Samstag, 28. Oktober 2017

"Es geht nicht darum, das perfekte müllfreie Leben zu führen" - Ohne Wenn und Abfall [Rezension]

Ein ganzes Buch darüber, wie man keinen Müll produziert - wie unterhaltsam kann das schon sein? Das fragte ich mich ehrlich gesagt vor der Buchpremiere von Ohne Wenn und Abfall von Milena Glimbovski. Milena Glimbovski ist, im Kreuzberger Umfeld weiß man das vermutlich sowieso, die Gründerin von "Original unverpackt", einem Supermarkt, der möglichst weitgehend auf Verpackungen verzichtet. In ihrem Buch, das sie an dem Abend vorstellte, geht es aber nur am Rande um den Laden und die Gründung, sondern es ist in erster Linie ein praktischer Ratgeber zum nachhaltigen Leben.


Das Thema Nachhaltigkeit interessiert mich auf einer Ebene, wie es vermutlich viele Menschen beschäftigt: Ich versuche, möglichst oft Bio zu kaufen, habe kein Auto und bemühe mich auch ansonsten, mich nicht als Umweltschwein zu verhalten, so gut ich eben kann. Das Selbernähen brachte mich vom Konsum der gerade modischen H&M-Fummel weg, dem ich als Studentin frönte, und bei meinem eher gemächlichen Nähtempo fange ich nur Projekte an, bei denen ich sicher bin, dass ich sie wirklich mag. Andererseits kaufe ich manchmal Stoff, von dem man nicht genau weiß, woher er eigentlich kommt, und oft einfach nur, weil er mir gefällt, ohne konkreten Bedarf. Oder ist Hobby und/oder Selbstausdruck Bedarf genug? Darf man denn noch Schönes haben, wenn man nachhaltig leben will, oder muss man sich alles Vergnügen verkneifen? Ich finde das kompliziert, und wie man sieht, fordert das Thema  dazu heraus, sich erst einmal zu rechtfertigen, und damit wird es schnell etwas anstrengend und unentspannt.

Also kann Müllvermeidung unterhaltsam sein? Sehr sogar - wenn sich Milena Glimbovski des Themas annimmt! Dann wird es nämlich anekdotenreich, humorvoll, selbstironisch und undogmatisch. Und - vor allem das lernte ich an diesem Abend - es verlangt niemand, dass man von heute auf morgen sein ganzes Leben umkrempelt. Auch kleine Schritte zählen.

Milena Glimbovski im Gespräch mit Christian Neidhart

Ohne Wenn und Abfall geht genauso kleinschrittig vor und nimmt die Leserinnen bei der Hand: Systematisch werden alle Lebensbereiche auf Müllvermeidungspotential untersucht. Worauf kann man verzichten, was kann man ersetzen, was wäre eine verpackungsfreie Alternative? Zum Teil gibt es sogar konkrete Rezepte, zum Beispiel für Kosmetik oder Putzmittel. Ohne Wenn und Abfall befasst sich aber auch mit nachhaltigem Kleidungskaufverhalten, mit Müllreduktion im Büro und bei der Wohnungseinrichtung. Natürlich könnte man über jedes dieser Themen mindestens ein eigenes Buch schreiben, die Kapitel bilden aber einen guten Einstieg: Man wird für die Problematik sensibilisiert, versteht die Zusammenhänge, lernt, die richtigen Fragen zu stellen, und bekommt Tipps und Vorschläge, die sich tatsächlich sofort umsetzen lassen. Dass es so einfach ist, es besser zu machen, motiviert, weitere Veränderungen anzugehen.

Milena Glimbovski schreibt dabei so, wie sie bei der Buchpräsentation im Gespräch mit ihrem Lektor Christian Neidhart auch erzählt: Anschaulich und ironisch, unterhaltsam, mit eigenen Erfahrungen oder popkulturellen Referenzen gewürzt (über Fight Club freute ich mich besonders), niemals moralisierend oder besserwissend, denn sie berichtet auch von Rückschlägen und Irrtümern. Das liest sich flott weg, gleichzeitig steckt der Text voller Informationen, die man im Vorüberlesen aufnimmt, und die allerdings noch ein wenig nützlicher wären, gäbe es ein Register. Aber auch so motiviert das Buch sehr, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden und Schritt für Schritt ein Leben mit weniger Müll und weniger Konsum umzusetzen, denn es überfordert den Leser nicht.

