Mittwoch, 17. Mai 2017

Näh-Nachrichten: Ein neues Strickprojekt, Great British Sewing Bee, barocke Kleider, geknechtete Fotografen und ein Stoffevent


Seht ihr das zarte Grün? So ist der Stand des Frühlings in Berlin. Vor einem Jahr um diese Zeit war es wärmer, aber da letzte Woche, um den 10. Mai herum, auch die Mauersegler aus dem Winterquartier zurückkehrten, ist das Schlimmste geschafft, der Sommer liegt vor uns. 


Noch ganz beeeinflusst von den niedrigen Temperaturen vor zwei, drei Wochen plante ich nach dem riesigen Marled-Magic-Tuch vom Westknits-Knitalong gleich das nächste Strickprojekt, genauer gesagt: Birgit - lila und gelb zeigte mir die Anleitung für die Strickjacke "Flaum" von Justyna Lorkowska, und ich war sofort verliebt. Ich brauche diese Jacke! Und da laut Anleitung ein Mohairgarn in Lacestärke und ein glattes Garn gemeinsam verstrickt werden sollten, ist das die Gelegenheit für das dunkelrote Mohairgarn, das ich im Januar in Bielefeld beim Stoffverkauf von Hindahl&Skudelny gekauft hatte.

Drops Lima rubinrot, rechts im Bild, ist leider kein passender Partner, das Gestrickte wird zu dick, aber mit Drops Alpaca (links) kommt die Maschenprobe fast genau hin, die Patentrippen werden sehr schön leicht und voluminös und die Farbe 3969, rot-lila passt perfekt zum Mohair. Die Anleitung für die Jacke ist auch spannend zu stricken, nahtlos, man fängt hinten in der Mitte mit dem Kragen an, strickt daran eine Passe in 1 rechts-1links-Rippe, die in Patent übergeht. Um die Längenunterschiede von Patent und 1/1-Rippe auszugleichen, muss man verkürzte Reihen stricken, und dann kommen ja auch noch eingestrickte Taschen, das heißt, dieses Strickprojekt wird mich eine Weile fesseln.

In der Zwischenzeit habe ich mir unmäßig wegen eines doofen beruflichen Termins Gedanken gemacht, was mich sehr zuverlässig vom Bloggen abhielt. Ein paar interessante, zum Teil schon ältere Links habe ich trotzdem für euch:

Neues vom Great British Sewing Bee. Nachdem zuletzt spekuliert worden war, die Show werde wegen Unstimmigkeiten zwischen dem Sender und der Produktionsfirma eingestellt, sagt jetzt der Juror Patrick Grant, er rechne mit einer neuen Staffel und könne sich gar nicht erklären, wo diese Gerüchte über die Einstellung herkommen könnten. Das klingt noch nicht ganz so, als sei diese Staffel wirklich beschlossene Sache, aber zumindest schon mal besser als die Meldungen vom Februar. 

Alte Pracht in Dresden: Anfang April wurde die neue Dauerausstellung Macht und Mode im Dresdner Schloss eröffnet. Zu sehen sind unter anderem Textilien aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, darunter zahlreiche vollständig erhaltene Kleidungsstücke und Kleidungsensembles der Sächsischen Herrscher, die seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr öffentlich ausgestellt wurden. Die Webseite der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gibt einen Vorgeschmack, was für phantastische Gewänder dort zu erwarten sind. Sehr lesenswert auch der Artikel von Rabensturm, die die Ausstellung schon gesehen hat. 

Alte Kleider im Netz: Wie unterscheidet sich ein Kleid von 1865 von einem Kleid von 1875? Die Modehistorikerin Lydia Edwards hat mit "How to read a dress" ein Buch geschrieben, das den Wandel der Modelinien vom 16. bis zum 20. Jahrhundert verfolgt - ganz anschaulich anhand von kommentierten Kleiderfotos, die die Details erklären, auf die es ankommt. Lydia Edwards ist als @dressedintime bei twitter und zeigt dort ab und zu interessante Kleiderfunde, wie zum Beispiel ein Korsett für schwangere Frauen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Einen Vorgeschmack auf das Buch bekommt man in ihrem Tumbler

Eine Schafherde besitzen und mit der Wolle der eigenen Schafe stricken - kein schlechter Traum. Die Berliner Strickmodendesignerin Rike Feurstein hat sich diesen Traum erfüllt und rettet damit  auch eine alte Schafsrasse, die fast verschwunden wäre.

Gequälte Kreaturen: Terrorisiert ihr eure Familie auch dauernd mit dem Wunsch, von euch und euren selbstgenähten Sachen Fotos für Blog oder Instagram zu knipsen? Eure geplagten Angehörigen können nun Trost finden - es gibt inzwischen einen Begriff für ihr Leiden.Thomas Klemm ist einer dieser "Instagram husbands" und schrieb über seine Erfahrungen in der FAZ. 

Wie finde ich den Brustpunkt? Und was ist das überhaupt? Ich weiß noch, als ich vor Jahren zu ersten Mal den Begriff "Brustpunkt" im Zusammenhang mit Schnittänderungen einem Nähforum las, war ich verwirrt. Der Begriff wurde ganz selbstverständlich verwendet, so ähnlich, wie man "Äquator" oder "Nordpol" sagt, und jeder weiß, was gemeint ist. Hatte ich an entscheidender Stelle in Bio nicht aufgepasst? Meike - Crafteln veranschaulicht in ihrem Blogbeitrag sehr schön, was der Brustpunkt ist und wie man ihn auf einem Schnittmuster lokalisiert. 

Und was ist der Fadenlauf? Fadenlauf ist auch so ein Begriff, den man beim Nähen kennen (und beachten) sollte, der aber nur selten grundlegend erklärt wird. Das beswingte Fräulein hat einen tollen Beitrag mit anschaulichen Beispielen zum Fadenlauf geschrieben, der nicht nur erklärt, was der Fadenlauf ist, sondern auch zeigt, welche Auswirkungen er auf den Fall der Kleidung hat. 

Baumwollverarbeitung im Industriemuseum: Von einem Besuch in der Baumwollspinnerei Quarry Bank Mill schreibt Sieben Monate in Wales. Interessant! 



Zuletzt noch eine Ankündigung einer eigenen Veranstaltung:  Textiler Nachmittag und Buchvorstellung am Sonntagnachmittag, 21. 5. im Haus Eichkamp (S Messe Süd)

Am Sonntag stellen Susanne - Textile Geschichten und ich unsere Bücher vor, also das Stofflexikon Stoff und Faden und Susannes Bücher über textile Redensarten Verflixt und Zugenäht und Am Rockzipfel. Drumherum haben wir uns ein nettes, anschauliches Programm ausgedacht, es gibt Stoffproben zum Anfassen, Garn aus Brennnesseln aus Tierhaaren und eine Brennprobe - eigene Stoffe können gerne mitgebracht werden! Das Haus Eichkamp sorgt für Kaffee und Kuchen. Es geht um 15.00 Uhr los, alle Informationen findet ihr auch auf der Webseite des Hauses.

Dienstag, 2. Mai 2017

Upcycling-Workshops beim Lillestofffestival 2017

Ehe morgen der Verkauf der Eintrittskarten beginnt, möchte ich hier noch kurz meine Workshops beim Lillestoff-Festival ankündigen und euch erzählen, was euch dort erwartet.



Der erste Workshop ist ein Hemden-Upcycling-Workshop, in dem wir uns vor allem mit alten Oberhemden als Grundmaterial befassen werden. Hemden enthalten eine Menge Material, haben viele aufwendige Details wie Knopfleisten, die man weiterverwenden kann, und der Stoff lässt sich leicht verarbeiten, also ideal, um die Sache mit dem Upcycling einmal auszuprobieren. Aber ihr könnt natürlich auch gerne mit anderen Materialien arbeiten - bringt zu rettende Lieblingspullover und andere Textilien mit, und wir werden sehen, was uns dazu einfällt.

