Dienstag, 14. Februar 2017

Die Tweedjacke


Ich bin eine egoistische Selbernäherin: Nur wenige Brosamen fallen für nahestehende Menschen ab, und ich bin gut darin, Hinweise über auseinanderfallende Pullover, zu lange Hosen und ähnliche behebbare Kleidungsfehlfunktionen zu überhören. Der Liebste bildet eine Ausnahme: Er darf Wünsche äußen, und ich geruhe, sie mir anzuhören. Dass es manchmal sehr, sehr lange dauert, bis diese Wünsche erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt. 


Der Wunsch nach einer Wolljacke nach dem abgenommenen Schnitt einer alten Lieblingsjacke kam schon 2009 auf, als ich den ersten Klon dieser Lieblingsjacke aus braunem Cord nähte. Dazwischen klonte ich diese Jacke noch einmal, im letzten Sommer, jetzt aus dunkelgrünem Cord.


Die neue Cordjacke war ein großer Hit, aber eine Wolljacke wäre vielleicht sogar noch schöner, wurde mir bedeutet - und vor allem später im Jahr auch noch zu tragen. Ich hörte zu, und hatte Glück und fand in der Vorweihnachtszeit einen ganz wunderbaren Wollstoff auf dem Markt: Leicht, voluminös, etwas kratzig - aber auf die gute, naturbelassene Art - und aus reiner Wolle. Für das Materiallexikon hatte ich mich ja gerade mit Tweedstoffen beschäftigt, daher würde ich den Stoff als "ähnlich wie Shetland-Tweed" charakterisieren. Das Garn ist locker gedreht aus schwarzen und dunkelblauen Fasern und als lockerer Fischgratköper gewebt - auf dem Foto unten erkennt man vielleicht ein bißchen die diagonal verlaufenen "Gräten".  


Natürlich ist der Stoff kein echter Shetland-Tweed von den Shetland-Inseln - solche handgewebten Kostbarkeiten, die sonst von Chanel verarbeitet werden, findet man dann doch nicht auf unserem Markt. Aber es ist ein ziemlich hochwertiger Wollstoff, wie ihn britisch angehauchte Landhausbekleidungshersteller verwenden würden, und er ließ sich ganz wunderbar nähen. Mit einem normalen Viskosefutter zusammen hält er auch erstaunlich warm  - das dicke Garn speichert viel Luft.


Der Schnitt mit Teilungsnähten, aufgesetzten und eingesetzten Taschen ist bei der grünen Cordjacke vielleicht besser zu erkennen. Ich habe ihn für diese Version noch etwas verbessert, indem ich die Ärmelschnittteile an der Armkugel etwas aufgespreizt und die Armkugel etwas verlängert habe - da der Ursprungsschnitt von einer Lederjacke stammte, hatten die Ärmel keine oder fast keine Einhalteweite. Aus Stoff fielen die Ärmel daher nicht so gut, das ist bei dieser Version besser geworden.

Ansonsten ist es erstaunlich, wie oft man ich beim Nähen desselben Schnitts Mist bauen kann, etwas weniger erstaunlich ist, dass der Mist immer mit dem Futter zu tun hat: Bei der grünen Cordversion waren die Futterärmel aus unerfindlichen Gründen einen Tick zu kurz, bei dieser Tweedversion hatte ich einfach vergessen, die Futter-Seitenteile zuzuschneiden. Die Operation am offenen Futter - Seitenteile einsetzen, ohne das Futter komplett wieder aus der Jacke zu trennen - gelang glücklicherweise. Ich bin gespannt, was ich beim nächsten Mal mit dem Futter anstelle!

Etwas verspätet reihe ich die Jacke noch bei Monikas Sammlung für selbstgenähte Männersachen, Herrmann im Februar ein. Ich kann sehr empfehlen, von alten Lieblingsteilen den Schnitt abzunehmen und diese Kleidungsstücke als Klon weiterleben zu lassen. Aus Sicht der Näherin, die Abwechslung mag, ist die Wiederholung zwar nicht so spannend, aber mit einer ganzen Serie eines erprobten Schnitts kann man Menschen glücklich machen.

