Mittwoch, 22. Juli 2015

Das Kleid, das aus dem Hausflur kam (Nr, 9, Fashion Style 5/2015)


Nachdem ich zuletzt ziemlich viel und ziemlich theoretisch über Viskose geschrieben hatte (übrigens lohnt es sich sehr, auch die Kommentare zu lesen - es gibt noch jede Menge Profitipps zum Umgang mit Viskose), habe ich in letzter Zeit natürlich auch praktisch mit Viskose genäht. Allerdings ein bißchen geschummelt, denn meine Viskose ist von der festeren, griffigeren Sorte, ein nicht ganz dünner, aber trotzdem weichfallender Stoff mit einer leicht pfirsichartigen Oberfläche.

Der Stoff ist mir zugelaufen, er lag eines Abends im Hausflur zwischen allerlei Küchengerät und einer rosa Schultüte - im Haus war jemand ausgezogen und hatte die Überreste auf dem "zu-verschenken"-Platz unter den Briefkästen abgeladen. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Dunkelrot mit schwarz, stilisierte Blumen, den Stoff hätte ich auch gekauft. Die zwei-Meter-Bahn war an den Enden abgekettelt und hatte entlang der Mitte ein paar Löcher von Tackerklammern, davon abgesehen war der Stoff völlig in Ordnung, nur sehr staubig. Ich nehme an, der Stoff stammt noch aus den Neunzigern, das Muster erinnert mich sehr daran, und Viskose gab es damals ja auch viel.


Ich habe das Kleid Nummer 9 aus Fashion Style 5/2015 daraus genäht, allerdings mit großen Zweifeln, ob mir die Schnittform stehen würde: Oberteil und Rockteil werden angekräuselt, so dass sie an das Taillenband passen, das Oberteil fällt dadurch blusig und ich befürchte immer, dass so ein relativ unstrukturiertes Oberteil große Oberweiten noch größer macht. Aber ich bin ziemlich begeistert von der Schnittform (norddeutscher Ausdruck für: ich finde es supertoll). Und ich habe daran gedacht, Seitennahttaschen in den Rock einzuarbeiten.

Die Bilder sind von Sonntag, als es den halben Tag in Strömen regnete, daher die Strumpfhose - mit Strickjacke darüber ist das durchaus auch ein Schnitt für ein Herbstkleid.


Das Vorderteil ist am Ausschnitt in Falten gelegt und mit einem breiten Beleg verstürzt, der an den Seiten in die Armlöcher hineinläuft und dadurch im Schulterbereich großflächig fixiert wird - eine gute Konstruktion, denn der Beleg kippt daher vorne nicht nach außen, wie das bei solchen Faltenkonstruktionen sonst oft der Fall ist.


Der Rückenausschnitt ist natürlich der Clou - bei mir ist er im Verhältnis zum Kleid etwas kleiner, als er eigentlich gehört, weil ich nach dem übervorsichtigen Zuschneiden von Größe 40 das gesamte Kleid dann doch wieder auf ca. Größe 38 verkleinerte. Am Reißverschluss in der Mitte musste ich eine Menge wegnehmen, dadurch rücken die Spitzen der Passe oben näher zusammen. Für 40 entschied ich mich, weil mir das Taillenband in 38 nicht gepasst hätte (aufpassen: das ist nur 5mm weiter als das Taillenmaß vorgesehen), und ich dachte, dass ich die Weite obenrum bestimmt auch brauchen könnte. Beim nächsten Mal würde ich 38 zuschneiden und das Taillenband nach Körpermaß mit 2 bis 3 cm Bewegungszugabe, denn bei den Kräuseln kommt es nicht auf den Zentimeter an. Anders als bei Burda musste ich das Oberteil auch nicht verlängern - daran merkt man, dass Knip für 1,72 m Körpergröße konstruiert.

Schnitt: Nr. 9, Fashion Style (=Knipmode) 5/2015
Material: 2 m Viskose
Änderungen: Taillenband Größe 40, Oberteil Größe 40 am Reißverschluss und an den Seitennähten wieder auf ca. 38 verkleinert. Seitennahttaschen eingebaut.

Viele weitere selbstgemachte Kleider heute wie jeden Mittwoch im Me made Mittwoch-Blog!

Freitag, 17. Juli 2015

Das Biest des Jahres: Tipps und Tricks zum Nähen mit Viskose


Das Näh-Universum hat mal wieder ein neues Lieblingsmaterial: Viskose (oder Viscose?). Wie zuletzt 2012 mit dem Romanitjersey wollen gerade alle Viskose, kaufen alle Viskose, nähen gerade alle Viskose – und fluchen alle über Viskose, das zarte, flutschige, fließende, empfindliche, kurz: kapriziöse Biest. Ich weiß, das will jetzt niemand hören (Stichwort: #unsympathische Angeberei), aber meine erste starke Kleidungsnähphase fiel ja in die Neunziger Jahre, mithin in eine Viskose-Hochphase, daher finde ich die Verarbeitung von Viskose gar nicht so schrecklich. Ein paar Tipps zum Verarbeiten aus der Erfahrung von damals, und ein paar Tipps, die ich seither aufgeschnappt habe, habe ich hier zusammengestellt, und wenn ihr auch noch Tricks zum Bezwingen von Viskose habt, immer her damit. 

