das Orag-Haus in Berlin, ich wäre sicher eine häufige Kundin.

Viele weitere Einkaufstipps mit Textilschwerpunkt für München finden sich übrigens hier bei Claudia - Machen und Tun. Bei Quilt&Textilkunst konnte ich beim vorletzten München-Besuch zum Beispiel nur einmal ganz kurz reinschauen, da möchte ich mit mehr Zeit unbedingt noch einmal hin.