Dienstag, 7. Februar 2017

"Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen." Elke - ellepuls.com - über Schnittmuster für lange Frauen

Über neue Schnittmuster von Indie-Designerinnen blogge ich hier ja mehr oder weniger regelmäßig,  bisher jedoch vor allem über kleine Firmen aus den USA, Kanada und Großbritannien. Dabei gibt es auch bei uns interessante Schnittmacherinnen mit guten Ideen, die hier auch mal zu Wort kommen sollen. Elke vom Blog ellepuls.com und ich laufen uns ab und zu zufällig hier in Berlin über den Weg, daher habe ich immer locker verfolgt, was sie so macht.

Nach einem Schnitt für ein Raglanshirt und einer tollen Upcycling-Tasche aus Jeans spezialisierte sich Elke auf Schnittmuster für lange Frauen und brachte letztes Jahr im Sommer einen Shirt- und Kleiderbaukasten heraus. Wer Elke schon mal begegnet ist, muss nicht lange fragen warum: Sie ist selbst eine große Frau und kennt die Problematik zu kurzer Kleidung aus eigener Erfahrung. Zu der "Shirtbox"  von ellepuls.com gehört ein Anleitungsheft für die Längenänderung bei Oberteil-Schnittmustern - Hilfe zur Selbsthilfe für große Frauen sozusagen. Da ich das Konzept klasse finde und Elkes Umsetzung mit schönen Grafiken und ausführlichen Fotoanleitungen sehr gelungen,  wollte ich von Elke wissen, wie es mit den EXTRAlang-Schnitten weitergehen wird.

Elke, du nähst seit 2012 Kleidung für dich – bist du gleich darauf gekommen, dass du auch die Schnittmuster verändern musst, damit sie für dich nicht zu kurz sind, und wie hast du das Schnitte-Verlängern gelernt? War das von Anfang an von Erfolg gekrönt?

Elke: Ich habe sehr unbefangen mit dem Nähen begonnen. Kein Nähkurs, nur learning by doing. Ich habe abgetragene Shirts meiner Söhne für meine Tochter umgearbeitet. Meine erste Verlängerung für mich war bei einem Shirt. Die Ärmellinien habe ich einfach länger gezeichnet, was dazu geführt hat, dass ich nur noch eben so mit der Hand durch die Öffnung kam. Den Rumpf habe ich auch einfach nach unten verlängert. Im Ergebnis war das Shirt lang genug, aber die Taille hing mir zu hoch. Erst einige Projekte später habe ich begonnen, Vorder- und Rückenteile sowie Ärmel nicht unten, sondern zwischendrin zu verlängern. Für das EXTRAlang Handbuch zum Verlängern von Schnitten habe ich mich noch intensiver mit dem Thema befasst. Dieses Handbuch wird jedem EXTRAlang Schnittmuster "beiliegen". Für den Blusen-Sew-Along nähe ich gerade an einer burda Bluse, die ich verlängern musste. Fast hätte ich vergessen, neben Vorder-, Rückenteil und Ärmel, die Knopfleiste mit zu verlängern. Je mehr Teile ein Schnitt hat, desto aufmerksamer muss man überlegen, welche Schnittteile alle verlängert werden müssen, damit nachher auch alles wieder zusammenpasst. 

Das Kleid aus der "Shirtbox" von Elle Puls - lange Ärmel passend zum Wetter sind auch dabei

Schnitte für den eigenen Körper zu verändern ist das eine, aber auch wenn man sich darin gut eingearbeitet hat, ist es ja nochmal ein großer Schritt, Schnitte auch für andere und in verschiedenen Größen anzubieten. Wie hast du das technisch gemeistert?

Elke: Da ich die Schnittkonstruktion nicht gelernt habe, arbeite ich mit einem Profi zusammen. Meine Schnittdirektrice setzt meine Ideen um. Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Schnitte selber technisch erstelle. Wir feilen gemeinsam daran herum und das Ergebnis lasse ich von Probenäherinnen testen. Das ist in diesem Ablauf schon sehr aufwändig, da ich meine Entwürfe für die Hobbynäherin so bedienungsfreundlich wie möglich gestalten möchte. Die Schnittdateien sind so angelegt, dass man nicht benötigte Größen vor dem Ausdrucken ausblenden kann, um hinterher einen übersichtlichen Schnittbogen zu erhalten. Bye-bye Liniendschungel. Die Anleitungen versuche ich auch immer möglichst nachvollziehbar, logisch und klar aufzubauen, damit meine Kundinnen die Schnitte auch erfolgreich umsetzen können.