Viskose, was ist das überhaupt?


Viskose ist eine Chemiefaser, die aber aus einem pflanzlichen Ausgangsmaterial gewonnen wird, aus Holz von schnell wachsenden Bäumen (z. B. Fichten, Eukalyptus) und neuerdings auch aus Bambus. Die Faser besteht also aus Cellulose, genau wie Baumwolle und Leinen, und obwohl Viskose in der Fabrik mit Hilfe von allerlei Chemikalien erzeugt wird, soll die Herstellung weniger Energie und Wasser verbrauchen als der Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle – allerdings nur, wenn die Abwässer aus der Produktion gereinigt und die Chemikalien wiederverwertet werden.

Viskose gibt es seit den 1910er Jahren und wurde zuerst als „Kunstseide“ vermarktet, und das beschreibt auch, weshalb Viskose jetzt wieder so begehrt ist: Sie ist unvergleichlich weich, fließend. leicht glänzend, hat einen schönen, schweren Fall, dabei aber die angenehmen Trageeigenschaften von Baumwolle. Viskose lädt sich nicht statisch auf, ist luftdurchlässig und saugfähig, allerdings auch ziemlich knitteranfällig und nicht sehr formstabil – und genau da liegt auch das Problem. Aber dazu kommen wir gleich noch. 

Eng verwandt mit Viskose, also ebenfalls aus Zellulose bestehend, aber in etwas anderen Verfahren gewonnen, sind Acetat – daraus bestehen oft hochwertige Futterstoffe – und Lyocell oder Tencel (ersteres ist die allgemeine Bezeichnung, zweiteres der Markenname), das ist eine Viskose mit besonders langen Fasern, die daher stabiler sein soll. Cupro war als „neues Material“ in den 90ern kurze Zeit ein kleiner Hype, es ist besonders glänzend und seidenähnlich, seither ist es mir aber nicht mehr begegnet. In den 90ern gab es außerdem nicht nur die glatte, seidige Viskose, wie es sie jetzt überall liegt, sondern auch sehr viel Viskosekrepp, außerdem so eine Art Borkenkrepp oder gecrincelte Stoffe, also Stoffe mit einer dauerhaften, ganz feinen Faltenstruktur. Leider habe ich gerade davon keine alten Stoffproben mehr. Aber vielleicht dauert es einfach noch, bis diese Viskosequalität wieder in die Läden kommt. 

Links die beste Viskose, die ich jemals verarbeitet habe, seidig, weich, leichter Glanz, herrlich satte Farben, ganz feiner, detailreicher Druck, wenig fransend und relativ wenig knitternd, ca. 1995. Mitte: dünnerer Stoff, knittert stärker, Farben sind nicht so satt, aber trotzdem schön (es sind riesige verteilte Tulpen), ca. 1996. Rechts neue Viskose vom Markt, mitteldick, schön weich und relativ knitterarm.

Verarbeitungstipps für Viskose


Vorwaschen


Viskose unbedingt vor dem Nähen waschen, am besten bei 40° im Schonwaschgang, nur leicht schleudern und relativ nass aufhängen, als Kleidungsstück nur noch mit 30° waschen und nicht in den Wäschetrockner geben. Ich kenne keinen Stoff, der in der Länge so sehr einläuft wie Viskose, unbehandelten Baumwollnessel mal ausgenommen. Der blaugrundige Stoff mit den Blumen vom Markt im Bild oben ganz rechts lief z. B. von 1, 60 m auf 1,50 m ein – das finde ich schon ganz erheblich.

Das Vorwaschen setzte Ende der 90er auch den Schlusspunkt unter meine Viskoseleidenschaft: Nachdem ein wunderschöner, dunkelroter Krepp mit hellroten, zarten Blütenzweigen mit ein wenig Ocker und dunkelviolett (im Bild unten rechts) zusammengeschnurrt und lappig wie eine alte Windel aus der Wäsche gekommen war, beschloss ich spontan, nie wieder Viskosestoffe zu kaufen. Da Viskose-Webstoffe in den folgenden Jahren aus den Stoffläden verschwanden, wurde ich – bis jetzt – auch nicht in Versuchung geführt. Jetzt habe ich doch wieder Viskose gekauft, aber die Muster sind halt zu schön...

Links Viskose, die ich letztes Jahr im Hausflur fand, ich nehme an, sie stammt noch aus den 90ern. Ziemlich dicker Stoff, knittert wenig, pfirsichartige Oberfläche. Rechts Viskosekrepp mit wirklich tollem Muster, leider sehr lappig, locker gewebt, kein schöner Fall, stark fransend und stark knitternd - die letzte Viskose, die ich ca. 2001 kaufte.


