Dienstag, 22. August 2017

Loben und fast gar nicht mehr lästern - Burdastyle 9/2017 und 9/2016 im Vergleich


Als ich letzte Woche das jüngste Heft von Burdastyle durchblätterte (Ausgabe September 2017) dachte ich mir: Es ist mal wieder Zeit für eine Heftkritik. Vor ziemlich genau einem Jahr verließ die Chefredakteurin Dagmar Bily das Blatt, der Posten wurde eingespart und der Heftinhalt wird seither von Rashana Jennings (Texte) und Anastasios Voulgaris (Mode und Schnitte) verantwortet. Kommissarisch, wie es zunächst hieß, aber bisher gibt es keine Anzeichen, dass sich diese Besetzung demnächst ändern würde. Nach einem Jahr und einer spürbaren Übergangsphase des Herumdümpelns sind nun auch die Veränderungen im Heft sichtbar, die das Duo angestoßen hat, und ich muss zugeben, wie sich das Heft entwickelt, gefällt mir recht gut. Ist das Heft wirklich besser geworden, oder ich milder? Um mein Bauchgefühl zu verifizieren, vergleiche ich das Heft 9/2017 mit der Septemberausgabe aus dem Vorjahr.


Schnittauswahl und -präsentation

 

Vorausgeschickt, ich freue mich sehr für Anastasios Voulgaris, dass er nun für die Schnittkollektion verantwortlich ist. Er arbeitete schon seit 2002 bei Burda im Moderessort, aber nie an verantwortlicher Position. Die Chefredakteurinnen kamen und gingen, auch die Chefinnen des Moderessorts wechselten, er aber blieb der ewige Stellvertreter - fünfzehn Jahre lang. Es befriedigt meinen Gerechtigkeitssinn, dass nach solchem Beharrungsvermögen schließlich doch eine ordentliche Beförderung winkte. Und Voulgaris ist offenbar in der Lage, den Leserinnen zuzuhören und oft geäußerte Verbesserungsvorschläge aufzunehmen. Ich mache das an folgenden Veränderungen fest:

    Es gibt Ärmel

     

      Die Massen an Schnitten für ärmellose Oberteile und Kleider im Herbst und Winter - möglicherweise eine persönliche stilistische Marotte der früheren Designchefin - gehörten zu den häufig vorgebrachten Kritikpunkten. Die Septemberausgabe 2016 enthielt drei ärmellose Tops (Schnitte 101, 103, 122) und bei den große-Größen-Schnitten vier ärmellose bzw. kurzärmelige Kleider und eine kurzärmelige Bluse. Das Heft von diesem Jahr bringt ein ärmelloses Kleid (Schnitt 120) in Standardgrößen, eine Art Partykleid, und ein Kleid mit moderaten Cutouts an den Schultern in großen Größen (Schnitt 123). Alles andere hat Ärmel, richtige Ärmel.


        Es gibt Detailbilder


          Über das Geschick von Burdastyle, interessante Schnittdetails hinter Requisiten wie Hundewelpen, Pferden, Torten, Handtaschen oder Blumensträußen zu verstecken, habe ich hier im Blog schon zu Genüge gelästert. Manchmal wurden die Kleider auch einfach an einer liegenden Frau in den Dünen abgelichtet. Prima! Im aktuellen Septemberheft gibt es nun tatsächlich Detailbilder und Fotos von hinten - und selbst das auch dieses Mal in der Brit-Chic-Strecke unvermeidliche Pferd (S. 34) darf nur dezent von der Seite ins Bild hineinschnuppern. Großartig!


            Es gibt Klassiker


              Die Schnitte in Burdastyle orientieren sich an der Laufstegmode, ja sie sind dem durchschnittlichen Peek-und-Cloppenburg-Schaufenster mitunter um ein oder zwei Jahre voraus. Das ist manchmal toll, wenn die Mode zufällig den eigenen Geschmack und die eigenen Kleidungsvorlieben trifft, manchmal aber auch weniger, wenn das nicht der Fall ist. Der Wunsch nach zeitloseren Schnittmustern im Heft wurde gerade in Nähforen oft geäußert, und ich kann ihn nachvollziehen, auch wenn die Burda-Einzelschnittmuster eigentlich genau solche Klassiker bieten.

              Mit Heft 9/2017 haben nun im Vergleich zu 9/2016 einige aufgemotzte Klassiker Einzug gehalten: Ein schmaler Rock (Schnitt 114/115), ein Etuikleid (Schnitt 116), ein Wickelkleid (Schnitt 113) und der Blazer mit Schößchen vom Bild oben (Schnitt 118). In Heft 9/2016 gab es zum Vergleich nur einen Faltenrock (121) und einen Blazer (108), die ich als klassisch bezeichnen würde. Mit aktueller Mode haben diese Schnitte wenig zu tun, aber für Leute mit einem konservativeren Kleidungsgeschmack oder für solche ohne großen Schnittmusterfundus, die einfach nur einen Standardschnitt für einen engen Rock oder etwas ähnliches suchen, dürften diese Modelle genau das richtige sein.