Upcycling ist nicht so wie "normales" Nähen: Es gibt meistens keinen vorgezeichneten Weg zum Endprodukt. Man muss sich auf die Gegebenheiten des Materials einlassen, improvisieren, ausprobieren und Lösungen finden, das ist manchmal ein ganz schön großer Sprung, wenn man sonst mit Schnittmustern und festen Anleitungen näht. Aber es macht Spaß! Beispiele, was beim Upcycling alles entstehen kann, findet ihr hier im Blog unter dem Label "Refashion". Der Schirmrock vom Bild entstand aus weißem Bettwäschestoff und Dreiecken aus Hemdenstoffen, ist extrem einfach zu nähen und anzupassen. Ich bringe zum Workshop einen Berg alter Hemden mit, so dass wir auf jeden Fall genug Stoff haben, um uns auszutoben.

Ihr braucht eure normale Nähausstattung und Sachen, die ihr umarbeiten wollt - wenn ihr euch bezüglich Maße und Passform sehr unsicher seid oder vielleicht etwas für euer Kind oder jemand anderen nähen wollt, der nicht dabei ist, dann wäre ein einfaches Schnittmuster als Grundlage gut, das der benähten Person passt, damit man die Größe besser abschätzen kann.

Beim zweiten Workshop, der T-Shirt-Rettung, geht es um eine einfache Methode, mit der man Löcher und Flecken in Teilen aus Jersey kaschieren kann. Diese "Negativapplikationen", bei denen man die obere Stofflage wegschneidet, damit die untere Lage sichtbar wird, ist an die phantastischen Applikationstechniken von Alabama Chanin angelehnt, aber nicht so aufwendig zu nähen, obwohl man mit der Hand näht. Ihr braucht neben Jerseyteilen mit Löchern und Flecken Jerseyreste zum Unterlegen (am besten geht Baumwolljersey), und wenn ihr habt Stickgarn oder Knopflochgarn oder Handquiltgarn - ich bringe aber eine Auswahl an Garn und Handnähnadeln mit.

Ein Klick aufs Bild unten bringt euch zum gesamten Programm - der Ticketverkauf im Lillestoff-Shop geht morgen im Laufe des Tages los. Hier in diesem Beitrag hatte ich über das Festival 2016 geschrieben, dort könnt ihr auch sehen, was letztes Jahr bei den Upcycling-Workshops herausgekommen ist.

Wir sehen uns im September - bis dahin!   



Montag, 1. Mai 2017

Rope bowls ohne Nähmaschine bei der Stoffspielerei im April


Ehe ich mich noch monatelang dumm und dusselig wickele, poste ich lieber jetzt den aktuellen Stand meines Versuchs für die Stoffspielerei im April. Das Thema lautete "Seltene Techniken", und Suschna hatte in ihrem Blog Textile Geschichten schon gestern die Projekte der Mitstreiterinnen gesammelt.

Wenn es um seltene - ich intepretiere das als ungewöhnliche, nicht mehr verbreitete - Techniken geht, dann ist das "Werkbuch für Mädchen" von Ruth Zechlin ein guter Ausgangspunkt. Das Buch erschien seit den 1950er Jahren in vielen Auflagen - ich habe eines aus der 24. Auflage von 1960 - und es behandelt neben bekannten Handarbeitstechniken wie Stricken und Häkeln auch weniger gebräuchliche Techniken. Die Zielsetzung des Buches ist aus heutiger Sicht mehr als merkwürdig, neben der geschlechtsspezifischen Zuordnung im Titel gibt es z.B. eine Einleitung, in der über "Werkgesetze, die wir beachten müssen" doziert wird.

Manche Technikkapitel sind aber sehr interessant, denn Anleitungen für "Arbeiten aus Bast, Binsen und Stroh" findet man sonst kaum. Aus diesem Kapitel habe ich mich mit den Wickelarbeiten befasst. Dabei werden dicke Schnüren aus den Grundmaterialien (Binsen, Stroh) mit Hilfe von Garn zu Gefäßen zusammengefügt.  


Bei der getesteten Wickeltechnik wird das Grundmaterial (im Buch: Peddigrohr) schneckenförmig aufgerollt und mit dem Garn komplett umwickelt. Durch regelmäßige Stiche in die vorhergehende Runde verbindet man das Gewickelte zu einer zusammenhängenden Fläche.


Ich habe als Einlage ein geflochtenes Seil, eine Art Wäscheleine verwendet, die es im 1-Euro-Laden nur in den nicht so ansprechenden Farben neongelb, neonorange und neonpink gab - deshalb ein Versuch, das Seil komplett zu umwickeln. Das Garn sind Reste aus Baumwolle, das typische Topflappengarn.  


Die knappe Anleitung im Buch, die fast nur aus einer nicht sehr deutlichen Zeichnung besteht, habe ich nicht hundertprozentig nachvollziehen können. Anscheinend wird das Garn zum Umwickeln entweder in Form einer Acht um das Grundmaterial geschlungen, oder mit dem so genannten "Knotenstich", der wohl so ähnlich wie ein Knopflochstich funktioniert. Wie man diese Verschlingungen einigermaßen rationell arbeiten kann, ohne Wicklung für Wicklung mit einer Nadel zu fädeln, habe ich nicht herausbekommen, an dieser Stelle hätte ich ein Video oder wenigstens eine Folge von Bildern gebraucht.

Ich habe dann einfach das Seil immer fünf- bis sechsmal mit Baumwollgarn umwickelt, bei der nächsten Wicklung eine Runde tiefer eingestochen, wieder gewickelt wieder eingestochen - was schon viel, viel länger dauerte, als ich mir vorher vorgestellt hatte, aber ausreichend stabil zu sein scheint. Der angefangene Korb, im Moment nur eine Scheibe in der Größe eine Kuchentellers mit etwas Knick, ist das Ergebnis der Wickelei von mehreren Abenden. 

Ich hatte gehofft, eine alternative Technik zu den zur Zeit so beliebten "rope bowls", den mit der Nähmaschine aus Seilen genähten Behältnissen zu finden. Nun ja. Das Ergebnis gefällt mir zwar sehr, aber die Handnähtechnik ist so langwierig, dass ich nicht glaube, dass sich irgendjemand diese Wickelei als neues Hobby aussuchen wird. Oder ich bin einfach nicht der Typ für gewickelt-genähte Behältnisse, denn auch den Versuch mit einem maschinell genähten Korb in rope bowl-Technik bei der Stoffspielerei im Dezember 2013 fand ich ermüdend, aber immerhin benutze ich den großen Papierkorb immer noch, den ich damals gemacht habe.


Als nächstes könnte ich noch eine andere Wickel- und Nähtechnik ausprobieren, bei der das Seil größtenteils sichtbar bleibt - vielleicht komme ich dann zu dem Brotkorb, den ich eigentlich geplant hatte, denn das könnte etwas schneller gehen.

Alle Mitstreiterinnen bei den "Seltenen Techniken" findet ihr bei Susanne hier im Blog "Textile Geschichten". Die nächste Stoffspielerei ist am 28. 5. bei Griselda/Machwerke zum Thema Jeans - Blau in allen Schattierungen. Der Termin im Juni ist am 25. 6. hier zum Thema Schwarz und Weiß.   

