Sonntag, 9. April 2017

Wie funktioniert eine Brennprobe?

Wenn die Materialzusammensetzung eines Stoffes unklar ist, kann oft eine Brennprobe verraten, ob es sich um Naturfasern pflanzlichen oder tierischen Ursprungs oder um eine Kunstfaser handelt. Gerade eben hatte ich so einen Fall: Ich habe einen Stoff vom Maybachmarkt vorgewaschen und zugeschnitten, der schon seit 2010 im Schrank liegt. Wie auf dem Markt üblich, wurde er ohne einen Hinweis auf das Material verkauft -  man muss sich auf Augen und Hände und auf die Erfahrung verlassen, um einzuschätzen, ob ein Stoff etwas taugt.


Der Stoff hat einen leichten Glanz und knittert leicht und sehr ausdrucksstark, vor allem in Längsrichtung. Die Richtung der Knitter hängt möglicherweise mit der Webart zusammen: Die Schussfäden (quer zur Stoffbreite) sind erheblich dicker als die längs verlaufenden Kettfäden. Weil die feinen Kettfäden schwarz sind und die Schussfäden grau, changiert die Farbe des Stoffes etwas zwischen schwarz und grau.

Meine Vermutung beim Kauf des Stoffes war, dass es sich um eine Mischung mit Leinen und/oder Viskose handelt. Wenn ein Stoff deutlich knittert, dann liegt nahe, dass es sich um eine Zellulosefaser handelt - aber ehrlich gesagt hätte ich keine Wetten abgeschlossen, denn die Textilindustrie ist mittlerweile sehr geschickt darin, die Merkmale aller möglichen Naturmaterialien zu imitieren. Ich habe also meinen eigenen Rat aus dem Materiallexikon "Stoff und Faden" befolgt, und eine Brennprobe gemacht, und anschließend noch eine Reißprobe, um das Material weiter einzugrenzen.


Für die Brennprobe habe ich erstmal ein Stück Stoff auseinandergenommen und säuberlich in Schuss- und Kettfäden getrennt - wenn beides so offensichtlich unterschiedlich ist, sollte man die Fäden getrennt verbrennen. Ein Fadenbündel über einer feuerfesten Unterlage in die Nähe der Flamme halten und beobachten, was passiert.


(Hier wurde es kompliziert: Fäden halten und gleichzeitig fotografieren ist nicht optimal.)
Das sind die feinen, schwarzen Kettfäden. Sie entzünden sich nur schwer, praktisch gar nicht, stattdessen schmelzen sie zusammen, von der Flamme weg, und bilden einen glänzenden schwarzen Tropfen, der an der Pinzette klebt und der hart wird, wenn er abgekühlt ist.


Die dicken, grauen Schussfäden fangen sehr schnell Feuer und brennen schnell ab, mit einer  Flamme ähnlich wie bei einem Streichholz. Die Überreste der Fäden glühen, ehe sie zu weißer Asche zerfallen.

 
Das blieb übrig: Ein harter, schwarzer Klumpen bei den Kettfäden und etwas helle, sehr leichte Asche bei den Schussfäden.

Die Diagnose


Was hat das Brennverhalten nun zu bedeuten?

Die dicken Schussfäden bestehen aus einer Zellulosefaser wie Baumwolle, Leinen oder Viskose. Sie geraten schnell und einfach in Brand und brennen wie Holz oder wie Papier, die ebenfalls aus Zellulose bestehen. Charakteristisch für Zellulosefasern ist, dass sie sehr schnell verbrennen und dass kaum Asche übrigbleibt.

Die feinen Kettfäden schmelzen, das heißt sie bestehen aus einer Chemiefaser. In Frage kommen Acetat, Acryl, Polyamid und Polyester. Da die schwarzen Fäden nach meinem Eindruck nicht einmal brennen wollten, wenn ich sie direkt in die Flamme hielt, und weil der Brennrückstand hart und glänzend ist, tippe ich beim Material der Kettfäden auf Polyamid.  

