Sonntag, 4. September 2016

Ferien in der Stadt, Stricken im Herbst und Näh-Nachrichten


Im Hof knallen die ersten Kastanien auf das Dach des Fahrradschuppens - damit ist es amtlich: Der Herbst beginnt. Das war ein seltsamer, wechselhafter Sommer, noch dazu ohne richtigen Sommerurlaub, was ich an sich nicht so schlimm finde, wenn nur die Wochenenden halbwegs frei sind.

In Berlin gibt es genügend Ecken, in denen ich noch nie war, und da lässt es sich beim Flanieren gut Urlaub spielen. Ich schaue beim Spazieren gerne nach schönen Häusern und interessanten Balkons und versuche mir vorzustellen, wie die Wohnung dazu wohl aussehen mag und wie es wäre, dort zu leben. Im vierten Stock dieses Schöneberger Hauses zum Beispiel, das auch irgendwo in Frankreich stehen könnte. Die Sonnenuntergänge waren in den letzten Wochen auch wahnsinnig - und zwar fast jeden Abend. Das habe ich noch nie so erlebt.


Ein paar Ausflüge an den Stadtrand waren auch drin. Kaum zu glauben, dass man nur ein paar hundert Meter von einer Straßenbahnhaltestelle entfernt mitten im Wald stehen kann, und immer noch im Berliner Stadtgebiet ist. In Schmöckwitz ballen sich die Spaziergänger am Seeufer, und ein Stück weiter weg, entlang der Krummen Lake, trifft man kaum einen Menschen.



Zu den Herbstvorbereitungen gehört ja auch das Stricken. Da ich für das Weiterstricken am Askews-me-Tuch die Ferien des Wollladens abwarten muss, habe ich zwischendurch etwas anderes angeschlagen: Den Eisen Cardigan, ein kostenloses Strickmuster von knitty.com. Die Jacke hat einen üppigen Kragen und Vorderteilblenden mit einem gezopften Rippenmuster, das von beiden Seiten gleich aussieht und wird als Raglan von oben gestrickt. Ich bin gespannt, wie das dann passt, denn bisher hatte ich mit Raglankonstruktionen wenig Glück: Der Paulie-Cardigan passt an den Schultern nicht besonders gut, und bei dieser Jacke nach drops design war das Garn einfach nicht für eine Jacke geeignet. Jetzt stricke ich mit drops alpaca in Lodengrün - wenigstens die Wollqualität sollte also passen. 

Zum gemeinsamen Herbstjacken-Stricken bieten übrigens die Luise und Sylvia (Frauenoberbekleidung) einen Knit-along an - am 11. September geht es los!

Das ist auch eine wunderbare Überleitung für die Linkempfehlungen. Ich bin immer noch mit dem Suchen und Bearbeiten von Grafiken beschäftigt und stoße in dem riesigen Fundus gescannter, gemeinfreier Bilder immer wieder auf wahre Perlen. Die Aufzeichnungen von Vivien Staub, einer Studentin am Technical College in Bradford, die 1912 einen Kurs über den Einsatz von Farben beim Weben besuchte, sind so ein Schatz. Man kann ihr Notizbuch mit lauter colorierten Zeichnungen und eingeklebten Garn- und Stoffproben komplett durchblättern - das müsst ihr euch ansehen!

Ich weiß, dass viele von euch insgeheim auf eine Schnittmusterparade der neuesten Indie-Schnittmuster warten, zumindest werde ich ab und zu auf diese Rubrik angesprochen, die es früher mal gab. Im Moment schaffe ich das leider nicht - das Sammeln der Links geht gerade noch, aber das Ordnen und Kommentieren braucht sehr viel Zeit, die ich im Moment einfach nicht habe. 

Zwei Entwicklungen aus dem Schnittmustergeschäft finde ich aber bemerkenswert: Die Gründerin von Sewaholic Patterns verkaufte im Juni ihre Firma an einen großen Stoffladen in Vancouver. Zu der Übernahme durch den Laden Spool of thread erschien im Sewaholic-Blog ein dürrer Post, in dem sich die neuen Inhaber nicht zeigten, während Tasia, die alte Chefin, wohl schon seit einiger Zeit in der Öffentlichkeit unsichtbar geworden war und sich nicht verabschiedete. In der englischsprachigen Nähblogosphäre sorgte das für einiges Stirnrunzeln und Spekulationen - und nun muss es sich erweisen, ob ein Unternehmen, das von Anfang an so mit der Persönlichkeit seiner Gründerin verknüpft war, auch als x-beliebige anonyme Firma funktioniert, bei der man nicht weiß, wer das ist, der da entwirft und verkauft.  