Kannst du schon verraten, wie es mit den Schnittmustern bei dir weitergehen wird? Das Extralang-Handbuch erklärt das Verlängern von Oberteilen – wird es auch noch etwas Entsprechendes für Unterteile geben?

Elke: Am 6. Februar geht ein neues Schnittmuster für eine Jacke online. Darauf freue ich mich schon sehr, weil ich den Entwurf sehr mag. Es wird ein Basic für den Lagenlook sein, der im Frühling wieder gefragt sein wird.

[Einschub von mir, Lucy: Der Schnitt  für die Jacke "Cardison" ist gestern erschienen - Elke schickte mir vorab schon mal zwei Bilder. Mehr über Cardison erfahrt ihr bei Elke im Blog.]

"Cardison", die neue Blousonstrickjacke mit schicken Paspeltaschen von Elle Puls
 

Elke: Ideen für "untenrum" sind auch schon genügend vorhanden. Für lange Frauen ist die Suche nach ausreichend langen Hosen immer sehr nervig. Teils schon ab Länge 34, aber mit Sicherheit ab Länge 36 wird die Auswahl dünn bis nicht vorhanden in Läden. Standardmodelle in Standardfarben findet man bei Jeans schon noch. Wenn man aber andere Wünsche hat, muss man in Spezialshops wie z.B. Long Tall Sally suchen. Dass immer mehr große internationale Bekleidungshäuser wie z.B. Asos und Topshop ein "Tall-Sortiment" anbieten zeigt mir, dass der Bedarf da ist. Letztens ist mir wieder aufgefallen, dass immer mehr junge Frauen so groß wie ich sind oder sogar größer. Und sie wollen sich genauso modern kleiden wie alle anderen Frauen ihres Alters. Das bestätigt mich in meiner Idee, auch extra lange Schnittmuster anzubieten. 

Das selber Nähen hat mich von der begrenzten Auswahl, die ich oft in Läden vorfand, befreit. Darüber freue ich mich täglich. Endlich habe ich Hosen nach meinem Geschmack in meiner Länge. Das schreit ja quasi nach extra langen Hosenschnittmustern. Meine Ideen lassen sich nur leider nicht so schnell umsetzen, wie sie in meinem Kopf aufploppen. Ich bleibe dran.

Was würdest du Nähanfängerinnen mit auf dem Weg geben, die gerade beginnen, Kleidung für sich selbst zu nähen?

Elke: Ausprobieren, aber nicht überwältigen lassen! Ich finde es einfach fantastisch, dass so viele Frauen einen Näh- oder Modeblog schreiben. Natürlich kann man sich auch überwältigt fühlen von der schieren Masse, aber so erhöht sich einfach die Wahrscheinlichkeit, Bloggerinnen zu finden, mit denen man sich vom Stil und vom Körperbau her identifizieren kann. Das erleichtert es, sich Anregungen zu Schnitten zu holen, wenn man sich selbst nicht sicher ist, was man wählen soll.

Auch fachliche Hilfe findet man schnell bei Youtube und in Blogs. Das mag nicht jedermanns Sache sein, zu recherchieren, aber die Einstiegshürden zum Nähen der eigenen Kleidung sind doch denkbar niedrig geworden.

Ausprobieren und am besten keine Angst haben, denn letzten Endes ist es doch nur Stoff, den wir im schlimmsten Fall versemmeln. Das kann manchmal schon sehr ärgerlich sein, aber ich habe noch bei jedem Projekt etwas gelernt, und sei es nur über mich selbst.

Was mich zu einem persönlichen Lieblingsthema führt, der Stilfindung. Dadurch, dass ich mich zum ersten Mal wirklich mit Schnittführungen und Farben beschäftigt habe, konnte ich viel besser erkennen, was zu mir passt, was mir steht und auch ein Stück weit wer ich bin. Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen.