Mittwoch, 26. April 2017

Der Marled Magic Mystery Shawl KAL von westknits


Über den Fortgang des Marled Magic Mystery-Knitalongs hatte ich im März Woche für Woche und Teil für Teil berichtet (hier, hier und hier) - nun ist das Tuch fertig, und ich stimme Birgit - Lila und Gelb zu, dass das Ergebnis gar nicht so spektakulär aussieht, wenn auch natürlich viel bunter als alles, was ich jemals gestrickt habe. Zwischendurch fühlte sich das Stricken allerdings an, wie an einem Kunstprojekt teilzunehmen. Auf eine Raute im Netzmuster folgten verschiedene Strukturen: Perlmuster, kraus rechts, Patent, geformt durch Ab- und Zunahmen und verkürzte Reihen. Einmal wurde sogar um die Ecke gestrickt. Zuletzt in Folge 4 rechts und links zwei langgestreckte Dreiecke im Krausrippenmuster, die das große Tuch zu einem sehr großen Tuch erweiterten.


Den Abschluss bildet ein rosarot melierter I-Cord-Rand, an dem ich einen ganzen Abend strickte. Bei den Farbwechseln hatte ich viele Fäden gleich eingestrickt, trotzdem gab es noch einiges zu vernähen, und die Details bei der Ausarbeitung wollte ich mir nach dem Motto "mehr ist mehr" nicht entgehen lassen.


Die langen Anfangsfäden der Raute - für einen ominösen "Partytrick" gleich in der ersten Folge angelegt - wurden zu einem Zopf verflochten und mit einer dicken bunten Troddel gekrönt, ebenso wie die beiden Tuchzipfel.


Verstrickt habe ich - mit Troddeln und allem - 475 Gramm, das Tuch ist nach leichtem Spannen 2,70 m lang und an der breitesten Stelle 70 cm breit. Was ich nie erwartet hätte: Es sind immer noch bunte Wollreste übrig. Im Verlauf des Strickens fand ich immer wieder hier und da noch geeignete Reste oder besser gesagt: Es stellten sich mehr Garnreste als geeignet heraus, als am Anfang gedacht, weil ich weniger wählerisch wurde. Schwarze, graue und dunkelblaue Wollreste sind hingegen - bis auf ein halbes Knäuel Sockenwolle, das ich erst gegen Projektende wiederfand - komplett verbraucht. 


Durch die Farbwiederholungen finde ich den Marled Magic Mystery Shawl trotz der vielen Farben ziemlich harmonisch. Zu schwarzen und grauen Mänteln passt er gut, wie hier zum Stadtmantel, und in den letzten sehr kalten und windigen Tagen war so ein großer Schal auch sehr, sehr nötig. Am letzten Wochenende trug ich das Tuch unterwegs in der Stadt, und mich wunderte nicht, dass ich damit, trotz Troddeln, nicht weiter auffiel. Lustigerweise sprach mich heute eine Nachbarin im Kiez an - aber nicht auf das Tuch, sondern auf meine Hose! Da sieht man mal, worauf die Leute achten oder nicht achten. 

Strickmuster: Marled Magic Mystery Shawl von westknits
Material: ca. 475g Sockenwollreste, Baby Merino (drops), Kid Mohair-Silk in Lacestärke (drops,  Lana grossa), Fine Wool (S&S)
Größe: ca. 2,70 m x 0,70m

Soundtrack:

Montag, 24. April 2017

Was sind Blusenstoffe? Beispiele und ein Video

Wer schon einmal ein Schnittmusterheft aus dem Burda-Verlag in der Hand hatte, stolperte sicher auch über die typischen Stoffempfehlungen für die Schnitte: Burda empfiehlt häufig "Rockstoffe" für das Nähen von Röcken, "Blusenstoffe“, ja richtig und absolut überraschend, für das Nähen von Blusen, manchmal auch - etwas spezifischer, aber nicht viel klarer - "Blusenstoffe mit etwas Stand" oder "Stoffe mit leichtem Stand". Was ist damit gemeint, was ist ein typischer Blusenstoff, was ist ein "Stoff mit leichtem Stand", was ist ein "weich fallender Stoff"?

Elke von ellepuls.de macht sich in dieser Woche in einer Reihe von Beiträgen über das Blusennähen Gedanken. Los ging es am Samstag mit Blusenstoffen, dazu hatte sie mich zu einem Videointerview eingeladen. Wir setzten bei den Burda-Stoffempfehlungen an, sprachen über das Für und Wider bestimmter Materialien und Stoffarten, welcher Stoff für welche Blusenform geeignet ist, und zeigten eine Menge Stoffproben.



Wie ihr seht, seht ihr von den Stoffproben nicht viel - die Bildqualität ist leider furchtbar. Das Video lief zuerst als Stream über Facebook, und die Internetverbindung war blöderweise am Abend viel schlechter als bei Elkes Tests am Vormittag, daher ist das Bild stark komprimiert. Das ist umso doofer, weil ich finde, dass Elke und ich uns sehr gut geschlagen haben, wir machen ja nicht tagtäglich Videos zusammen. (Ehrlich gesagt habe ich zu allerersten Mal ein derartiges Video gemacht und fand es wider Erwarten ganz vergnüglich und gar nicht stressig.)

Ergänzend zum Video habe ich daher einige Stoffe hier noch einmal fotografiert und außerdem ein paar Daumenregeln zur Auswahl von Blusenstoffen formuliert. Ich hoffe, das macht es für euch etwas einfacher, den richtigen Stoff für euer Nähprojekt zu finden, der zu der Schnittführung des angepeilten Stücks passt und zugleich euren Vorstellungen und Tragevorlieben entspricht.

Gewebte Viskosestoffe im Vergleich: Leinwandbindung, ein Crêpestoff und ein feiner Twill
Die drei im Detail: Beim Crêpe in der Mitte sieht man kleine Wellen in der Struktur - das sind die stark gedrehten Crêpegarne. Der Twill ist - wie Denim - in Köperbindung gewebt, dadurch ergeben sich die diagonalen Rippen.

Die Bluse hat Raffungen, angekräuselte Teile, Rüschen, Drapierungen, Volants oder eine Schleife oder Schluppe


→ So genannte "weich fallende Stoffe", damit Volants oder Rüschen schön schwingen, geraffte Partien nicht auftragen und damit sich Drapierungen an den Körper schmiegen. Als Materialien sind Viskose oder Seide besonders geeignet, weil die Fasern verhältnismäßig schwer sind und der Stoff daher gut fällt. Crêpestoffe, feiner Twill und Satin sind aufgrund der Webung anschmiegsamer als Stoffe in Leinwandbindung.

In Frage kommen z. B.
  • Chiffon (aus Polyester oder Seide, ist transparent)
  • feiner Crêpe (aus Viskose, Polyester oder Seide, z. B. Crêpe de Chine, Crêpe Georgette, Crêpe Marocain, Crêpestoffe haben eine runzlige Oberfläche)
  • feine gewebte Viskosestoffe wie Viskose-Javanaise, Viskose-Mousseline, in Onlineshops werden geeignete Stoffe auch oft lapidar "Viskose-Blusenstoff" genannt
  • Voile (aus Baumwolle, ist transparent und locker gewebt, sehr matt. Voile aus Kunstfasern ist oft ein Dekostoff und für Gardinen und trägt sich nicht so angenehm.)
  • feiner Twill (aus Viskose, Seide oder Polyester)
  • feiner Satin (aus Baumwolle, Seide, Polyester).



Links Batist, rechts Popeline
Batist und Popeline ganz nah: Während die Fäden bei Batist ganz gleichmäßig sind, sieht man bei Popeline die typischen Querrippen, weil die Kettfäden feiner sind als die Schussfäden


Die Bluse hat ganz klassisch eine Knopfleiste, Manschetten, einen Hemd- oder Stehkragen und wird mit Abnähern oder Prinzessnähten geformt


→ Feste, aber nicht zu dicke Stoffe, aus denen sich die Schnittdetails einfach und präzise nähen lassen und die die Form gut halten. Stoffe aus Baumwolle und Leinen (auch in Mischungen mit Polyester), die in Leinwandbindung gewebt sind, sind stabil und haben den nötigen Stand.