Eine Auswahl von Produkten des "Original unverpackt"-Supermarkts

Mir wurde vor allem deutlich, dass Perfektionismus in Sachen Müllvermeidung - nach dem Motto: entweder ganz oder gar nicht, und wenn ich es nicht richtig mache, kann ich es gleich lassen - gar nicht nötig ist, wenn man sich damit nur selbst blockiert. Jeder Müll, der gar nicht erst verursacht wird, ist ein guter Schritt, und ich muss nicht gleich zum dogmatischen Superöko mutieren, um heute einen ersten Schritt zu gehen. Und morgen dann gleich noch einen.


Milena Glimbovski: Ohne Wenn und Abfall. Wie ich dem Verpackungswahn entkam. 
Kiepenheuer&Witsch 2017, ISBN 978-3-462-05019-6
Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags hier, dort auch Termine für weitere Lesungen

5 Kommentare:

  1. Super danke für den Tipp, ich versuche auch auf Müll zu verzichten und werde mal schauen ob ich das Buch in der Bücherei ausleihen kann. Ist ja auch irgendwie ökologischer als wenn jeder eins neu kauft.

    AntwortenLöschen
  2. Witzigerweise war ich, auf den Tipp von Floh, gestern in besagtem Supermarkt. Ich hatte schon davon gehört, aber tatsächlich dort gewesen zu sein, ist etwas ganz anderes. Es hat mich sehr inspiriert mein Konsumverhalten erneut zu überdenken. Ich war überrascht, wie viele Artikel, wenn sie denn "unverpackt" und pur sind, in einem einzigen Raum Platz finden. Wie angenehm und einfach das Einkaufen sein kann. Ohne das ganze Vergleichen und so. Es gibt eben eine Sorte grobe Haferflocken - Punkt. Weniger ist hier mehr und sehr entspannend.
    ... ich gehe dann mal diverse Beutel für den nächsten Einkauf nähen ...
    Viele Grüße!

    AntwortenLöschen
  3. Ein sehr spannendes Thema, bei dem ich immer sehr interessiert bin, aber bei dem ich in der Umsetzung grandios scheitere. So langsam legen auch meine Töchter wert darauf, Müll zu vermeiden. Dann ist es einfacher, wenn in der Familie Konsens herrscht.

    AntwortenLöschen
  4. Ein sehr spannendes Thema, bei dem ich immer sehr interessiert bin, aber bei dem ich in der Umsetzung grandios scheitere. So langsam legen auch meine Töchter wert darauf, Müll zu vermeiden. Dann ist es einfacher, wenn in der Familie Konsens herrscht.

    AntwortenLöschen
  5. Eines der spannenden Themen unserer Zeit, unbewusst wissen wir es irgendwie alle, besonders wenn man Ende vom Wochenende Papiermüll entsorgen möchte und die Behälter schon voll sind. Dabei finde ich den Papiermüll nicht mehr so "böse" (natürlich benötigt die Herstellung Energie), denn ich habe erfahren, dass aus unserem Altpapier Pellets für den Straßenbau hergestellt werden, kritisch sind im Papiermüll die Mischbehälter mit Plastik- oder Aluschicht.
    Das Thema hatte mich 2013 dazu angeregt, die Linkparty "Nix Plastix" zu starten. Inzwischen ist Zeit vergangen, Gesetze wurden geändert und die dicken Mehrwegplastiktaschen sehe ich als Einmalbehältnis für Plastikmüll ...
    Am besten ist sicher, bei sich selbst anzufangen mit kleinen Schritten.

    Letztens habe ich wieder den Bericht über unsere Atommüllabfälle gesehen ...

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!