Mittwoch, 8. Oktober 2014

Riesenaufwand - geringe Wirkung. Pseudo-Wickelrock (130 aus Burdastyle 8/2013)


Jede Selbermacherin kennt das: es gibt Projekte, die sehen in der Vorstellung erheblich besser und raffinierter aus als das tatsächliche Ergebnis. Der Rock den ich hier zum Me made Mittwoch trage, Nummer 130 aus Burdastyle 8/2013 ist so ein Kandidat. Auf den Schnitt hatte ich schon ein Auge geworfen, als das Heft herauskam, und ich hatte mir im August 2013 sogar schon Stoff zurechtgelegt, schwarzen Wollstoff mit eingewebten wollweißen Streifen.  


Der Rock ist ein Wickelrock mit festgenähtem Untertritt und einem schräg verlaufenden, verdeckten Reißverschluss vorne. Ich stellte mir vor - Denkfehler Nummer 1 - dass der gestreifte Stoff im Zusammenhang mit der schrägen Öffnung einen raffinierten Effekt ergeben würde. Aber weit gefehlt: der Fadenlauf der Rockteile verläuft (natürlich) immer senkrecht, da ergibt sich also gar nichts mit den Streifen. Im Grunde kann man die übereinander geschlagenen Vorderteile auf dem Foto kaum erkennen, und die waagerecht verlaufenden Streifen des Bundes (die auch an den Seitennähten zusammentreffen) zeigen zwar an, dass ich sorgfältig zugeschnitten habe, tragen aber ansonsten nichts zum Gesamteindruck bei. 


Die Rückenansicht mit den Leistentaschen finde ich ganz gelungen, allerdings teilte mir eine  Schreibtischnachbarin gleich beim ersten Ausführen des Rockes mit, sie finde solche Taschen im Rückenteil von Röcken "blöd". Aha.

Meinen zweiten Denkfehler erkennt man glücklicherweise nur, wenn der Rock wie oben auf dem Bügel hängt und wenn man die Schnittzeichnung kennt: das beim Draufschauen rechte Vorderteil ist einen Tick länger als das linke. Ich hätte den Reißverschluss noch etwas schräger festnähen müssen (dann wären die Vorderteile am Saum gleich lang), aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass der untere Knopf wohl nicht auf dem Bund, sondern knapp darunter angenäht werden soll. Wenn man der Schnittzeichnung glauben mag, sollen die Vorderteile wohl noch mehr gegeneinander verschoben sein als bei mir.  


Damit kommen wir zu den Denkfehlern 3 bis 25, der nicht ausgereiften Anleitung oder meinem Unvermögen, sie zu verstehen. Normalerweise habe ich ja wenig Schwierigkeiten mit der Burda-Anleitungssprache - bei diesem Teil war ich kurz davor, die Burda-Nähtechnikberatung anzurufen und wurde nur durch deren ungünstigen Öffnungszeiten abgehalten, die nicht mit meiner Freizeit kompatibel sind.

Aus unerfindlichen Gründen verlangt die Anleitung einen teilbaren Reißverschluss, obwohl die beiden Rockteile unter dem Reißverschluss (allerdings mit einer Lücke von ein paar Zentimetern) aufeinander genäht werden. Ich durchschaute die Sache nicht ganz, fuhr extra nach Charlottenburg, um einen feinen, teilbaren Plastikreißverschluss zu kaufen (beim Reißverschlussspezialisten hier in der Großstadt kein Problem, aber ich möchte nicht wissen, was man woanders anstellen muss), und dann fiel mir beim Nähen auf, dass es ein normaler auch getan hätte. Die Vorderteile liegen einfach ein Stück übereinander, an der der einen Kante ist der Reißer, am Untertritt gibt es ein Knopfloch und einen Gegenknopf am Bund. So einfach, so unkompliziert.

   

Die Anleitung für die Taschen in der Seitennaht (von denen ich kein gescheites Bild habe) fand ich komplett unverständlich. Für den vorderen Tascheneingriff gibt es einen Beleg, der anscheinend offenkantig aufgesteppt werden soll. Das ergab für mich keinen Sinn, wie das ganze laut Anleitung mit dem vorderen Taschenbeutel verbunden werden sollte, war mir auch komplett unklar, so dass ich die Taschen nach dem allgemeinen Verfahren für Seitennahttaschen nähte.