In Frage kommen z. B.
  • Batist (aus Baumwolle, oft in Mischung mit Polyester, leicht transparent)
  • feiner Chambray (aus Baumwolle, z. T. aus/mit Viskose - zweifarbig weiß-blau, weiß-schwarz oder weiß-rot gewebt)
  • leichte Leinenstoffe, werden in Onlineshops oft als Feinleinen oder Blusenleinen angeboten (zum Teil mit Viskoseanteil. Leinen knittert sehr leicht und ausdrucksstark, in Mischungen mit anderen Fasern knittert es weniger)
  • leichte Popeline (Baumwolle, oft mit Polyesteranteil – auf das Stoffgewicht achten, Popeline gibt es auch als Hosenstoff)
  • Quilt- oder Patchworkstoffe (aus Baumwolle, liegen meistens nur 115 cm breit)



Leichter Denim und Chambray

Denim und Chambray im Detail: Bei Denim treten die blauen Fäden aufgrund der Köperbindung auf der rechtsen Stoffseite stärker hervor - Chambray ist aus weißen und blauen Fäden in Leinwandbindung gewebt. Untypischerweise sind de Kettfäden bei diesem Stoff abwechselnd blau und weiß (normalerweise wären sie nur weiß), die Schussfäden sind blau. Das erkennt man aber erst in der Vergrößerung.


Die Bluse ist fast ein Blusenkleid oder eine lange Tunika, die man Frühjahr oder Herbst auch mit Leggings tragen kann oder sie soll als Jackenersatz dienen



→ Feste, mitteldicke Stoffe mit etwas Gewicht und mit Stand.

In Frage kommen z. B.
  • mittelfester Chambray (aus Baumwolle, z. T. aus/mit Viskose - zweifarbig weiß-blau, weiß-schwarz oder weiß-rot gewebt)
  • leichter Denim ( der typische Jeansstoff, vorne blau, Rückseite heller, aus Baumwolle, z. T. mit Polyester oder Elasthananteil)
  • Babycord (Baumwolle)
  • Flanell (auf beiden Seiten flauschig angerauht – Baumwolle, zum Teil mit Acryl. Stoffe mit höherem Acrylanteil ähneln oft Wollstoffen und sind dann eher für Jacken geeignet)
  • mittelfestes bis schweres Leinen (zum Teil mit Viskose gemischt, knittert dann weniger)

 
Ein Quiltstoff und leichter Baumwollsatin mit Elastananteil im Vergleich.
Beide Stoffe im Detail: Die Fäden des Satins sind viel feiner als die des Quiltstoffs. Sie verkreuzen sich seltener, dadurch entsteht der leichte Glanz der Oberfläche und der Stoff ist viel schmiegsamer als der Quiltstoff

 

Die Bluse ist ein lockeres Hochsommerteil zum Überwerfen am Strand oder bei großer Hitze


→ Feine, luftdurchlässige Stoffe aus Naturfasern wie Baumwolle und Leinen. Feine Stoffe bieten allerdings so gut wie keinen Schutz gegen UV-Strahlung. In Frage kommen z. B.
  • feiner Batist (Baumwolle)
  • Voile (aus Baumwolle, ist transparent und locker gewebt, sehr matt. Voile aus Kunstfasern ist oft ein Dekostoff für Gardinen und trägt sich nicht so angenehm.)
  • Musselin (aus Baumwolle, leicht transparent)
  • leichte Leinenstoffe ("Feinleinen")

Ich hoffe diese Übersicht macht es euch etwas leichter, nach Stoffen zu suchen, vor allem, wenn ihr vor allem online schauen müsst und keinen guten Stoffladen vor der Tür habt. Wie immer bei Stoffen gibt es viele verschiedene Bezeichnungen, und ob ein Stoff "leicht", "mittelfest" oder "schwer" bzw. "fest" ist, ist immer relativ. Im Zweifel hilft also doch nur Anfassen und Ausprobieren. Mit mehr Erfahrung und mehr Wissen über Stoffe und Materialien wird man aber immer sicherer bei der Auswahl von Stoffen, und totale Fehlkäufe kommen immer seltener vor. Deshalb auch die Detailfotos hier - Stoffe so genau zu betrachten ist zwar etwas nerdig, aber letztlich macht es auch Spaß, Bescheid zu wissen und Stoffarten unterscheiden zu können.

Bei Elke im Blog findet ihr noch mehr gesammelte Informationen über das Blusennähen und die nötigen Materialien. Ihr Beitrag zu Stoffen ist hier, ein Beitrag zu Bügeleinlagen hier, und Montag Abend um 19.30 Uhr geht es auf Elkes Facebookseite mit einem Video über das Nähen mit flutschigen Stoffen weiter, am Dienstag folgt dort ebenfalls um 19.30 Uhr ein Video über Knopflöcher.


Das im Video erwähnte Stofflexikon "Stoff und Faden" mit noch viel mehr Informationen zu Stoffarten, Fasern und Materialien gibt es im Buchhandel oder bei amazon - ein Blick ins Buch ist hier möglich


Dienstag, 18. April 2017

Anleitung: Schnittmusterlinien bei schwierigen Stoffen markieren


Wie überträgt man Nahtlinien, Abnäher, Ansatzlinien auf die Schnittteile, wenn der Stoff schwierig ist und Kreide oder andere Markierungsstifte nicht halten oder nicht sichtbar sind? Ab und zu waren auf meinen Nähfotos schon Markierungen mit Garn zu sehen, daher möchte ich heute einmal systematisch erklären, wie und warum ich das mache.

Das Durchschlagen (so der Fachbegriff, in Österreich sagt man "schlupferln", so weit ich weiß) macht zwar etwas Arbeit, aber das Anzeichnen von Nahtzugaben mit diversen Stiften oder das Durchrädeln mit Schneiderkopierpapier ist ja auch nicht im Handumdrehen gemacht. Das Markieren mit Faden hat den Vorteil, dass es sich spurlos wieder entfernen lässt und dass die Markierungen garantiert sichtbar bleiben - auch wenn ich die zugeschnittenen Teile ein halbes Jahr liegen lasse, fünfmal wieder auftrenne, mehrmals bügele oder zehnmal von A nach B räume. Kreide und anderes ist dann oft schon lange verschwunden.

Ich schlage also die Markierungen durch
  • wenn ich Stoffe wie Bouclé, groben Tweed, Frottee oder Frottier, Chiffon, Samt, Fleece, Walk und flauschige Wollstoffe vernähe, auf denen man nicht mit Markierstiften oder Kreide zeichnen kann
  • wenn ich ein langwieriges, kompliziertes Projekt nähe und sicher sein will, dass ich die Markierungen auch sehr viel später noch erkennen kann
  • und ich würde durchschlagen, wenn ich sehr empfindliche Stoffe wie Seidensatin vernähen würde, bei denen die Gefahr besteht, dass sich Markierungen mit Stiften nicht mehr entfernen lassen (solche edlen Stoffe kommen hier nicht vor, aber falls doch...)
Als Garn zum Durchschlagen verwendet man am besten Heftgarn oder Reihgarn, ein dickes, locker gedrehtes, einsträngiges Garn aus ungebleichter Baumwolle, das man auch zum Heften von Schnittteilen und kniffeligen Stellen verwenden kann. Gegenüber normalem Nähgarn hat Heftgarn zwei Vorteile:
  • es hat eine besonders rauhe Oberfläche, die Garnmarkierungen bleiben daher gut im Stoff hängen und bleiben an Ort und Stelle
  • es reißt sehr leicht, so dass man die Markierungen auch gut auszupfen kann, wenn man darübergenäht hat
Für sehr dünne Stoffe, also den oben genannten Seidensatin oder für Chiffon, würde ich eher ein dünneres Garn verwenden - also normales Nähgarn oder bei ganz empfindlichen Stoffen sogar lieber ein dünnes Maschinenstickgarn, um den Stoff nicht zu beschädigen.