Das ist ein sehr passendes Schlusswort von Elke, finde ich, denn in jeder Hinsicht passende Kleidung zu bekommen, ist doch wahrscheinlich der Grund, warum die meisten von uns nähen: Richtige Passform, die richtige Farbe und das richtige Material, das gibt es doch nur selbstgenäht. Ich bin gespannt, was Elke noch alles aushecken wird - im Moment läuft in ihrem Blog ein Blusen-Sewalong. 

(Alle Fotos in diesem Beitrag von Elke Puls)

Sonntag, 5. Februar 2017

Textillesung im Nähkontor und meine äußerst aufregenden Erlebnisse als Kleinstverlegerin

Wissen über Textilien kann Leben retten. Ja, wirklich! Oder wisst ihr schon, was ihr zu beachten hättet, falls ihr euch mal mit einem Laken aus dem Knast abseilen müsstet? Wenn nicht: Solche lebenswichtigen Tipps und Hinweise könnt ihr bei einer Veranstaltung im Berliner Nähkontor (Bötzowstraße 13) am Samstag, 18. Februar 2017 um 18.00 Uhr erhalten,  zu der ich euch gerne einladen möchte.

Lesungsankuendigung naehkontor

Von Susanne - Textile Geschichten - könnt ihr dann zum Beispiel erfahren, was es mit Seilschaften, Strippenziehern und zarten Banden auf sich hat. Wir lesen gemeinsam aus unseren Büchern, Susanne aus "Am Rockzipfel" und "Verflixt und Zugenäht", ich aus dem Materiallexikon "Stoff und Faden", und wir werden auch einiges vorführen und zeigen. Ihr werdet zum Beispiel sehen (und riechen!), wie man Baumwolle, Wolle und Chemiefasern bei einer Brennprobe unterscheiden kann und lernt ungewöhnliche Materialien wie Ramie und Cupro kennen. Nach der Lesung besteht noch die Möglichkeit, mit Susanne und mir zu plaudern. Vielleicht sehen wir uns ja? Ich würde mich sehr freuen!

"Stoff und Faden" ist jetzt acht Wochen alt (hier hatte ich über das Buch geschrieben), und ich komme eigentlich erst jetzt, Sonntagnachmittag verschnupft auf dem Sofa, langsam dazu, zu realisieren, was in den letzten Wochen alles passiert ist und mich dafür bei euch zu bedanken. Die Vorweihnachtszeit ging in einem ziemlich wahnsinnigen Wirbel aus Bücher eintüten - Mails beantworten - zum Briefkasten und mit Paketen zur Post laufen - Briefmarken kaufen - sehr schnell vorbei. 

Als am 9. Dezember die halbe Palette Bücher angeliefert wurde, wurden zufällig auch gerade die Altpapiertonnen bei uns im Hof geleert. Ich weiß noch wie ich dachte: "ohje, wenn das Buch keinen interessiert, dann wandern die Bücher auch in die blaue Tonne und werden in diesen Wagen gekippt". Aber das Buch interessierte euch, und zwar so sehr, dass ich mit dem Versenden kaum nachkam. 


Und fast jeden Tag passierte etwas Neues, Aufregendes: Die erste Bestellung durch eine Buchhandlung kam schon nach drei Tagen, was mich sehr überraschte und freute, aber das Problem aufwarf, wie man eine Rechnung mit Buchhändlerrabatt richtig ausfertigt. Dann gab es Buchhandelsbestellungen über ein System, das anscheinend an das Verzeichnis lieferbarer Bücher angeschlossen ist, und das kryptische Datenbankauszüge per Mail versendet - was genau es ist, das da bestellt, habe ich bis heute nicht herausgefunden, aber es reichte erstmal zu wissen, dass es klappt. Ich lernte, dass bei Thalia die einzelnen Filialen Bücher ordern, die Rechnungen aber in einer zentralen Stelle in Hagen bearbeitet werden. Kurz vor Weihnachten fand ich dann endlich die Lösung für eine  Fehlermeldung bei amazon, so dass "Stoff und Faden" endlich auch dort gekauft werden konnte (die Lösung lautete übrigens: Fehlermeldung ignorieren).  