Der Stoff besteht also auf jeden Fall aus einer Chemiefaser-Zellulosefasermischung. Da sich Baumwolle, Leinen und Viskose beim Verbrennen nicht unterscheiden lassen, habe ich eine Reißprobe mit den dicken grauen Schussfäden angeschlossen, um etwas einzugrenzen, um welche Zellulosefaser es sich handeln könnte.

Die Reißprobe zur Feindiagnose


Für die Reißprobe habe ich längere Schussfäden aus dem Stoff herausgezogen und verglichen, wie leicht oder wie schwer sie sich im trockenen und im nassen Zustand reißen lassen. Baumwolle und besonders Leinen werden nämlich reißfester, wenn sie nass sind, während sich Viskose im nassen Zustand viel leichter reißen lässt als im trockenen.


Der naturwissenschaftliche Hintergrund für diese unterschiedlichen Eigenschaften liegt an der Herkunft von Baumwolle und Leinen auf der einen und Viskose auf der anderen Seite. Baumwolle und Leinen sind gewachsene Fasern. Baumwollfasern sind die Samenhaare der Baumwollkapsel, Leinenfasern sind Fasern aus der Rindenschicht des Stengels der Leins oder Flachses. Die Fasern bestehen also im Grunde aus vollkommen intakten Zellen - und wenn deren Zellwände durch Feuchtigkeit aufquellen, werden sie nur noch fester.

Viskose hingegen besteht aus Zellulose, die aus Holz gewonnen wird, zum Beispiel aus Fichte oder Eukalyptus, manchmal auch aus Bambus oder aus Resten aus der Baumwollverarbeitung. Die Zellulose muss in einem mehrstufigen Prozess von den anderen Bestandteilen des Holzes getrennt und in eine dickflüssige Form überführt werden, damit sie versponnen werden kann. Nach dem Spinnen verfestigt sich die Masse wieder. Sehr vereinfacht gesagt, wird bei Viskose ein Brei aus lauter zerschredderten Zellbestandteilen zu einem Faden versponnen, der einfach nicht besonders stabil ist, wenn er nass wird.

Wenn man Fäden teilweise anfeuchtet und beobachtet, ob sie an einer nassen oder einer trockenen Stelle reißen, kann man Viskose von Baumwolle und Leinen unterscheiden. Die Fäden meines Stoffes rissen an den trockenen Stellen - wobei dieser Test bei diesem Stoff nicht so ganz verlässlich sein dürfte, weil die Fäden nicht überall gleichmäßig dick waren.


Da die grauen Fäden wirklich sehr haltbar waren - komplett nass ließen sie sich kaum zerreißen - vermute ich, dass es sich tatsächlich um Leinen handelt. Dafür sprechen auch die bürstenähnlich ausgefransten Rissstellen - Baumwollfasern sollen etwas kürzer und knackiger reißen. Aber hier spekuliere ich ein bißchen, denn mir fehlen dabei die Erfahrungswerte.

Um diese Erfahrungswerte zu gewinnen, werde ich im Zukunft häufiger Stoff anzünden - vor allem auch Stoffe, bei denen ich genau weiß, woraus sie bestehen. Wie man sieht, kann die Brennprobe wirklich weiterhelfen, wenn man nicht weiß, wie ein Stoff zusammengesetzt ist! Ich freue mich jetzt richtig auf das Vernähen und das Tragen des Stoffes, seitdem ich weiß, dass es sich wohl um ein Leinen-Polyamid-Gemisch mit mehr Leinen als Polyamid handelt. Der Stoff lang ja nicht ohne Grund jahrelang herum, denn ich befürchtete, etwas Merkwürdiges oder Vollplastik gekauft zu haben, und nun weiß ich, dass mich mein erster Eindruck doch nicht getrogen hat.


Falls ihr nun Lust bekommen habt, selbst Brennproben zu unternehmen und ganz allgemein etwas mehr über viele Stoff- und Faserarten zu erfahren, möchte ich euch mein neuestes Buch Stoff und Faden. Materiallexikon ans Herz legen. (160 Seiten, 18 Illustrationen, Format 12x17 cm, ISBN 978-3-00-054777-5, 14,00 Euro).