Billiges Nähgarn in seltsamen Farben, zum Beispiel aus den Garnsets der Supermarktangebote, habe ich aber zum Durchschlagen auch schon verwendet - ich habe sowas ab und zu von netten Menschen geschenkt bekommen, die wissen, dass ich nähe, die sich aber mit Garn nicht auskennen. Doppelt genommen geht das allemal zum Markieren, auch bei dickeren Stoffen.


Das Durchschlagen ist wirklich ganz einfach. Die Schnittmusterteile liegen wie üblich auf einer doppelten Lage Stoff, sind mit Stecknadeln befestigt und schon ausgeschnitten. Einen langen Faden abschneiden, in eine mittelgroße Nähnadel einfädeln und entlang der zu markierenden Linie Heftstiche nähen: immer von oben nach unten und wieder nach oben stechen. Bei jedem Stich wird eine kleine Garnschlaufe stehen gelassen - die Stiche sind etwa 1 cm auseinander, das Garn zwischen den Einstichen ist etwa 2,5 cm lang. Anfang und Ende des Fadens kann man einfach hängen lassen und mit einem neuen Faden weitermachen. 


Bei Markierungen wie Abnähern, die mitten in einem Schnittteil liegen, stecke ich Stecknadeln durch den Schnitt und alle Stofflagen durch, so dass man sie auch auf der Rückseite sieht und markiere die Linien dann von der Rückseite aus. Da muss man etwas aufpassen, dass das Schnittmuster nicht mit festgenäht wird! 


Punktförmige Markierungen, wie hier zum Beispiel die Ansätze für die Gürtelschlaufen, kennzeichne ich mit vier Stichen, wobei bei jedem Stich wieder eine Garnschlaufe stehen bleibt. 



Wenn alles mit Faden markiert ist, ziehe ich die beiden Stofflagen vorsichtig auseinander. Der zusätzliche Faden von den kleinen Garnschlaufen auf der Oberseite wird dabei zwischen die beiden Lagen gezogen. Die  Stofflagen können nun auseinandergeschnitten werden.


Die Markierung ist auf beiden Teilen genau gleich, außerdem sieht man auf einen Blick, welches die rechte bzw. die linke Stoffseite ist. Da ich hier die Schnittteile auf die linke Stoffseite gelegt hatte, weiß ich, wenn ich die abgeschnittenen Fadenenden sehe, dass das die rechte Seite ist, während ich auf der linken Seite die Stiche sehen kann. Ein großer Vorteil bei einem Stoff wie diesem (laut Brennprobe ein Leinen-Polyamidgemisch), bei dem sich die beiden Stoffseiten nur wenig unterscheiden.

Ich hoffe die kleine Anleitung hat euch geholfen! Schnitte durchschlagen ist zwar etwas umständlich, aber auf keinen Fall umständlicher, als ständig Teile mit nicht mehr sichtbaren Markierungen mit dem Schnitt vergleichen zu müssen, so dass ich bisher immer froh war, wenn ich mich zum Markieren mit Garn aufgerafft hatte.  

Mittwoch, 12. April 2017

La isla bonita - Isla Trench Coat von namedclothing


Es gibt Nähprojekte, die sind so zeitaufwendig, dass ich erst mal einige Zeit Abstand von ihnen brauche, ehe ich sie anziehen kann, scheint mir. Der Trenchcoat nach dem Schnittmuster Isla von namedclothing hing über ein Jahr ohne Knöpfe und Knopflöcher an wechselnden Stellen der Wohnung und nervte den Liebsten, ehe ich vor zwei Wochen, am Abend vor der Abreise nach Köln, endlich noch einmal den Schnitt hervorholte, die Position der Knopflöcher markierte und die Knopflöcher nähte. Die Reise konnte ich dann mit Mantel antreten, aber es war knapp. Die richtige Übergangsjahreszeit im Frühjahr oder Herbst, in der ein Trenchcoat zur Temperatur passt, hatte ich ja schon zwei Mal verpasst.  


Begonnen hatte ich mit dem Mantel bei der Annäherung, dem großen Nähtreffen in Bielefeld im Januar 2016. Der Schnitt ist sehr gut geeignet für ein Nähtreffen, weil er sehr aufwendig ist, mit vielen Details. Den ersten Abend verstürzte ich nur einen Berg Stoffstreifen in unterschiedlichen Breiten, die Ärmelriegel, Kragenriegel, Gürtel und Gürtelschlaufen werden sollten und steppte sie ab. Solche Arbeiten, bei denen man ewig näht, aber keine Fortschritte sieht, muss ich mir zuhause immer erst schmackhaft machen.


Am nächsten Tag nähte ich ziemlich stur die großen Teile zusammen und schaute nicht rechts und nicht links und probierte vor allem nichts an. Die Mitglieder meiner Trenchcoatselbsthilfegruppe, mir immer ein paar Nähte voraus, hatten scheinbar ein Passformproblem bei dem Schnitt aufgedeckt: Viel zu enge Ärmel und Schultern. Ich wollte das nach den Kilometern an verstürzten Streifen vom Vortag lieber gar nicht so genau wissen und versuchte, die Katastrophenmeldungen links von mir zu überhören.


Ziemlich spät am Samstag Abend stellte sich heraus, dass das Passformproblem in Wirklichkeit ein Schnitt-Skalierungs-Problem beim Ausdrucken war, und ich traute mich, den noch futterlosen Mantel überzuwerfen: Er passte, genauso wie mein Kontrollkästchen auf den Schnittmuster.




Nach dem Nähtreffen verstürzte ich noch das Futter, und das war alles, was für sehr lange Zeit passierte. Die Selbsthilfegruppe, alias Claudia und Sybille, hatte ihre Mäntel längst fertig und schon jeweils einen zweiten genäht - Sybilles Mäntel sieht man hier, Claudia hatte aus dem Schnitt zuletzt einen leichten Wintermantel gemacht, den Annäherungs-Mantel hatte sie gar nicht gebloggt, glaube ich.


Ich bin jetzt sehr zufrieden mit meinem Mantel, den ich in Originallänge gelassen habe.


Das Schnittmuster ist so gut, wie man es von namedclothing gewöhnt ist. Besonders der separate Futterschnitt hat mich begeistert, er war nämlich wirklich so konstruiert, dass das gesamte Futter, sogar am Rückenschlitz, verstürzt werden konnte. Als ich Außenmantel und Futter dann durch einen kleinen Lücke am Vorderteilbeleg auseinanderzog und alles, wirklich alles passte und der Saum nirgends hochgezogen wurde, konnte ich es kaum glauben.




Von anderen Schnittherstellern kenne ich Futterschnitte, die nur so ungefähr passen, oder die man - abzüglich Belege, plus Bewegungsfalte im Rückenteil - aus den Schnittteilen des Oberstoffs selbst erstellen muss. Das hat bei mir immer nur mittelmäßig geklappt, so dass ich Mantelfutter meistens mit der Hand einnähe. Namedclothing zeigt, dass es besser geht.


Das Tragegefühl des Mantels ist wirklich gut, er ist zwar weit, so wie Trenchcoats eben geschnitten sind, aber nicht unförmig. Besonders die Schultern passen sehr gut und sind nicht überschnitten.


Darunter trug ich am Foto-Tag einen anderen Schnitt von namedclothing, den ich mittlerweile, obwohl ungewohnt, auch sehr mag, das Wenona-Kleid, das ich dieses Jahr bei der Annäherung genäht und sogar komplett fertig bekommen hatte - hier war schon die Rede davon.

Mehr selbstgemachte Kleidung gibt es wie immer Mittwochs beim MeMadeMittwoch zu sehen.

Zusammenfassung

Schnittmuster: Isla Trench Coat, namedclothing
Stoff: Knapp 4 m kräftiger Baumwollsatin mit etwas Elasthan in olivgrün, schwarzes Viskosefutter
Genähte Größe: 40
Änderungen: Im Vorderteil nur 10 Knöpfe anstatt 12 - das unterste Paar wäre für meinen Geschmack zu weit unten gewesen, daher habe ich es weggelassen.