Die angeschnittenen Belege an dem Vorderkanten muss man auf jeden Fall mit ein paar Handstichen fixieren, sonst wurschteln sie sich nach vorne raus. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich an den Ecken, wo Saum und Belege zusammentreffen, Briefecken genäht.

Ihr seht also: alles ein bißchen suboptimal. Ich werde den Rock zwar sicher regelmäßig tragen - so schlecht finde ich ihn auch nicht - aber ich hatte mir am Anfang mehr davon versprochen. Und falls ihr Modell 130 aus der Septemberburda 2013 noch auf der Nähliste habt, überlegt es euch lieber noch einmal.

Hier alle Schnitte:
Rock 130 aus Burdastyle 9/2013
Strickjacke mit Schleifenmuster aus Baby Merino nach eigenem Schnitt 
langes Tshirt: auch von Burda
Schal: handgenäht aus alten Tshirts und Jerseyresten

Alle Beiträge zum Me made Mittwoch mit dem neuen Teammitglied Katharina als Gastgeberin finden sich hier.

31 Kommentare:

  1. Das Tragebild erscheint mir gar nicht suboptimal. Allerdings kann ich nachvollziehen, dass bei 1 - 25 Denkfehlern inklusive der diffusen Anleitung der rechte Spaß am Rock noch nicht aufkommen will. LG Frau Neu

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  2. Das ist mir bei burda schon oft so gegangen. Riesen komplizierter Aufwand, minimaler Effekt. Genau umgekehrt zu Onion, da machen Kleinigkeiten oft einen Aha-effekt.
    Viele Grüße
    Julia, die den Rock aber nicht schlecht findet.

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  3. Hallo Lucy, Danke fürs Zeigen und Deinen ausführlichen Bericht. Ich habe oft Verständnisprobleme mit der Burda-Anleitung und deshalb versuche ich mir einen Rat irgendwo zu holen oder ich entscheide mich für ein anderes Modell. Eine Frage habe ich noch zum Rock: hast Du die Innenkanten mit einem rosa Band versäubert? Dein gesamtes Outfit kleidet Dich gut.
    LG Eva

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    1. Ja, der Rock wird nicht gefüttert (laut Anleitung - jetzt denke ich, ich hätte mir doch die Mühe machen sollen), daher habe ich die Nahtzugaben mit Schrägband aus Futterstoff eingefasst.

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  4. Vielen Dank für die ausführliche Schnittbesprechung. Dieser Rock steht auch auf meiner Liste; dass er soviel Probleme bereiten würde, hätte ich nicht gedacht. Den RV hatte ich allerdings auch im Verdacht und hatte bei der Burdaredaktion angefragt, ob es denn unbedingt ein teilbarer sein müsste. Antwort: nein, aber so ließe es sich leichter handhaben - was du ja beim Nähen herausgefunden hast. Ich sollte vielleicht überlegen, ob ich den tollen, hochwertigen Stoff, den ich für diesen Rock bereits gekauft habe, wirklich dafür verwenden soll. Ich hoffe jedenfalls für dich, dass die unerfreulichen Abläufe beim Nähen in der Erinnerung verblassen und du noch Freude an dem Rock haben kannst.
    LG
    Siebensachen

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    1. Das finde ich ja sehr interessant - gut, dass du nachgefragt hast. Das ist ja eine unglückliche Entscheidung von Burda, in den meisten Geschäften kann man so einen feinen teilbaren Reißverschluss in der Länge gar nicht kaufen. Ich fühlte mich von der Anleitung etwas veralbert, nachdem ich keien Grund finden konnte, warum es ausgerechnet sowas Spezielles sein musste.

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  5. Du bist ja normalerweise meine absolute Schnitteverstehunddurchschau Guru - Lange bevor ich etwas in Schnitten entdeckt habe , oder Anleitungen gerafft habe hast Du sie schon durchschaut ... Vielen Dank fürs Schreiben , wieviele " Haken und Ösen " dieser Schnitt hat , den ich auf dem Tragebild dennoch seeehr schön finde . Aber viel Wirbel um Wenig ist auch beim Nähen nervig !
    liebe Grüße Dodo

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  6. Hmmm, auch wenn dich der Schnitt gepiesackt hat, ich finde das Ergebnis echt schön!
    Liebe Grüße, Smila

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  7. Ich hab es zweimal mit dem Schnitt versucht und dachte, ich sei einfach zu doof. Aber wenn selbst DU das nicht verstehst, bin ich ja beruhigt. ;) Einen passenden RV habe ich auch nicht gefunden. Vielen Dank für deinen ausführlichen Erfahrungsbericht!