Am allerbesten in dieser Zeit war aber die Unterstützung, ich von so vielen aus der Nähcommunity bekam: Daniele von Lillestoff orderte "Stoff und Faden" für den Lillestoff-Onlineshop  und im Lillestoff-Blog erschien eine Besprechung. Rike alias rosa p. besprach das Buch hier, Ina von Pattydoo überraschte mich hier mit einer Empfehlung, ebenso wie Wolle - Natur - Farben hier. Andrea - Michou à la mode - schrieb hier über "Stoff und Faden", Meike - crafteln - hier.  

Ich danke euch allen sehr dafür - so ein Buchprojekt ganz alleine zu unternehmen und von A bis Z (von Acetat bis Zephir sozusagen...) dafür geradezustehen, ist schon ein Wagnis, und es könnte nicht funktionieren ohne solche Unterstützung wie eure in Form von Besprechungen und Empfehlungen. 

Bücher von etablierten Verlagen kommen durch die Werbung von Verlagsvertretern in die Buchhandlungen, oder weil die Buchhändlerinnen den Verlag kennen und wissen, was sie erwarten können, und haben so die Chance, dort von Leserinnen entdeckt zu werden. Ein Buch im Selbstverlag wie "Stoff und Faden" hat diese Chance erstmal nicht, und "Selbstverlag" hat noch dazu einen schlechten Ruf, man erwartet schlimme Gedichte, für die sich kein "richtiger" Verlag interessieren würde oder schlecht gesetzte Bücher voller Rechtschreibfehler, die sich niemals verkaufen lassen. Da ist es enorm wichtig, wenn Leserinnen sagen: Das Buch finden wir gut, das möchten wir haben. 

Im Fall von "Stoff und Faden" funktionierte das so gut, dass mich Anfang des Jahres ein Barsortimenter anschrieb und mir anbot, das Buch in den Katalog aufzunehmen. Das Barsortiment sind die Zwischenhändler, die die einzelnen Buchhandlungen beliefern und zum Beispiel dafür sorgen, dass man ein bestelltes Buch am nächsten Tag im Laden abholen kann. Wenn ein Buch da gelistet ist, ist es für Buchläden problemlos mit ein paar Klicks bestellbar, die Händlerin oder der Händler muss nicht erst eine Mail schreiben, auf das Eintreffen des Buchs warten und dann mit mir kleinen Krauterin auch noch separat abrechnen. Ich hatte mich schon seelisch-moralisch darauf eingestellt, dass es ein großes Stück Arbeit wird, "Stoff und Faden" in den Zwischenbuchhandel zu bringen und war (und bin) total geflasht, dass mir das von einer sehr freundlichen Einkäuferin von Libri einfach so, und auch noch zu sehr guten Bedingungen, angeboten wurde. 

"Stoff und Faden" sollte jetzt also auch problemlos über den Buchhandel zu bestellen sein - oder zumindest demnächst, denn amazon zu beliefern haben die Leute von Libri bisher auch noch nicht auf die Reihe gekriegt. Meine Hoffnung, das Buch nun nur noch kartonweise an den Großhandel verschicken zu müssen, hat sich noch nicht erfüllt: Die erste Libri-Bestellung waren ganze drei Exemplare. Dafür kam dann jeden Tag eine weitere Bestellung und ich hoffe, dass die nächste Woche den Bestellalgorithmus dazu bringt, alle Bestellungen einer Woche zu einer einzigen zusammenzufassen, das wäre dann mal eine für ein Paket lohnende Menge. Bis sich alles zurechtgeruckelt hat, gibt es "Stoff und Faden" weiterhin direkt bei mir, wenn ihr mir eine Mail schreibt, und über amazon ist das Buch weiterhin bei Drittanbietern bestellbar (auch portofrei). 

Bei der Lesung im Nähkontor am wird es natürlich auch Bücher geben, meines genauso wie Susannes. Nicht vergessen: am 18. 2. ab 18.00 Uhr!