Sonntag, 9. April 2017

Wie funktioniert eine Brennprobe?

Wenn die Materialzusammensetzung eines Stoffes unklar ist, kann oft eine Brennprobe verraten, ob es sich um Naturfasern pflanzlichen oder tierischen Ursprungs oder um eine Kunstfaser handelt. Gerade eben hatte ich so einen Fall: Ich habe einen Stoff vom Maybachmarkt vorgewaschen und zugeschnitten, der schon seit 2010 im Schrank liegt. Wie auf dem Markt üblich, wurde er ohne einen Hinweis auf das Material verkauft -  man muss sich auf Augen und Hände und auf die Erfahrung verlassen, um einzuschätzen, ob ein Stoff etwas taugt.


Der Stoff hat einen leichten Glanz und knittert leicht und sehr ausdrucksstark, vor allem in Längsrichtung. Die Richtung der Knitter hängt möglicherweise mit der Webart zusammen: Die Schussfäden (quer zur Stoffbreite) sind erheblich dicker als die längs verlaufenden Kettfäden. Weil die feinen Kettfäden schwarz sind und die Schussfäden grau, changiert die Farbe des Stoffes etwas zwischen schwarz und grau.

Meine Vermutung beim Kauf des Stoffes war, dass es sich um eine Mischung mit Leinen und/oder Viskose handelt. Wenn ein Stoff deutlich knittert, dann liegt nahe, dass es sich um eine Zellulosefaser handelt - aber ehrlich gesagt hätte ich keine Wetten abgeschlossen, denn die Textilindustrie ist mittlerweile sehr geschickt darin, die Merkmale aller möglichen Naturmaterialien zu imitieren. Ich habe also meinen eigenen Rat aus dem Materiallexikon "Stoff und Faden" befolgt, und eine Brennprobe gemacht, und anschließend noch eine Reißprobe, um das Material weiter einzugrenzen.


Für die Brennprobe habe ich erstmal ein Stück Stoff auseinandergenommen und säuberlich in Schuss- und Kettfäden getrennt - wenn beides so offensichtlich unterschiedlich ist, sollte man die Fäden getrennt verbrennen. Ein Fadenbündel über einer feuerfesten Unterlage in die Nähe der Flamme halten und beobachten, was passiert.


(Hier wurde es kompliziert: Fäden halten und gleichzeitig fotografieren ist nicht optimal.)
Das sind die feinen, schwarzen Kettfäden. Sie entzünden sich nur schwer, praktisch gar nicht, stattdessen schmelzen sie zusammen, von der Flamme weg, und bilden einen glänzenden schwarzen Tropfen, der an der Pinzette klebt und der hart wird, wenn er abgekühlt ist.


Die dicken, grauen Schussfäden fangen sehr schnell Feuer und brennen schnell ab, mit einer  Flamme ähnlich wie bei einem Streichholz. Die Überreste der Fäden glühen, ehe sie zu weißer Asche zerfallen.

 
Das blieb übrig: Ein harter, schwarzer Klumpen bei den Kettfäden und etwas helle, sehr leichte Asche bei den Schussfäden.

Die Diagnose


Was hat das Brennverhalten nun zu bedeuten?

Die dicken Schussfäden bestehen aus einer Zellulosefaser wie Baumwolle, Leinen oder Viskose. Sie geraten schnell und einfach in Brand und brennen wie Holz oder wie Papier, die ebenfalls aus Zellulose bestehen. Charakteristisch für Zellulosefasern ist, dass sie sehr schnell verbrennen und dass kaum Asche übrigbleibt.

Die feinen Kettfäden schmelzen, das heißt sie bestehen aus einer Chemiefaser. In Frage kommen Acetat, Acryl, Polyamid und Polyester. Da die schwarzen Fäden nach meinem Eindruck nicht einmal brennen wollten, wenn ich sie direkt in die Flamme hielt, und weil der Brennrückstand hart und glänzend ist, tippe ich beim Material der Kettfäden auf Polyamid.  

Der Stoff besteht also auf jeden Fall aus einer Chemiefaser-Zellulosefasermischung. Da sich Baumwolle, Leinen und Viskose beim Verbrennen nicht unterscheiden lassen, habe ich eine Reißprobe mit den dicken grauen Schussfäden angeschlossen, um etwas einzugrenzen, um welche Zellulosefaser es sich handeln könnte.

Die Reißprobe zur Feindiagnose


Für die Reißprobe habe ich längere Schussfäden aus dem Stoff herausgezogen und verglichen, wie leicht oder wie schwer sie sich im trockenen und im nassen Zustand reißen lassen. Baumwolle und besonders Leinen werden nämlich reißfester, wenn sie nass sind, während sich Viskose im nassen Zustand viel leichter reißen lässt als im trockenen.


Der naturwissenschaftliche Hintergrund für diese unterschiedlichen Eigenschaften liegt an der Herkunft von Baumwolle und Leinen auf der einen und Viskose auf der anderen Seite. Baumwolle und Leinen sind gewachsene Fasern. Baumwollfasern sind die Samenhaare der Baumwollkapsel, Leinenfasern sind Fasern aus der Rindenschicht des Stengels der Leins oder Flachses. Die Fasern bestehen also im Grunde aus vollkommen intakten Zellen - und wenn deren Zellwände durch Feuchtigkeit aufquellen, werden sie nur noch fester.

Viskose hingegen besteht aus Zellulose, die aus Holz gewonnen wird, zum Beispiel aus Fichte oder Eukalyptus, manchmal auch aus Bambus oder aus Resten aus der Baumwollverarbeitung. Die Zellulose muss in einem mehrstufigen Prozess von den anderen Bestandteilen des Holzes getrennt und in eine dickflüssige Form überführt werden, damit sie versponnen werden kann. Nach dem Spinnen verfestigt sich die Masse wieder. Sehr vereinfacht gesagt, wird bei Viskose ein Brei aus lauter zerschredderten Zellbestandteilen zu einem Faden versponnen, der einfach nicht besonders stabil ist, wenn er nass wird.

Wenn man Fäden teilweise anfeuchtet und beobachtet, ob sie an einer nassen oder einer trockenen Stelle reißen, kann man Viskose von Baumwolle und Leinen unterscheiden. Die Fäden meines Stoffes rissen an den trockenen Stellen - wobei dieser Test bei diesem Stoff nicht so ganz verlässlich sein dürfte, weil die Fäden nicht überall gleichmäßig dick waren.


Da die grauen Fäden wirklich sehr haltbar waren - komplett nass ließen sie sich kaum zerreißen - vermute ich, dass es sich tatsächlich um Leinen handelt. Dafür sprechen auch die bürstenähnlich ausgefransten Rissstellen - Baumwollfasern sollen etwas kürzer und knackiger reißen. Aber hier spekuliere ich ein bißchen, denn mir fehlen dabei die Erfahrungswerte.

Um diese Erfahrungswerte zu gewinnen, werde ich im Zukunft häufiger Stoff anzünden - vor allem auch Stoffe, bei denen ich genau weiß, woraus sie bestehen. Wie man sieht, kann die Brennprobe wirklich weiterhelfen, wenn man nicht weiß, wie ein Stoff zusammengesetzt ist! Ich freue mich jetzt richtig auf das Vernähen und das Tragen des Stoffes, seitdem ich weiß, dass es sich wohl um ein Leinen-Polyamid-Gemisch mit mehr Leinen als Polyamid handelt. Der Stoff lang ja nicht ohne Grund jahrelang herum, denn ich befürchtete, etwas Merkwürdiges oder Vollplastik gekauft zu haben, und nun weiß ich, dass mich mein erster Eindruck doch nicht getrogen hat.