    Liebe Grüße
    Jay

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    1. Ach herrje! Das liegt aber wirklich an der Anleitung. Ich weiß immer noch nicht, wie man die Taschen in der Seitennaht eigentlich wirklich nähen soll.

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  8. deine schnittmuster-rezensionen sind wie immer großartig. und burda wie immer manchmal sehr schlecht. auch bei meinem mantelcape wäre ich schier verzweifelt, und hab vor lauter zorn geweint...aber dort anzurufen kam für mich nie in betracht. ich halte das für fakebildchen aus dem internet..diese frauen altern nie, und haben beschissenen arbeitszeiten...aber man könnte es ja mal ausprobieren...deinen rock finde ich sehr kleidsam , und das gesamtoutfit sehr stimmig !

    liebe grüße
    stella

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    1. Krchkrchkrch... vor ein paar Jahren haben die Telefonkummertanten ja mal neue Fotos bekommen ;)

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    2. Etwas spät, aber dennoch: Ich habe schon mehrfach per Mail Fragen an diese Damen gestellt und immer zeitnah gute Antworten bekommen, mit denen ich etwas anfangen konnte.

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  9. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  10. Schade eigentlich, ich finde den ganzen Rock sehr schön und stimmig. Taschen im Rückenteil von Röcken mag ich sehr gerne (Liebe zum Detail) und in deinem Fall finde ich sie außerordentlich gut gelungen!!! Ob man sie braucht ist wieder was ganz anderes ...
    Ach ja, Anleitungen. Bei mir immer eine Mischung aus "Ich nehme sie nicht ganz ernst und fahre ganz gut damit. Manchmal kommt dann aber auch was ganz anderes dabei heraus -
    so ähnlich wie ich manchmal auch mein Navi benutze.
    liebe Grüße, Birgit

    Viel Spaß beim Tragen trotzdem!

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  11. Geringe Wirkung würde ich nicht sagen, ich finde der Rock steht dir sehr gut. Die rückwärtigen Taschen finde ich übriges besonders schön!
    Der Rock steht bei mir schon lange auf der Liste, obwohl ich ja schon eine Rock mit aufgenähtem Reißverschluss habe..., aber nach deiner Rezension werde ich es wohl lassen, es gibt ja schließlich noch mehr schöne Rockschnitte.
    LG Rita

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  12. Oh nein, wie ärgerlich ist denn sowas, wenn man sich ein richtig tolles Ergebnis erhofft, viel Arbeit reinsteckt und dann nur mittelmäßig zufrieden ist.
    Da hat Burda ja anscheinend mal wieder richtig "toll" erklärt, wenn sogar du ins Rätseln kommst. Das verstehe ich ja nicht. Zielgruppe sind doch Hobbyschneider, oder? Haben die kein Lektorat, die jedenfalls mal gegenlesen, ob das überhaupt verständlich ist?
    Trotz alledem gefällt mir dein Rock, der Stoff ist ja echt toll :-) Und die Taschen auf der Rückseite finde ich auch sehr gelungen!
    Viele Grüße, Goldengelchen

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    1. Bei twitter kam ja neulich heraus, dass die Anleitungen geschrieben werden, wenn die Prototypen fertig sind, und dass sie vor dem Druck nicht mehr auf Nachnähbarkeit überprüft werden. Bei Standardschnittformen gibts damit auch keine Probleme, aber mir ist schon öfter aufgefallen, dass die Anleitungen seltsam oder sehr umständlich werden, sobald es um Schnittdetails geht, die nicht so üblich sind (also solche wo die erprobten Textbausteine nicht mehr ausreichen).

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  13. Hört sich nach einem typischen Burda-Teil an.....;-)
    Ich finde, der Rock ist toll geworden. Und die Taschen auf der Rückseite gefallen mir auch.
    Liebe Grüße, Sandra

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  14. Ich finde auch, dass der Rock besonders aussieht. Vielleicht anders, als du geplant hast. Aber die ungewöhnliche Schnittführung macht den Rock durchaus außergewöhnlich. Wenn ich deine Kämpfe beim Nähen lese, bin ich ausnahmsweise mal froh, dass ich Anleitungen eher großzügig benutze.
    LG,
    Claudia