Bei Colette Patterns kündigt sich auch eine neue Entwicklung an. Colette hatte in der letzten Zeit vor allem einfachere Schnittmuster herausgebracht, nicht nur im Zusammenhang mit dem monatlichen Magazin "Seamwork", das ja explizit den schnellen Zwei-Stunden-Schnitten gewidmet war. Auch die Selene und Phoebe, die beiden jüngsten Schnitte der Hauptlinie, waren im Vergleich zu den Schnitten der Anfangszeit eher schlicht und unterschieden sich wenig von dem, was gleichzeitig unter dem Label Seamwork erschien. Nun wurde in einem Blogpost eine neue Linie angekündigt: "In the next pattern, you’ll start to see this shift back towards the beautiful and special and fun. You’ll see the vintage inspiration play out in interesting design lines, feminine fit, and pretty details." Colette will wieder an die Anfangszeiten anknüpfen und detailreiche, anspruchsvollere Schnitte entwerfen, während die einfachen, schnellen Teile wie bisher bei Seamwork zu finden sein werden, eine Entscheidung, der anscheinend einiges an Analysen vorausging. Ich glaube diese Entscheidung ist genau richtig und kam genau zur richtigen Zeit, wie ich überhaupt Sarai, die Colette-Gründerin, für eine der klügsten Unternehmerinnen in diesem ganzen Schnittmusterbusiness halte. Von Colette Patterns ist sicher noch viel zu erwarten.  

Eher geringe Erwartungen hege ich in Bezug auf die zweite Staffel "Geschickt eingefädelt" mit Guido Maria Kretschmer bei Vox, deren Beginn vor kurzem für November angekündigt wurde. Bei der ersten Staffel wurde ja mehr oder weniger alles vermieden, was das britische Original so liebenswert machte, daher freue ich mich lieber nicht zu früh, dass auch ganz vage von Änderungen am Konzept die Rede war. Anke Müller, die in der ersten Staffel nicht so richtig einen Platz finden konnte, wird nach dem, was man so hört, wohl nicht mehr dabei sein.

Im Nachklapp zur ersten Geschickt-eingefädelt-Staffel erschien nun auch noch ein Nähbuch unter anderem von Inge Szoltisyk-Sparrer, der strengen Schneidermeisterin: Mode schneidern. Alle Techniken und Schnitte, die man wirklich braucht. Aber halt, ehe ihr das teure Buch auf euren Weihnachtswunschzettel setzt, lest erst die Rezension von Ute - Schneiderherz, es könnte nämlich sein, dass ihr dieses Buch und die Schnitte längst besitzt. Der Verlag Topp Kreativ hat einfach ein altes Nähbuch und alte Ottobre-Schnitte zusammengeworfen und mit ein paar "Experten-Tipps" von Szoltisyk-Sparrer garniert, mehr nicht. Sehr ärgerlich, aber irgendwie doch auch symptomatisch für das Niveau dieser ganzen verkorksten Sendung, nicht wahr?

12 Kommentare:

  1. Ein toller Post und voll Informationen! Ich war noch nie in Berlin und geniesse es daher, dich ab und zu virtuell zu besuchen.
    Die Eisen-Jacke interessiert mich. Ein schöner Schnitt, aber auch das Muster und der Kragen gefällt mir.
    Liebe Grüsse
    Milena

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  2. Danke für deine spannenden Infos aus der Nähwelt. Auf die Colette-Schnitte bin ich sehr gespannt, obwohl ich noch nie einen gekauft habe (zwecks Oberweiten-Problem, die Schnitte sollen obenrum recht grosszügig sein).

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    1. Ja, das habe ich auch gehört. Aber die Schnitte gibt es auch in sehr kleinen Größen, jedenfalls wenn man der Tabelle glauben mag. Der Beignet-Rock war ziemlich großzügig.

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  3. Ahh, den Eisen Cardigan habe ich nicht gesehen, der ist ja toll und hat das Potential mich sofort vom rechten Weg abzubringen. Ich bin mal vernünftig und warte bis fertig bist. Vielen Dank für den Hinweis zum Knit Along.
    Liebe Grüße
    Sylvia

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    1. Wirst du denn etwa nach einer Anleitung strikhen? Du bist doch die Königin des Selbstberechneten! Na, ich bin gespannt.

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  4. Das Notizbuch ist ja wirklich ein Schatz. Die Eisenjacke habe ich auch schon länger "unter Beobachtung", finde aber, das sie auf vielen Beispielen komisch rumhängt. Das liegt meiner Meinung nach eher am großen Kragen, als am Raglan. Ich bin also gespannt, was du am Ende sagst.
    LG Malou

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    1. Jetzt wo dus sagst... ich habe mal wieder gar nicht nach Bildern bei ravelry geschaut, das muss ich gleich nachholen.

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  5. Für Hinweise wie den auf Vivien Staubs wundervolles Notizbuch liebe ich dein Blog.
    Unter anderem.
    Vielen Dank dafür.
    Und herzliche Grüße von Edna

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  6. Das Buch von Inge ist das schlechteste, was ich seit langem gesehen habe. Sie hat offenbar ihren guten Namen ohne viel darüber nachzudenken verkauft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine so angesehene Maßschneiderin sonst ihr Ansehen dafür hergibt. Ich werde sie beim Bundeskongress der Maßschneider in Kiel fragen. Bin gespannt.
    Gruß
    Anja

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    1. Tja, ein Buch mit dem eigenen Namen drauf ist ein großer Reiz und schmeidchelt der Eitelkeit - davor ist offenbar auch eine angesehene Maßschneiderin nicht gefeit.

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