Zuschneiden


Bei Zuschneiden zeigt sich Viskose von ihrer biestigsten Seite: sie lässt sich ungern festlegen und wendet sich opportunistisch mal in die eine, mal in die andere Richtung - genauso wie manche Menschen also. Die Schnittteile festzustecken hat oft keinen Zweck, weil sich der Stoff an allen anderen Stellen dann doch verschiebt. Die wichtigsten Tipps beim Zuschneiden sind daher:

1. Sich Zeit nehmen und den Stoff sorgfältig ausrichten, dabei darauf achten, dass sich Kett- und Schussfäden im rechten Winkel kreuzen und nicht die ganze Bahn in eine Richtung verzogen ist. 

2. Wenn Musteranschlüsse wichtig sind, den Stoff einlagig zuschneiden. 

3. Schnittteile mit Gewichten auf dem Stoff fixieren und vorsichtig um die Schnittteile herum schneiden, dabei den Stoff möglichst wenig anheben. Zuschneiden mit dem Rollschneider ist eine gute Idee, wenn man riesige Schneidematten hat, so dass der Stoff zwischendurch nicht bewegt werden muss. 

4. Schwere, das heißt im Fall von Viskose: flutschige Fälle, bezwingt man, indem man auf dem Zuschneidetisch eine Lage Baumwolle (Nessel, Bettlaken) auslegt und den Stoff darauf auslegt – dann rutscht er beim Schneiden weniger weg als auf der Tischplatte bzw. auf dem Boden.

5. Gut funktioniert auch ein Teppich oder Teppichboden als Unterlage. In den 90ern schnitt ich meine Nähprojekte immer in einem Zimmer mit einem großen Orientteppich zu, der den gleichen Effekt hatte wie ein Laken. Wahrscheinlich überstand ich die 90er nur aus diesem Grund ohne Viskose-Zuschneidetrauma.

5. Ganz flutschige Fälle lassen sich durch ein Bad in Stärke oder Gelatine bändigen. Beides habe ich so noch nicht selber ausprobiert.Wie sie das mit der Gelatine macht, hat Claudia Bunte Kleider hier beschrieben. Mit Wäschestärke für Gardinen oder Kleidung sollte das Versteifen des Stoffes ebenso funktionieren: Stärke auflösen, Stoff eintauchen, aufhängen, trocknen lassen. Für Kleinteile wie Belege oder Säume an Viskosejerseyshirts habe ich schon mal Sprühstärke verwendet, das geht sehr gut, wenn man bei kleinen Flächen etwas Festigkeit braucht. 

Den Hinweis auf den Stärkepackungen "nicht für Viskose und Acetat" kann man übrigens getrost ignorieren, die Stärke schadet der Viskose nicht, verursacht aber möglicherweise (herauswaschbare) Flecken oder einen weißen Schleier. Das ist nur ein Hinweis für den Normalverwender von Wäschestärke, der ein Kleidungsstück stärken, bügeln und anziehen möchte.    


Links dunkelgrüne Leoviskose, sehr transparent, glatt, fast schon Chiffon, franst stark, ca. 2001. Rechts mit großformatigem Dschungeldruck (u. a. Ananas!), transparent, leicht kreppig, ziemlich hart im Griff, knittert sehr stark und franst noch mehr, ca. 1998.

Nähen


Wenn der Zuschnitt geschafft ist, und man sich die zugeschnittenen Teile betrachtet, kann es trotzdem passieren, dass gerade Linien doch nicht ganz gerade sind, und man verabschiedet sich am besten gleich von dem Gedanken, dass sich Viskose so präzise wie feste Baumwolle nähen ließe.

Trotzdem ist es gut, weiteren Schäden vorzubeugen, und da sich Viskose eben leicht verzieht - und in schräg geschnittenen Partien noch leichter - ist es am besten, die Schnitteile möglichst wenig zu bewegen, an Ausschnitten und anderen gefährdeten Stellen Vlieseline Formband aufzubügeln (wobei man beim Bügeln alles noch mehr verziehen kann, weiß ich aus Erfahrung...) oder entlang der Nahtlinie, knapp auf der Nahtzugabe Stütznähte zu nähen (vergesse ich immer, bis es zu spät ist). Neulich beim Ärmel-Einnähen hatten sich die Ärmel schon so verzogen, dass ich auch im Vergleich mit dem Schnittteil nicht mehr feststellen konnte, wo vorne und hinten war (der Ärmel war fast symmetrisch, aber eben nur fast). Letztlich war das so gut wie egal, weil es sich um einen Puffärmel handelte, aber virtuoses Nähen geht anders. (Und was inzwischen mit dem Armloch passiert war, wollte ich lieber nicht wissen.)

Was bei Viskose außerdem kolossal nerven kann: Die Teile lassen sich nicht vernünftig zusammenstecken, Stecknadeln fallen von selbst wieder heraus, und überall wo nicht gesteckt ist, verschieben sich die Stofflagen gegeneinander. Deswegen stand ich schon öfter vor dem Kurzwarenregal und überlegte, ob sich so ein Klebestift für Stoff lohnt oder ob nicht sogar ein normaler auswaschbarer Klebestift aus dem Bürobedarf seinen Zweck erfüllen würde. Kleben statt Heften - hat das schon mal jemand ausprobiert?