Falls ihr nun Lust bekommen habt, selbst Brennproben zu unternehmen und ganz allgemein etwas mehr über viele Stoff- und Faserarten zu erfahren, möchte ich euch mein neuestes Buch Stoff und Faden. Materiallexikon ans Herz legen. (160 Seiten, 18 Illustrationen, Format 12x17 cm, ISBN 978-3-00-054777-5, 14,00 Euro).

Das Buch gibts ganz normal im Buchhandel, es ist außerdem bei amazon, im Schnittmusterkiosk von Crafteln und bei Lillestoff bestellbar, und natürlich direkt bei mir (per Mail). Passt auch ganz ausgezeichnet ins Osternest. Hier auf dieser Seite erfahrt ihr mehr über das Buch und könnt auch ein bißchen blättern.

Donnerstag, 6. April 2017

Inspirationen und Beobachtungen von der Handarbeitsmesse H+H in Köln

Am Wochenende war ich kurz - leider etwas zu kurz - in Köln, um die H+H, laut eigener Aussage die "weltweit größte Fachmesse für Handarbeit + Hobby" zu besuchen. Auf der H+H werden Neuheiten vorgestellt, Stoff- und Kurzwarenhändler können direkt bei den Herstellern oder Großhändlern bestellen, daher kann man sich also Materialien und Zubehör angucken, das es noch nicht in den Läden gibt. Ich war deshalb schon seit einigen Jahren neugierig auf diese Messe (die Akkreditierung als Nähbloggerin war übrigens kein Problem), außerdem wollte ich eine Buchidee anrecherchieren, und die Veranstaltung war ideal, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Die Messe ist wirklich, wirklich riesig, und so schaffte ich in einem Tag tatsächlich nur einen groben Überblick, verpasste die Modenschauen, verpasste ganz viele Internetbekanntschaften, die auch da waren, und fotografierte relativ wahllos, was mir auffiel und gefiel - drüben bei Instagram hatte ich schon ein paar Bilder gezeigt - hier also mein subjektiver Eindruck von der Messe, kommt mit!

Wolle, Wolle, Wolle


Handarbeitsgarne, vor allem Strickwolle, bilden nach meinem Eindruck einen Schwerpunkt der Messe. Die großen Wollhersteller haben riesige, oft sehr aufwendig dekorierte Stände und zeigen Dutzende Strick- und Häkelmodelle aus den neuen Garnen. Auf der anderen Seite sind aber auch kleine oder sehr kleine  Firmen aus aller Welt mit handgefärbten Garnen vertreten, die nur wenige Stränge an ihrem Stand zeigen. Ich habe vor allem Strickmodelle fotografiert und versucht, sowas wie Trends auszumachen.

Modelle von ggh
Garn von ggh
Modelle von Katia yarns

Langfädige Garne, die verstrickt eine Art Fell oder Flausch ergeben, habe ich sehr oft gesehen. Anders als das Polyesterzottelgarn, das vor ein paar Jahren populär war, sind diese Garne jetzt meistens aus Naturfasern und fassen sich sehr angenehm an. Sie werden mit großen Nadeln glatt rechts verstrickt und bilden so einen federleichten, pelzähnlichen Stoff ohne sichtbare Maschen. Es wurden vor allem große Strickjacken und Strickmäntel daraus gezeigt - das entspricht ja auch der 90er-Revival-Mode, die zur Zeit in den Läden hängt. Bei Katia Yarns gab es sogar Chenillegarn, das ich zuletzt auch in den 1990er Jahren gesehen hatte - der Pullover unter der grün-grauen Zotteljacke ist aus Chenille. Ob das immer noch so mörderisch leiert wie früher?

Modelle von Rico Design
Modelle von Rico Design

Mohairgarne oder Alpaca in Mohairoptik werden weiterhin viel angeboten, neu jetzt auch noch mit Lurexbestandteilen im Garn. Der grüne Pullover mit dem langen grünen Schal darüber in der Mitte des oberen Bildes ist aus so einerm Mohair-Lurex-Garn. Es ist interessant, dass das Glitzern auf dem Foto fast nicht zu sehen ist, in Wirklichkeit kam mir der Glanz nicht so dezent vor. Ton in Ton auf einem Messestand sieht sowas ja edel aus, aber ob so ein Pullover im Alltagskontext auch so gut wirkt?

Modelle von ggh

Sanfte melierte Farbverläufe wie bei dem Pullover links waren auch häufiger zu sehen - und Unmengen von sehr bunten Farbverlaufsgarnen. Da war die Präsentation an den Ständen oft eher eine Materialschlacht und hatte mit Design nicht so viel zu tun.

Modelle von ONline

Dekorative Aufnäher - neudeutsch: Patches - sind im Moment (seit D&G Jeans mit Aufnähern zeigte) ein großes Thema. Bei ONline wurde Gestricktes mit Aufnähern kombiniert, die Idee gefällt mir gut - und ich bin beruhigt, dass auch Strickprofis Strickjackenblenden stricken, die sich ungünstig zusammenziehen. 

Rico Design

Warum ich das fotografiert habe, weiß ich nicht mehr - aber ist die schwarz-weiß-gelbe Jacke hinten rechts nicht schön?

Lion Brand Yarn

Das Foto bildet den Übergang zum Gehäkelten: Jacke gestrickt, Rock missonimäßig gehäkelt. Gefällt mir an der Puppe sehr, aber auch hier frage ich mich, ob das im richtigen Leben angezogen wirklich so cool wirkt, oder wie Omas Häkeldecke als Kleidung. 

Gehäkeltes  

Modelle:Bernat Design Studio

Gehäkeltes gab es vor allem in zwei Formen: als lustige, gehäkelte Tiere und als Wohnaccessoires, wobei die geschmackvollen Töne der teils gehäkelten, teils gestrickten Wohndeko oben eher die Ausnahme bildeten. Im Hintergrund sieht man ein Beispiel, wie auf der Messe Geschäfte gemacht werden (denn dazu ist sie hauptsächlich da) - an Tischen, die wie bei Bernat zwischen der Messedeko stehen, manchmal auch durch halbhohe Wänder vom Besuchergewusel abgetrennt sind. Aber auf die Geschäfte auf der Messe komme ich später noch einmal zurück.

Modelle: DMC

Die Arrangements beidem französischen Garnhersteller DMC waren besonders schön und detailverliebt - und sofort instagrammierbar (gibt es das Wort?), da quadratisch.

Gesticktes


Stickerei: DMC

Handsticken liegt im Trend, hört man derzeit überall. Der Trend kommt von den Laufstegen - aber wird er wirklich imDIY-Bereich ankommen? Ich bin skeptisch, denn um Plattstiche nur annähernd so gekonnt zu sticken wie die StickerInnen der Messemodelle bei DMC, braucht man sehr viel Übung und Geduld. Ich könnte mir vorstellen, dass einfacher zu erlernende Techniken eine größere Chance auf Verbreitung haben.

Stickpackungen von RTO
Gobelinstickerei bei DMC

Stickpackungen im Kreuzstich oder Gobelinstich erfüllen eigentlich alle Voraussetzungen, um zum massentaglichen Hobby zu werden: Die Muster müssen nicht mühsam auf den Untergrund übertragen werden und die Sticktechnik ist leicht zu meistern. Was die Messe in der Hinsicht zu bieten hatte, ließ mich allerdings etwas ratlos zurück. Moderne Entwürfe, wie die zwei Beispiele, die ich knipste, sind die Ausnahme. Die Hersteller von Stickpackungen aus ganz Europa - es waren bestimmt ein Dutzend Firmen vertreten - bieten zum größten Teil Motive an, wie sie schon unsere Omas stickten: Betende Hände. Schäferhunde und Kätzchen im Schuh. Disneymotive. Bilder wie von Gustav Klimt oder Chagall, aber in schreienden Farben, manchmal mit Glitzer. Vor allem gestickte Bilder, wenig benutzbare Textilien - hängt sich wirklich jemand gestickte Bilder an die Wand? Dabei könnte man in Gobelinstickerei mit Wolle auf Stramin nicht nur Kissen für jede Lebenslage sticken, sondern auch Taschen, Täschchen und Portemonnaies, Gürtel und Hausschuhe - das müsste nur jemand mit guten Designs entwerfen und als Bastelpackung auf den Markt bringen.