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  15. Au weia, bei unverständlichen Anleitungen könnte ich die Wände hochgehen.... Auf diesen Schnitt hatte ich auch ein Auge geworfen, mich aber noch nicht näher damit beschäftigt.
    Ich finde allerdings schon, dass der Rock an dir sein Potential offenbart; getragen gefällt er mir sehr gut und die rückwärtigen Taschen sind ein besonders schönes Detail.
    LG von Susanne

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  16. Oh, das will was heißen wenn du mit der Anleitung solche Schwierigkeiten hattest. Manchmal sind die Anleitungen in der Burda wirklich sehr sehr mager, gerade die Zeitpunkte und Orte des Versäuberns usw sind ja nie beschrieben - und einen zweiten Knopf unterhalb des Bundes aufnähen - da muss man erst mal drauf kommen, wer denkt sich denn sowas aus? Und erwähnt es nicht ausdrücklich?

    Nichtsdestotrotz ist es ein sehr schöner Rock geworden, und irgendwann wirst du vermutlich deine Idealvorstellung dessen wie er in deiner Vorstellung aussah, vergessen und ihn trotzdem gerne tragen. Denn so für sich betrachtet ist es ein schicker Rock und sieht auch so aus, als wäre er ein gutes Kombiteil. Mir gefällt er gut. Aber nachnähen werde ich den wohl sicher nicht...danke für die Warnung.
    LG frifris

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  17. Hey, tolles Foto!
    Ich finde den Rock eigentlich ziemlich gut gelungen und gar nicht langweilig. Hattest du den nicht vor Ewigkeiten beim Nähkränzchen genäht? Machst du dir Notizen? Ich hätte mich ja schon gar nicht mehr erinnern können :-D
    LG

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    1. Ja, den habe ich im Frühjahr beim Nähkränzchen genäht und er war seit Monaten fast fertig - bis auf die Knöpfe und Knopflöcher. Aber es war ja sowieso die ganze Zeit zu warm um ihn zu tragen.
      Diese merkwürdige Anleitung war unvergesslich, da musste ich mir nix aufschreiben!

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  18. Hm, aber Du hast es ja sehr sorgfältig gelöst. Ich finde es bei burda immer sehr schwierig, Anleitungen zu durchschauen, die von gewohnten Schnittverlauf abweichen (befasse mich gerade mit so einer Hose). Insofern blicke ich etwas neidisch Deine saubere Verarbeituing innen, lg ottilie

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  19. Trotz aller Schwierigkeiten ist es ja doch ein schöner Rock geworden. Besonderen Spaß muss ja das An- und Ausziehen machen, wenn man die hübsche Abseite des Bundes sieht... Zu wissen, da ist so eine hübsche Besonderheit, macht mir bei Kleidern immer Spaß. (Dir sicher auch, sonst wär der Beleg wohl nicht so farbenfroh geworden, oder?)

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    1. Ja, ich nehme oft einen Baumwollstoff für den Innenbund, Wolle kratzt an der Stelle immer etwas. Und: wenn schon, denn schon! Da kann ich die ganzen schönen bunten Stoffe verwenden, die mir für außen zu bunt oder zu wild sind.

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  20. Ich finde die Taschen so gerade schön! Solche Bemerkungen braucht man wirklich nicht. Auch wenn er nicht so raffiniert daherkommt wie erhofft, kleidsam ist der Rock auf jeden Fall.
    Gruß, Claudia

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  21. Ich finde den Rock eigentlich auch sehr hübsch... Hätte man beim überlappenden Vorderteil den Fadenlauf parallel zur Kante verlaufen lassen, wäre der Wickeleffekt deutlicher geworden.
    LG Elke

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    1. Genau - das habe ich mir nachher dann auch überlegt. Ich hätte sogar noch genug Stoff, um das Vorderteil nochmal neu zuzuschneiden, aber nicht so große Lust, alles nochmal aufzutrennen...

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  22. Der Rock ist sehr schön und die Taschen auf der Rückseite finde ich praktisch - ich stecke beim Einkaufen immer den Merkzettel in die hinteren Jeanstaschen oder die Parkkarte, damit ich nicht in den Tiefen meiner Handtasche danach suchen muss.
    Deinen Ärger über die burda-Anleitung kann ich gut nachvollziehen, mir geht es zur Zeit mit meinem Parka vom Herbstjacken-Sewalong genau so. Auf die Idee, bei burda anzurufen, bin ich noch garnicht gekommen, obwohl doch in jedem Heft ein Hinweis darauf ist! Meistens ignoriere ich die Anleitungen und versuche Problemeselbst zu lösen oder zu basteln.
    Liebe Grüße
    Ilse

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