Freitag, 3. Februar 2017

Stoffe, Nähmaschinen und Nähkurse in Berlin-Schöneberg: Smilla Berlin


Der Kiez um die Akazienstraße in Schöneberg, oder, mehr als ein Kiez, die Gegend zwischen Winterfeldtplatz und Kaiser-Wilhelm-Platz, ist eine wunderbare Gegend zum Bummeln, finde ich. Es gibt Schuhgeschäfte, Geschäfte mit skandinavischer Mode, einen sehr guten Laden für Küchenzubehör, mittendrin liegt Bastel-Rüther, man kann ein Vermögen für schöne Postkarten und anderen Schnickeldi ausgeben, und auch wenn meine bervorzugte Espressobar vor etwa zwei Jahren schloss und ich noch keinen guten Ersatz gefunden habe, sind Akazienstraße und Goltzstraße ab und zu das Ziel für einen kleinen Ausflug am Samstag.

Dass es in der Eisenacher Straße mit Smilla Berlin einen Stoffladen gibt, hatte ich lange Zeit nicht auf der inneren Landkarte, bis eine Kollegin aus dem Stoffladen dorthin wechselte. Kurz vor Weihnachten schaffte ich es endlich, sie zu besuchen.


Smilla ist ein Laden, der von der Straße aus kleiner aussieht, als er tatsächlich ist. An den ersten Raum mit bunt bedruckten Baumwollstoffen in Patchworkqualität, den man vom Schaufenster aus sieht, schließt sich nämlich ein zweiter, viel größerer an, in dem es Jeansstoffe, Cord, Jerseys, Sweat, Bänder, Kurzwaren von Prym und nicht zuletzt Nähmaschinen gibt.

Die Nähkurse - die unter anderem meine Ex-Kollegin betreut - finden in einem weiteren, sehr geräumigen Nebenraum statt. Zu den Zeiten außerhalb der Kurse kann man dort im Nähcafé stundenweise an den Nähmaschinen und Overlocks nähen. Eine der Pfaff-Computernähmaschinen kann man sogar tageweise mieten um sie zuhause zu nutzen - eine sehr gute Idee, finde ich. Beim Reisen zu Nähtreffen habe ich mir schon öfter gewünscht, ich müsste meine Maschine nicht durch das halbe Land schleppen, sondern könnte mir am Zielort einfach eine leihen, so wie man sich im Urlaub ein Fahrrad leiht.


Bei den Stoffen versammeln sich einige bekannte Hersteller und Designerinnen: Hamburger Liebe, Gütermann ring a roses, Swafing, Free Spirit, Hilco, Cotton&Steel, Tula Pink, Jolijou, Birch fabrics, Art Gallery. Man findet also vorwiegend festere Baumwollstoffe und Jerseys bei Smilla. Muster und Farben werden nach Erfahrung und Intuition ausgewählt: was könnte den Kundinnen gefallen? Hypes um bestimmte Designs, wie sie ab und zu durch die Blogs schwappen, setzen sich außerhalb des Netzes nur selten fort, so ist die Erfahrung der Smilla-Besatzung. Stoff wird intuitiv gekauft, nach Bauchgefühl, und das schlägt vor einem Stoffregal oftmals anders an, als im Internet.



Dekorative Kurzwaren, Knöpfe und anderes Nähzubehör sind auf die Stoffe - und auf die Themen der Nähkurse - abgestimmt, so dass alles vorhanden ist, um ein Nähprojekt erfolgreich abzuschließen, und wer sich schließlich mit dem Nähen trotz aller Beratung doch nicht anfreunden kann, kann bei Smilla Vorhänge, Kissenbezüge und Kindersachen nähen lassen.
 
smilla
Eisenacher Straße 64
10823 Berlin

Öffnungszeiten:
Mo-Fr 10.00 - 19.00, Sa 11.00 - 16.00

http://www.smilla-berlin.de/

Der Laden liegt jeweils einen längeren Spaziergang vom U-Bahnhof Eisenacher Straße (U7) oder S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke (S1) entfernt. Direkt kommt man mit den Bussen 104, 187, M48 und M85 hin (Haltestelle Albertstraße).