Ansonsten gilt, was für feine Stoffe immer gilt: Mit einer neuen, feinen Nadel (70er oder sogar 60er) nähen, eher mit kleinen Stichen als mit großen, und wenn sich die Nähte kräuseln, könnte geringere Fadenspannung und/oder geringerer Nähfußdruck helfen. Und gegen das Verschieben vielleicht ein Obertransportfuß, sofern vorhanden?

Das Versäubern ist bei Viskosestoffen oft auch kein Spaß, vor allem ohne Overlock. Für eine Versäuberung mit Zickzack ist der Stoff zu fein, der Rand zieht sich zu kleinen Wülsten zusammen. Bei französischen Nähten und locker gewebter Viskose franst der Stoff gerne heraus: entweder auf der rechte Seite, wenn man zu wenig weggeschnitten hat, oder auf der linken Seite, wenn man zu viel Nahtzugabe weggeschnitten hat. Wie macht ihr das? Gibt es einen Versäuberungsmethode, die bei Viskose immer funktioniert? Lasst uns in den Kommentaren zusammentragen, wie man am besten mit diesem Material zurechtkommt.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Culotte mit Hundecontent


Den Hosenrock - neudeutsch Culotte - nach Burda 3/2015 hatte ich Ende April schon hier vorgestellt, noch mit einer gewissen Skepsis, was Eleganz und Kombinationsmöglichkeiten betrifft. Mittlerweile wurde das Teil ausgiebig im Alltag getestet, und ich stelle fest: Volltreffer. Besonders an windigeren, wechselhaften Tagen mit stark schwankenden Temperaturen und ab und zu Regen, wie wir sie zuletzt dauernd hatten, spielt die Culotte ihre Vorteile aus. Sie ist einerseits wärmer als ein Rock, aber trotzdem luftig genug, wenn es doch mal wärmer wird. Sie macht mit flachen Schuhen nicht unbedingt den schlanksten Fuß, passt aber im Prinzip zu jedem Schuh, den ich im Schrank habe. Sie ist sehr bequem, aber anders als bei den mittelweiten schwarzen Hosen, die ich Anfang der 2000er Jahre häufig trug, gibt sie mir nicht gleich das Gefühl, vollkommen langweilig angezogen zu sein. Ich überlege, ob ich den Schnitt aus Burda 4/2015 ausprobiere und noch eine in einer anderen Farbe oder vielleicht sogar eine gemusterte nähe.



Am Sonntag trug ich die Culotte auch, bei einem Ausflug zum Jagdschloss Grunewald mit dem Liebsten, als wir... huch, was will der denn von mir?!? ... also wo wir Fotos machten und Kaffee tranken und ständig von kontaktfreudigen Hunden unterbrochen wurden. Der Weg zum Jagdschloss und der Grunewaldsee sind nämlich eines der wenige Hundeauslaufgebiete im Grundewald, und, nun ja, Menschen sind dort eindeutig in der Minderzahl, was einem selbst als Hundeliebhaberin nach einiger Zeit etwas auf die Nerven gehen kann. 

Zum Hosenrock trug ich das (unvermeidliche) Lieblings-Ringelshirt und eine gekaufte und erst letztes Jahr gekürzte ungefütterte Leinenjacke von etwa 2001 aus wunderbarem, rot-schwarz gewebtem Stoff. Ich wäre froh, wenn ich so ein Material mal als Meterware finden könnte.

Was trugen und tragen die Selbermacherinnen in der letzten Zeit? Der Me made Mittwoch zeigt es.

Montag, 13. Juli 2015

Die 11. Textile Art - ein paar Impressionen


Seit Jahren schreibe ich in diesem Blog jeden Sommer über  die Textile Art, die Kreuzberger Textilmesse, die so vieles sein will: Textilkunstausstellung, Verkaufsschau von textilem Kunsthandwerk, Messe für Stoffe, Wolle, Handarbeitsmaterialien und -werkzeuge. Jedes Jahr komme ich zwiegespalten zurück: Die Vielfalt der Messe ist sowohl Vor- als auch Nachteil, denn das bedeutet, dass es neben modernem Design, gutem Handwerk und textiler Kunst immer auch vieles gibt, das mich nicht interessiert. Mein Eindruck in diesem Jahr bei einem kurzen Besuch am Sonntag: Die Organisation ist noch professioneller geworden, und mir gefiel, dass viele kleine Workshops direkt in den Ausstellungsbereich geholt wurden, so dass das Handarbeiten selbst, das Tun, auch bei der Veranstaltung präsent ist, man Menschen beim Werkeln über die Schulter schauen und selbst Techniken ausprobieren kann.