Das Buch gibts ganz normal im Buchhandel, es ist außerdem bei amazon, im Schnittmusterkiosk von Crafteln und bei Lillestoff bestellbar, und natürlich direkt bei mir (per Mail). Passt auch ganz ausgezeichnet ins Osternest. Hier auf dieser Seite erfahrt ihr mehr über das Buch und könnt auch ein bißchen blättern.

20 Kommentare:

  1. Sehr schön erklärt. Danke und viele Grüße
    Dana

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  2. Vielen Dank für diese kleine und sehr wertvolle Schulung!
    Barbara

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  3. Danke für die ausführliche Beschreibung!
    LG, Andrea

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  4. Wie gut, dass bald Ostern ist ;)
    Vielen Dank für diesen spannenden Bericht!
    Liebe Grüße,
    Sandra

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  5. Sehr interesant! Danke für den Post. LG

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  6. Toll. Dsnke. Schöne Ostern Mema

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  7. Eine sehr interessante Analyse.
    Grüßle Bellana

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  8. Danke für deinen Post. Das wußte ich noch alles gar nicht.
    LG Martina

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  9. Vielen Dank fürs zeigen Deiner Stoffanalyse. Ich würde mich freuen wenn Du uns an den zukünftigen Brennproben auch teilnehmen lassen würdest.
    LG
    Martina

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    1. Ich mache das bestimmt nochmal - es ist noch einiges vom Markt da, bei dem ich nicht sicher bin, was das ist.

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  10. Spannend wie ein Krimi! Ich hab da auch noch einige Absonderlichkeiten liegen. Falls dir mal die Kandidaten ausgehen ... �� Lg, Zuzsa

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    1. Hihi, ja, warum nicht. Wobei das Erf´gebnis scher nicht immer so klar ist wie hier.

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  11. Sehr gut und ausführlich erklärt und beschrieben! Ich habe mich am letzten Wochenende auch durch die Neueinkäufe aus Münster-Wolbeck gezündelt...und zum Glück nur einen vollsynthetischen Stoff gekauft. Das Muster gefällt mir immer noch, wird aber wohl eher nicht die ursprünglich geplante Bluse werden.
    LG, Bele

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    1. Es ist schon irre, wie man sich bei Materialien täuschen kann, trotz Erfahrung!

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  12. Ich glaube den hatte ich - mit dir gekauft. Und dann muss mein weißer Stoff mit schwarzen Punkten das gleiche Material sein.
    Wirklich toll erklärt, denn nur mit einem Stück Stoff über der Flamme war ich überfordert.
    lg monika

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    1. Das kann sehr gut sein, Monika. Den Stoff habe ich schon ewig, und ich kann mich noch gut an deinen gepunkteten erinnern, dass der sich so ähnlich anfasste wie dieser hier und auch etwas glänzte.

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  13. Das ist wirklich sehr interessant, auch eine gute Idee die Brennprobe bei bekannten Materialien zu machen. Vermutlich sind bei Mischgewebe, die unterschiedlichen Fasern nicht immer fein säuberlich in Kett- und Schussfäden unterteilt, oder?
    Jetzt würde ich gerne mehr wissen, Zeit für dein Buch. Lg Michaela

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    1. Ja, es ist bei Mischgeweben wohl meistens so, dass die unterschiedlichen Fasern gemeinsam versponnen werden, dann kann man die Zusammensetzung nur herausfinden, wenn man die Fäden unter dem Mikroskop auseinandernimmt. Also nichts für den Hausgebrauch, leider.

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  14. Wow, danke für diesen ganz ausführlichen Bericht mit Schritt für Schritt Anleitung! Sehr genial, ich hab hier beides liegen: Stoff unbekannter Zusammensetzung und auch dein Buch und werde beides demnächst zusammenführen! lg, Gabi

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    1. Ohja, probier' das mal! Und wenn es interessant genugt ist, musst du das bloggen :-) Ich bin gerade total auf dem Brennproben-Trip, weil es wirklich erstaunlich ist, was man dabei zum Teil herausfinden kann.

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Vielen Dank für deinen Kommentar!