Sonntag, 29. Januar 2017

Stoffspielerei im Januar: Ecken und Kanten mit der Nähmaschine gestickt


Die Stoffspielereien, eine monatliche Aktion für textile Experimente, sind eine gute Gelegenheit, um im kleinen Maßstab Techniken auszuprobieren und zu testen, ob sie für ein größeres Projekt geeignet wären. Heute zum Thema "Ecken und Kanten"(gesammelt bei Ines - Nähzimmerplaudereien)  habe ich mich mit dem Selbermachen eines durchbrochenen Stoffes beschäftigt. Ich mag nämlich Stoffe mit Lochstickereien, aber meistens sind diese Stoffe weiß mit Blümchenmuster und ich fände schwarz mit grafischen Mustern viel interessanter. Und wenn das Muster zum Beispiel als Bordüre angeordnet werden könnte, wäre es sogar noch besser. Ich wollte also testen, ob  man sowas mit der Nähmaschine selbst sticken und ausschneiden könnte und wie lange das dauern würde.  


Als Teststoff verwendete ich ein Stück dünne schwarze Jeans und zeichnete das Muster mit einer Papierschablone und Kreidestift vor. Bei einem dünneren Stoff müsste man auf jeden Fall ausreißbares Stickvlies unterlegen - sogar der derbe Jeansstoff wellte sich ein bisschen durch das Sticken und Ausschneiden.


Ich steppte die aufgezeichneten Linien mit dickem Garn als Oberfaden und normalem Garn als Unterfaden nach. Die Rauten, deren Mitte ausgeschnitten wird, sind mit ganz eng gestelltem Zickzack umnäht. Gar nicht so einfach, denn man muss sich überlegen, ob die Nadel an den Wendestellen rechts oder links im Stoff stecken muss, damit die Spitzen der Rauten wirklich spitz werden. Ich habe einfach drauflosgenäht und die Rauten mit überkreuzten Enden einfach so gelassen, einige Male auch das Ende nicht ganz getroffen. Ein durchsichtiger Stickfuß, bei dem man sieht, was man tut, wäre dafür praktisch.


Das Innere der Rauten schnitt ich mit einer kleinen Schere vorsichtig aus.


Und damit etwas Sinnvolles aus dem Probestück wird, nähte ich eine kleine Tasche mit gelbem Futter.


Ganz hübsch, aber aus der Nähe man sieht gut, dass man sehr sorgfältig (sorgfältiger als ich hier) sticken müsste, damit das Muster wirklich schön wird - andererseits würden sich bei einem größeren Stück und bei einer Stickerei Ton in Ton die Unregelmäßigkeiten verlieren. Ein vorsichtiges "Ja" also zu der Frage, ob man Stoff mit Lochstickerei selber machen könnte  - mit etwas Ausdauer und guter Vorzeichnung durchaus.

Die Stoff-Mitspielerinnen sammelt heute Ines - Nähzimmerplaudereien.

Die nächste Stoffspielerei ist am 26. Februar, Gastgeberin ist Gabi - Made with Blümchen mit dem Thema "Kopfputz".

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
26. Februar 2017_ “Kopfputz” (Gabi – Made with Blümchen)
26. März 2017: „Shibori“ (Karen – Feuerwerk bei KaZe)
30. April 2017: “Seltene Techniken” (Suschna – Textile Geschichten)
28. Mai 2017:  Thema noch offen (Griselda – Machwerk)
25. Juni 2017: Thema noch offen (Lucy – Nahtzugabe)
Juli/August  2017: Sommerpause

Mittwoch, 25. Januar 2017

Wenona, das Kleid mit den Brustschuppen

Ich bin ein großer Fan der modernen Schnittmuster von named aus Finnland. Gleichzeitig kann ich mir die oft auf -i endenden Namen der Schnitte nur schlecht merken. Bei der Annäherung in Bielefeld erzählte jemand - leider weiß ich nicht mehr, wer - die Namen hätten auf Finnisch eine Bedeutung, der eine Schnitt hieße zum Beispiel "Wolke", der andere "Perle", und so gab ich gerade hochmotiviert das Wort "Wenona" in den Google Übersetzer ein. Tja, die Übersetzung von "Wenona" lautet offenbar "Wenona", und nun bin ich genauso schlau wie vorher. Aber macht nichts: Für mich ist Wenona sowieso "das Kleid mit den Brustschuppen".