Die Verkaufsstände für Materialien und textile Produkte, wie auch die Ausstellungen konnten mich dieses Mal aber nicht so sehr begeistern. Lag es daran, dass ich die Messe Jahr für Jahr besuche, und viele Händlerinnen, aber auch viele der Ausstellerinnen jedes Jahr wieder, zum Teil sogar mit denselben Exponaten teilnehmen? Meine Ermüdung schien mir nicht repräsentativ zu sein, die Schule war gut gefüllt, die meist weiblichen und meist älteren Besucherinnen schienen zufrieden und interessiert. Brauche ich ein Jahr Pause? Darüber werde ich in einem Jahr noch einmal nachdenken.

Decke von "Maria" aus dem Projekt "Nähen statt Knast"

Meine Highlights der Textile Art 2015:

Eine Sammlung von gepatchten Wandbehängen, manche mit traditionellen Blockmustern, manche ganz wild und spontan zusammengefügt, die ohne Erklärungen, aber mit lächerlich niedrigen  Preisen versehen, im Erdgeschoss hing. Erst spät entdeckte ich ein Plakat und ein Tischchen mit Broschüren: Es handelt sich um Arbeiten, die in der Kleiderwerkstatt der AWO entstanden und die von Frauen angefertigt wurden, die durch das Nähen Geldstrafen abarbeiteten - "Nähen statt Knast" heisst diese Initiative so plakativ wie einprägsam. Die gepatchten, gefütterten, aber nicht gequilteten Decken zeigten zum Teil ungewöhnliche Farbharmonien, vergleichbar mit moderner Kunst, zum Teil erzeugten sie Irritation, wenn zum Beispiel die Motive einer kitschigen Ponybettwäsche liebevoll und sorgfältig in genähte Rahmen eingepasst wurden. Beides ist so originell, eigenständig und überraschend im Vergleich zu den Moden und Übereinkünften, was als "schön" und harmonisch zu gelten hat, die die Produkte von Hobbyquilterinnen bestimmen. Nur zu einem Werk, der Decke, die oben abgebildet ist, gab es etwas weiterreichende Informationen über die Urheberin und den Entstehensprozess, was ich sehr schade fand - die anderen Decken hingen dort völlig nackt, und auch wenn es wohl der Datenschutz verbietet, die Realnamen der Näherinnen zu nennen, ist es schade, dass die Schöpferinnen auf diese Weise gar nicht gewürdigt wurden.
 

Doppelbödige Blütenteppiche



Die zweite Ausstellung, die mich faszinierte, waren die textilen Wandbilder von Madre alias Guido Nosari aus Bergamo. (Und ich ärgere mich sehr, über den Künstler nicht vor der Textile Art recherchiert zu haben, denn zu seinen Wandbildern gab es im Ausstellerverzeichnis und in der Ausstellung selbst nur zwei dürre Sätze, es hätte sich so gelohnt, mehr über den Hintergund dieser Arbeiten zu wissen, und dann hätte ich auch erkannt, dass der junge, bärtige Mann, der dort etwas verloren herumsaß, Guido Nosari selbst war.).

Die genähten Bilder bei der Textile Art bestanden aus Stoffstücken in mehreren Lagen, zum Teil ausgeschnittenen Blüten, die durch große, sichtbare Handstiche in mehreren Schichten miteinander verbunden wurden. Von weitem wirkten sie wie heitere, textile Blütengärten, aus der Nähe erkannte man in den dicken Perlen zwischen den Stoffflächen kleine, bunte Schädel, die einen mit großen Augen anschauten. Ich konnte mich nicht entscheiden, wie ich diese Diskrepanz zwischen Nah- und Fernwirkung einordnen sollte. Durch die großen Augen hatten die Schädel auch etwas Niedliches, Maskottchenhaftes, zugleich lösten sie ein Erschrecken aus, weil es eine Weile dauerte, bis ich erkannte, was ich mir da gerade anschaute. War es der sprichwörtliche Abgrund, der zurückstarrte, oder eine Ironisierung des verbreiteten Images von Handarbeiten als harm- und belanglos? Das Interview mit Guido Nosari auf der Webseite der Textile Art hilft mir bei der Interpretation nicht viel weiter. Auf der Webseite zu Nosaris jüngstem Projekt, einem riesigen Gebetsmantel für die Neue Synagoge in Berlin, sind ganz unten zwei Ausschnitte aus einem Wandteppich zu sehen, der bei der Textile Art ausgestellt wurde, falls ihr euch selbst ein Bild machen wollt.
      

Raffinierte moderne Drucke auf Seide


Sehr begeistert haben mich auch die Seidenschals von Alice Zahn, die man hier auf der Textile-Art-Webseite etwas genauer sehen kann: Verfremdete, von Strukturen überlagerte Fotos von Brücken und Bäumen, in leuchtenden Farben auf Seide gedruckt. Bei anderen Stücken wurde neben dem Druck außerdem mit Ausbrennertechnik (devoré) gearbeitet, im Prinzip so, wie man es von Ausbrennersamt kennt. Bei einem Mischgewebe aus Viscose und Seide wird durch eine ätzende Paste partiell der Viscoseanteil herausgelöst, so dass das zarte, durchscheinende Seidengewebe übrigbleibt und ein Muster aus durchbrochenen Partien entsteht. Wunderschöne und sehr, sehr hochwertige Stücke fürs Leben.  