Stoffe


Stoffe von lotte martens
Stoffe von lotte martens

Natürlich gibt es auf der Messe auch Stoffe zu sehen - aber den überwiegenden Teil nur als Musterlaschen. Aus den Stoffen genähte Beispiele gab es vor allem bei den Herstellern von Patchworkstoffen, überhaupt gab es relativ wenig reine Bekleidungsstoffe, oder ich habe sie in dem Farben- und Musteroverkill vieler Stoffanbieter nicht wahrgenommen.

Die handbedruckten Stoffe von lottemartens.com aus Belgien sind etwas ganz Feines: Matte Jerseys mit glänzenden Goldpunkten, zarte Linien, bedruckte Plissees, flauschige Wolle mit glattem Druck - selten hat mich Stoff so begeistert! Den Stand fand ich (natürlich) erst zehn Minuten vor Messeschluss, daher war mehr als ein hastiges Foto nicht drin. Auf der Webseite und bei Instagram unter http://instagram.com/lottemartens_exclusivefabrics gibt es mehr Bilder - und wenn ich die Kommentare unter den Bildern dort richtig deute, wird es die Stoffe bald in einigen Läden geben.

Schnittmuster


Schnittmuster von zonen09
Stoffe von zonen09

Die nettesten Gespräche auf der Messe hatte ich bei einer für mich ganz neuen kleinen Schnittmusterfirma, zonen09 aus Belgien, die sich auf Schnitte für Männer und Jungs spezialisiert hat. Die Schnittmuster im Baukastensystem mit Variationen bei Ärmeln, Kragen und Ausschnitten gibt es in drei Größengruppen, für Kinder bis 9 Jahre, für Jugendliche von 10-16, einige auch in den Herrengrößen 48-60. Die schönen Papierschnittmuster haben ein aufwendiges, sehr ausführliches Anleitungsheft mit farbigen Fotos - das Muster des Anleitungshefts sieht man in dem krawattenförmigen Ausschnitt des Pappumschlags, der Schnittbogen und Anleitung zusammenhält. Zur Zeit werden die Anleitungen ins Deutsche übersetzt, so dass es bald Papierschnitte von zonen09 bei uns in den Läden geben wird. Die Kinderschnitte gibt es bereits mit englischer Anleitung als Downloadschnitte zum Zusammenkleben auf der Webseite. Passend zu den Modellen lässt zonen09 Stoffe aus Bio-Baumwolle in Belgien produzieren.

An dem Messestand von zonen09 kann man auch gut sehen, wie eine kleine, sympathische Firma mit beschränkten Mitteln doch etwas aus der Fläche machen kann: In eine Wandverkleidung aus gelochten Fichtenholzplatten werden Regalbretter oder Kleiderbügel eingehängt, dazu ein flauschiger Teppich, ein paar Sukkulenten in kleinen Töpfen, ein Stehtisch und ein Glas mit belgischen Karamellbonbons - mehr braucht man nicht.

Messebeobachtungen


Der bombastische Stand von Gütermann

Bei anderen lautet das Motto eher: Klotzen, nicht kleckern. Weiter oben hatte ich schon beschrieben, dass die wirklich wichtigen Dinge, nämlich die Bestellungen der Händler, an den Ständen an kleinen Tischen abgewickelt werden. Zum Teil sieht man dort Stoff- und Wollladenbesitzerinnen sitzen, nicht selten sind es aber auch Herren in sehr smarten Anzügen. Die Tische stehen manchmal mitten im Messegewusel, manchmal in abgetrennten Ecken - und ein Großkonzern wie Gütermann (der neben Nähgarn auch Perlen und eine Stofflinie produziert), richtet an seinem riesigen Stand einen abgetrennten Bereich mit Kaffebar mit Espressomaschine und Gebäck ein, der auf den ersten Blick wie ein nettes Café wirkt. Das habe ich nicht fotografiert, da zu viele Menschen mit auf das Bild gekommen wären - die Tische waren gut gefüllt - aber die Dekorationen boten genügend Fotomotive. Der Messestand war so groß wie eine große Drei-Zimmer-Wohnung mit ineinander übergehenden Zimmern, frischen Blumen und Garndeko überall.


Es geht aber auch wesentlich prosaischer: Viele Verhandlungen finden am Rand der Messehallen in Räumen aus mobilen Stellwänden statt, und ich wette da gibt es dann nur plörrigen Pumpkannenkaffee und die messetypische Keks- und Waffelmischung!

Nähzubehör


Grundsätzlich hatte ich den Eindruck, dass es auf der Messe fast alles gibt, was man sich als Selbermacherin an Werkzeug oder Zubehör wünscht, aber in den Läden nie oder nur sehr selten findet. Es gibt schöne Taschengriffe, es gibt japanisches Sashiko-Garn und Sashiko-Stoffe mit vorgedruckten Mustern. Es gibt hochwertige Scheren aus Solingen, es gibt Holzstickrahmen in jeder Größe, es gibt Tapisseriewolle in allen Farben, es gibt dänisches Stickgarn, hochwertiges Ripsband, gewebte Borten aus Baumwolle, Nähseide verschiedenen Stärken und Perlen- und Pailettenmotive zum Aufnähen, die nicht billig aussehen. Es gibt sogar (schon seit letztem Jahr) eine Nähzubehörserie von Prym in türkis, die richtig hübsch aussieht, die ich aber noch nie in irgendeinem Einzelhandelsgeschäft gesehen habe. Wenn wir all das in den Läden vermissen, dann liegt es jedenfalls nicht daran, dass schöne, hochwertige Sachen nicht zu beschaffen wären.

Auf der anderen Seite gibt es das ganze Nähzubehör und viele Kurzwaren auch in billig und als Kopie, direkt von chinesischen Herstellern, mit der Möglichkeit, den eigenen Firmennamen gleich auf die Verpackung drucken zu lassen. An diesen Ständen war meistens nicht viel los, die H+H ist eher ein Umschlagplatz für Hochwertiges, aber die nicht unerhebliche Anzahl dieser Anbieter lässt doch darauf schließen, dass sich das Geschäft lohnen muss.

Zum Schluss möchte ich noch zwei Anbieter für hübsche Kleinigkeiten zeigen, die schöne und nützliche Geschenke für Näh- und Stricknerds anbieten.

Die japanische Firma Cohana stellt in Japan formschönes Nähzubehör aus japanischen Rohstoffen her und versendet es weltweit. Mir gefallen besonders die kleinen Nadelkissen und die Scheren mit Holzgriffen. Und es gibt handgemachte Glaskopfstecknadeln die kleine Schmuckstücke sind.



Strickhandschuhe von hobbywool.com
Aus Riga kommen die Strickpakete für lettische Fausthandschuhe mit traditionellen Mustern von hobbywool.com. In einer schwarzen Schachtel bekommt man alles, was man für ein paar Handschuhe braucht: Wolle in verschiedenen Farben, ein farbiges Zählmuster und eine englische Strickanleitung.

Am Sonntag konnte ich dann noch viele Kölner Nähnerds bei ihrem Stammtisch in einem sehr schönen Café treffen, ehe ich etwas erschöpft die Heimreise antrat. Ich hoffe der Messerundgang mit mir war interessant für euch - mir hat das Wochenende in Köln großen Spaß gemacht und ich habe mir den Messetermin für nächstes Jahr gleich im Kalender notiert.