Der Schnitt Wenona, den es auch in einer Blusen-Version gibt, hat nämlich ein Schnittteil mit großen, schuppenartigen, gesteppten Falten, das in der Mitte des Vorderteils zwischen den oberen und den unteren Teil gesetzt wird. Auf welcher Höhe diese Schuppen beim fertigen Kleid liegen würden, war mir längere Zeit nicht klar, denn Wenona lässt sich erst anprobieren, wenn man schon viel genäht hat: Ein Stoffstreifen läuft über die Oberseite der Ärmel bis in den Halsausschnitt, und er wird erst eingenäht, wenn die Seitennähte und der untere Teil der Ärmel schon fertig sind.


Ich hatte Glück und die Designerinnen von named hatten nachgedacht: Die Schuppen bilden keinen Brustpanzer, sondern liegen über der Brust, und ich finde, sie sehen schnittig aus, wie die Kiemenöffnungen eines Hais oder die Lüftungsschlitze eines alten amerikanischen Autos. 


Für das Schuppenteil, den Kragen und den Ärmel-/Schulterstreifen verwendete ich schwarzen Baumwollsatin, der leider etwas dazu neigt, Fusseln anzuziehen. Der Hauptstoff ist eine schwer fallende und wenig knitternde Viskose vom Markt mit kleinem, hellbeigen Konfettimuster. Die Knöpfe aus Claudias - Buntekleiders - beeindruckender Knopfsammlung passen perfekt dazu - vielen Dank noch mal! Unter den Knöpfen für die Kragenecken habe ich auf der Innenseite kleine gefaltete Stoffstücke untergelegt und mit angenäht, damit der Stoff stabilisiert wird - das habe ich mir von gekauften Button-down-Oberhemden abgeguckt. 


Der Kragen läuft hinten in einer Spitze aus und wird dort ebenfalls geknöpft. Die Schulterpasse im Rückenteil habe ich mit dem schwarzen Baumwollsatin gefüttert. In der Anleitung wird die Passe einlagig verarbeitet, das erschien mir bei dem dünnen, etwas weichen Stoff nicht stabil genug. 


Raffiniertes und einfach zu nähendes Detail: Der Ärmelschlitz liegt zwischen Ärmel-/Schulterstreifen und unterem Ärmelteil. Da braucht es keine Belege oder Einfassungen. Eben wegen dieser vielen Details mag ich den Schnitt sehr und es machte großen Spaß, ihn zu nähen.

Ob sich das Kleid als Kleiderliebling entpuppen wird, kann ich noch nicht abschätzen: Die locker fallende Form ohne Taillierung ist ungewohnt für mich. Zwar unschlagbar bequem, aber eben auch formloser als sonst.

Übrigens hatte ich mich bei der Auswahl der Größe an der Tabelle mit den Maßen des fertigen Kleidungsstücks orientiert. Wenona ist mit sehr viel Mehrweite konzipiert, und ganz so weit wollte ich das Kleid nicht haben, weil oversize an mir meistens nur wie zu groß aussieht. Ich habe den Schnitt daher in Größe 36 genäht, während ich bei named bei körpernahen Schnitten sonst Größe 40 nehme. Das Kleid sitzt immer noch sehr locker. Die bequeme Weite ließ auch zu, Taschen in die Seitennähte einzuarbeiten, die waren im Schnitt nicht vorgesehen - aber beim Selbermachen lässt sich diesem Mangel ja leicht abhelfen. Ich wette, dass die meisten Kleidungsstücke Taschen haben, die heute beim MeMadeMittwoch gezeigt werden.

Die technischen Details

Schnitt: Wenona von named clothing
Hauptstoff: schwarze Viskose mit beigem "Konfetti", knapp 2 m
Akzentstoff: schwarzer Baumwollsatin, etwa 0,5 m

Änderungen:

Größe 36 genäht statt Größe 40 laut Maßtabelle
hintere Schulterpasse doppellagig verarbeitet
Taschen in die Seitennähte eingefügt