Sehr nett war es dann auch, zum Schluss (fast hätte ich sie nicht gefunden) am Stand von Stefanie - Manufacta est vorbeizuschauen. Diese detailreichen Applikationen muss man sich einfach im Original anschauen - die Fotos in ihrem Blog geben nur einen Eindruck.

Weitere Berichte zur  11. Textile Art 2015 findet man hier bei Hehocra, bei Helena - Fincolorist, bei Anke - Ankes Garten und hier bei Patchbärchen.

Samstag, 4. Juli 2015

Schnittmusterparade Mai/Juni

Puh, in Berlin soll dieses Wochenende das heißeste Wochenende seit überhaupt immer werden, wenn ich das gestern im Radio richtig gehört habe. Ich komme gerade von einem Geburtstagsfrühstück zurück und stelle erfreut fest, dass in der Wohnung nur 24° sind - nähen wäre also möglich. Oder Nähwerke planen, aber das geht ja ohnehin fast immer. Deshalb lasse ich euch zum Wochenende die neue Schnittmusterparade da - genießt sie bei einem kühlen Getränk!

Kleider


Sehr sommerlich: Das Sylvie Dress von Christine Haynes - ein ärmelloses Sommerkleid mit großem Ausschnitt und Fältchen in Oberteil und Rock anstelle von Abnähern, in den Größen 0-18 (79-114 cm Brustumfang). Ich bin gespannt auf die ersten genähten Exemplare im Netz - denn die Unterschiede zwischen der Schnittzeichnung und den Beispielkleidern auf der Seite irritieren mich etwas: Das Taillenband ist anscheinend sehr viel breiter, als es in der Zeichnung erscheint und reicht fast bis unter die Brust, der Rockteil von Modell B ist in Wirklichkeit wohl ein Bleistiftrock mit Abnähern. Aus den Zeichungen hätte ich das so nicht herausgelesen - oder ist das künstlerische Freiheit?

Klassisch: Das Hemdblusenkleid von Sew over it - ein tief gezogener Reverskragen, Schulterpasse, Fältchen in der Taille, schmale, dreiviertellange Ärmel und mal nicht mit einem Frauennamen benannt, sondern nach dem, was es ist: The vintage shirt dress (Größe 8-20, 84-114 cm Brustumfang). Und Zeichnung und Fotos stimmen hier auch überein.

Einen Tick zu spät für den Wickelkleid-Motto-Mittwoch kam das Wickelkleid Rachel von Maria Denmark heraus, ein Jerseykleid ohne Taillennaht in den Größen 34-56 (80-120 cm Brustumfang),, somit ist der Schnitt noch nicht Nähcommunity-getestet. Im Blog gibt es zusätzlich eine bebilderte Anleitung der Schnittänderung für größere Oberweiten.

Jumpsuits sind sowas wie Kleider mit Hosen, richtig? Deshalb ordne ich den Jumpsuit Sallie von Closet Case Files hier bei den Kleidern ein. Zudem gibt es ihn auch noch als Maxikleid-Variante, und beim Oberteil kann man zwischen kurzen angeschnittenen Ärmeln oder dünnnen geknoteten Trägern wählen. (Größen 0-20, 79-117 cm Brustumfang)

By Hand London veröffentlichte den ersten Schnitt nach dem Zerplatzen der Träume vom Schnitte-und-Stoffe-Großkonzern und erhörte meine Gebete: Das Kleid Zeena hat Ärmel! Wahlweise kurze oder ellbogenlange Kimonoärmel, ein Oberteil mit aufspringen Falten statt Abnähern und einen Rock mit Kellerfalten. Auch hier habe ich den Eindruck, dass ich noch mehr genähte Beispiele sehen muss, zum Beispiel um herauszufinden, ob das Oberteil locker und blusig sitzen soll. (Größen 6-20, 81 - 106 cm Brustumfang)

 

Oberteile 


Keine Indie-Schnittmusterfirma ohne kastiges Webstoff-T-Shirt im Portfolio! Was für den Sommer 2014 galt, gilt 2015 noch immer. Das kastige Webstoff-T-Shirt von Paprika Patterns heißt Onyx Shirt und ist ärmellos oder mit kurzen Ärmeln mit Riegel. Für Größe 1-10, 80 bis 124 cm Brustumfang.

Das kastige Webstoff-T-Shirt von Inhouse Patterns, die Chelsea Blouse, finde ich im Vergleich dann doch etwas raffinierter: die Seitennaht verläuft in einem leichten Bogen, es gibt zwei Ausschnittvarianten, zwei Saumvarianten, und neben normalen kurzen Ärmeln auch einen Tulpenärmel (und btw. hat das Shirt sogar einen Brustabnäher). (Größen XS bis XL, 81-107 cm Brustumfang)

Seitdem Tilly von Tilly and the buttons eine Mitarbeiterin einstellte, erscheinen die Schnittmuster in dichter Folge - neu ist nun das Shirt Agnes, ein eng anliegendes T-Shirt mit langen oder halblangen Ärmeln, kleiner Raffung am Ausschnitt oder im Schulterbereich der Ärmel. Passend dazu vermarktet Tilly nun einen Videokurs zum Nähen mit Jersey. Den Schnitt finde ich ja ehrlich gesagt verzichtbar (und die Version mit den gerüschten Ärmeln gefällt mir persönlich gar nicht), aber wenn dadurch mehr Leute zum Selbernähen ermutigt werden, soll es mir recht sein. Größen bei Tilly: 1-8, d. h. 76-112 cm Brustumfang.

Röcke


Megan Nielsen hatte in diesem Monat gleich eine Menge Neues: gedruckte Schnittmuster im neuen Design, eine App (siehe weiter unten), einen kostenlosen Schnitt (ebenfalls weiter unten) und einen neuen Rockschnitt, den Rock Brumby, ein angekräuselter Rock mit hoher Taille und großen Taschen in drei Längen. Größen XS-XL, 91 - 112 cm Hüftumfang.

Blueprintsforsewing ist ein Ein-Frau-Unternehmen aus der Nähe von Boston, das ich erst jetzt entdeckt habe. Die nerdig-intellektuelle Ästhetik finde ich ja nicht schlecht - das gefällt sicherlich nicht jeder, hebt sich aber sehr von anderen Schnittmusterfirmen ab. So werden die Zeichnungen auf dem Schnittmusterumschlägen z. B. von unterschiedlichen Künstlerinnen gemacht, die im Blog vorgestellt werden. Neu erschienen ist A-Frame, ein Rock mit interessanter Bahnenaufteilung und Taschen, einmal in gerader Form als Bleistiftrock, einmal mit einer breiteren Mittelbahn als A-Linien-Rock. In einem Blogpost werden außerdem Möglichkeiten gezeigt, wie man bei dem Schnitt mit verschiedenen Stoffmustern spielen kann. (Größen A-J, 89-124 cm Hüftumfang.)

 

Andere Schnitte


Für neue Designerinnen im Schnittmustergeschäft bleiben nur noch wenige Nischen, in denen die Konkurrenz nichr so groß ist. Unterwäsche und Bademoden sind eine solche Nische, und daher kann man die Bloggerin Seamstress Erin zu ihrem Badeanzug- und Bikinischnitt nur beglückwünschen. Der Nautilus Swimsuit hat ein wirklich schönes Knotendetail im Oberteil, es gibt außerdem verschiedene Träger- und Höschenvarianten. Das Größensystem scheint sehr ausgeklügelt zu sein: Badeanzug bzw. Bikini gibt es in den Größen 0-24 ausgehend vom Unterbrustumfang, wobei jeweils vier verschiedene Cupgrößen angeboten werden (Unterbrustumfang von 79-129 cm). 

Schnittmuster für Männersachen sind auch so eine Nische, bei der ich mich wundere, dass da nicht mehr angeboten wird - es gibt Thread Theory als Spezialisten, in Zeitschriften findet man ab und an einen Schnitt, und das wars dann auch schon. Aber von Monika Wollixundstoffix und Schnittreif ist diesen Monat Pablo herausgekommen, ein "Seemannsshirt", ein lockeres, langärmeliges T-Shirt mit größerem Ausschnitt, wie es Picasso auf vielen Fotos trug, und das ist ja immerhin schon mal ein Anfang in Sachen Herrenschnitte.

Schnittmusterkollektionen


In Neuseeland, der Heimat von Papercut patterns, ist es Winter, und das sieht man auch den Fotos der neuen Kollektion Chameleon an - und deswegen gibt es neben zwei ärmellosen Kleidern und einer lockeren Tunika auch Schnitte für Rollkragenpullover zum Unterziehen, eine solide lange Hose und eine Jacke bzw. einen leichten Mantel mit Raglanärmeln und Kapuze. Vormerken für den Herbstanfang und die Schnitte dann nochmal angucken! Größen XXS-XL, 82-112 cm Brustumfang.

Cake Patterns kommt zwar aus dem ebenfalls winterlichen Australien, die neue Tidepool Collection bietet aber lauter Teile aus Jersey für den Strandurlaub, also gerade richtig für die Nordhalbkugel: Pipi, Janthina, Scallop und Miter sind ärmellose Tops, einige mit sehr interessant gestalteten Rückenausschnitten, Endeavour ist wahlweise eine lange Hose oder eine Shorts, und der Schnitt Urchin ist bietet eine Kombination aus Webstoffrock und lockeren Jerseyshorts zum Unterziehen - statt Futter. Die Größen reichen von 76 bis 150 cm Brustumfang, wie immer bei Cake können unterschiedliche Größen in einem Teil flexibel miteinander kombiniert werden.    

Schnittmusternachrichten


Colette patterns ist, was Kundenfreundlichkeit und Geschäftssinn betrifft, wie immer allen anderen eine Stecknadellänge voraus und hat einige Anleitungen ihrer Schnitte in andere Sprachen übersetzen lassen. Zu einer Reihe von Modellen kann jetzt beim Kauf eine zusätzliche deutschsprachige Anleitung heruntergeladen werden, und da die wohlbekannte Frau Vau an den deutschen Übersetzungen beteiligt war, gehe ich davon aus, dass sie etwas taugen.

Eine gute Idee hatte auch Megan Nielsen: wie oft steht man im Stoffladen und weiß nicht genau, wieviel Stoff für einen bestimmten Schnitt nötig ist, und wer ist schon so organisiert, immer einen Zettel mit Stoffbedarf und Zutaten dabei zu haben? Für die Megan-Nielsen-Schnitte gibt es jetzt eine kostenlose App, die genau dieses Problem löst: Schnitte und Materialbedarf sind so immer auf einen Blick mit dabei.    

Kostenlose Schnitte 


Megan Nielsen zum Dritten: Den Veronika Skirt, einen Tellerrock mit interessanten aufgesetzten Taschen und verschiedenen Taillenbandverarbeitungen gibts kostenlos zum Herunterladen. (Taillenweite 66-86 cm)

Auch interessant: Links zu vier kostenlosen Blusenschnitten auf der Seite von Love Sewing.

Dienstag, 30. Juni 2015

Spannend wie ein Krimi: "Dior und ich" im Kino


Filme, in denen Mode und Nähen die Hauptrolle spielen, sind selten, daher hätte ich mir "Dior und ich" auf jeden Fall angesehen, der Film ist aber so spannend und interessant, dass ich hier eine Empfehlung loswerden muss.

Die Dokumentation von Frédéric Tcheng begleitet die Entstehung der ersten Haute-Couture-Kollektion von Raf Simons für Dior im Sommer 2012. Simons hatte den Posten unter schwierigen Umständen angetreten: John Galliano war als Chefdesigner im Frühjahr 2011 gefeuert worden, die folgende Kollektionen, von seinen Assistenten fertiggestellt, hatten nur mäßige Begeisterung hervorgerufen. Als Simons im April 2012 Nachfolger Gallianos wird, sind es nur noch wenige - eigentlich zu wenige - Wochen bis zu den Haute-Couture-Schauen in Paris, und Simons, der zuvor bei Jil Sander beschäftigt war, hat zuvor noch nie zuvor in einem Couturehaus gearbeitet.

Die Macht und das Selbstbewusstsein der Ateliers nicht zu unterschätzen, in denen jedes einzelne Modell in Handarbeit hergestellt wird, gehört zu einer der ersten Lernaufgaben Raf Simons. Man begreift, dass der wahre Reichtum des Hauses Dior tatsächlich in seinen Ateliers liegt, wenn man miterlebt, wie diese hochspezialisierten Handwerkerinnen und Handwerker die Skizze eine Kleides Linie für Linie, Falte für Falte, Abnäher für Abnäher durch Drapieren an der Puppe in ein Nesselmodell übersetzen. Sie sind es, durch die aus der Skizze ein Entwurf wird - und auch wenn der Designer später hier und da noch einen Milimeter wegnehme, ändere das nichts daran, dass das in erster Linie ihr Kleid sei, wie eine der Näherinnen erklärt. 


Dass Haute Couture eine Gemeinschaftsleistung ist, Design nicht aus dem Nichts kommt und Inspiration nicht vom Himmel fällt, sind die Aspekte, die mir an dem Film besonders gefallen haben. Simons taucht in die Skizzen und Musterbücher aus dem Archiv des Hauses ein, lässt sich alte Originalmodelle vorführen, besucht die Villa Diors und dessen Garten und entwickelt mit einem Team von Designern Ideen, die durch ständige Auswahl und Verfeinerung zu Konzepten geschärft werden. Zitate aus dem Memoiren Christian Diors, der besonders über seine öffentliche Rolle als Designer nach dem Erfolg des "New Look" reflektierte, und alte Aufnahmen früher Modenschauen bilden eine zweiten roten Faden der Dokumentation. Dazwischen wird es auch einmal komisch - wenn dem eher zurückhaltend veranlagten Raf Simons die Notwendigkeiten moderner Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nahegebracht werden - und schließlich daramatisch, wenn nur noch wenige Stunden bis zur Show und dem Auftritt vor der Fotografenmeute bleiben.

Diese Spannung, die der Film auch ohne Überdramatisierung erreicht, seine Dichte und Schnelligkeit, machen die Dokumentation auch für Nicht-Nähende und Nicht-Modeinteressierte sehenswert. Niemand wird langatmig mit Nähdetails gelangweilt, aber auch als Nähnerd hat man nicht das Gefühl, dass dieser Teil der Geschichte zu kurz kommt. Ich würde mir den Film am liebsten gleich noch einmal angucken, bestimmt habe ich viele Details gar nicht wahrnehmen können.

Zur Einstimmung auf den Kinobesuch, den ich sehr empfehle, hier die Bilder der Show, die das Ergebnis aller Anstrengungen war: Christian Dior Autumn/Winter 2012.