                Es gibt einen Vintage-Schnitt


                  Warum BurdaStyle seinen Fundus an Schnitten aus den letzten sechzig Jahren nicht schon längst systematisch verwertet, habe ich mich lange Jahre gefragt. Erst 2014 kam die Redaktion auf die Idee, Sonderhefte mit wieder aufgelegten alten Schnitten herauszubringen, und auch die monatlichen Hefte enthielten ab und zu einen Vintage-Schnittmuster, meistens abwechselnd mit dem "Designerschnitt", manchmal fiel aber auch beides weg. Das Septemberheft vom letzten Jahr brachte als Designerschnitt ein Dirndl von Lola Paltinger, dieses Jahr gibt es ein Kleid vom September 1957, laut Editorial der Beginn einer neuen Serie mit neu aufgelegten alten Schnittmustern. Die Wahl dieses sehr erwachsenen, nicht nach typischer Retromode aussehenden Kleides macht Hoffnung auf interessante Schnitte in den nächsten Heften.
                   

                  Texte und Rubriken


                  Mit den Texten in Burdastyle ist es ja so: Kein Mensch kauft dieses Heft wegen der Texte. Die Texte sind schon gut, wenn sie nicht weiter unangenehm auffallen, mehr erwartet man nicht. Trotzdem lässt sich diese Aufgabe besser oder schlechter lösen. Neben dem eher diffusen Eindruck, dass in den begleitenden Texten zu den Modellfotos jetzt mehr auf Schnitt- und Verarbeitungsdetails eingegangen wird als früher und weniger blumiger, inhaltsloser Mode-Sprech in Wir-Form benutzt wird, ist mir der Wechsel in Stil und Ansprache besonders in einer Rubrik aufgefallen.



                  Nähen statt Hauswirtschaft



                  Die Rubrik "Wie geht eigentlich", die den "Modedoktor" ablöst, umfasst wie vorher eine Doppelseite, ja sogar die Grafikerin, die die Illustrationen macht, ist dieselbe geblieben. Im September 2017 wird das Verlegen von Brustabnähern in einer Serie von sachlichen Zeichnungen erklärt (oben im Bild auf der rechten Seite). Eine Änderung, die für gute Passform unerlässlich ist, die ich als Selbernäherin in meinen Anfangsjahren aber nicht kannte, und damit ging es mir sicher wie vielen Näh-Einsteigerinnen.

                  Die Rubrik "Modedoktor" (links) brachte hingegen vor einem Jahr eine Bügelanleitung - und nicht etwa für das Bügeln während des Nähens, sondern für das Bügeln von Hemden und Blusen, dekoriert mit süßen Pünktchen und einer putzigen Vignette, die eine Krankenschwester im fünfziger-Jahre-Stil zeigt. Die Problematik - wie werden Hemden faltenfrei gebügelt - wurde in eine Frage-Antwort-Sequenz eingekleidet, es handelte sich also um eine Art hauswirtschaftlichen Rat "von Frau zu Frau". Ich glaube ich muss nicht extra betonen, wie wenig mich im Kontext einer Nähzeitschrift (und übrigens auch sonst) das korrekte Bügeln von Oberhemden interessiert, und wie rückwärtsgewandt und betulich ich so eine Seite mit Haushaltstipps finde. In den anderen Modedoktor-Folgen wurden in der gleichen Aufmachung durchaus auch mal Nähtechniken erklärt, aber ich erinnere mich auch gut daran, dass in den Warenkunde-Rubriken in den letzten Jahren auch mal Wäschetrockner, Staubsauger oder Feinwaschmittel besprochen wurden.

                  Die schleichende Hauswirtschaftisierung des Burdastyle-Magazins, die sich auch im Auftauchen von Backrezepten äußerte, scheint mir aber vorerst gestoppt. Die Basteln-und-Backen-Rubrik werden wir wohl leider nicht mehr los, auch wenn sie zur Zeit nicht mehr dazu da ist, das richtige Umfeld für die Anzeigen eines Likörherstellers zu bieten. Immerhin ist der Bastelanteil gestiegen und der Kochrezeptanteil gesunken, das werte ich als kleinen Hoffnungsschimmer.

                  Höherer Preis, weniger Schnitte?


                  Mit der Ausgabe 9/2017 stieg der Heftpreis um 1 Euro, von 5,90 auf 6,90. Einen Hinweis oder eine kleine Erklärung in Heft hätte ich zwar schön gefunden, aber ich finde den Preis für das Schnittmusterheft auch jetzt noch vollkommen in Ordnung und kann mich gar nicht erinnern, wann der Preis zuletzt erhöht wurde - es muss Jahre her sein. Bei den wenigen Anzeigen, die das Heft mittlerweile enthält, finde ich eher erstaunlich, dass man es noch immer zu diesem Preis anbieten kann. Und da, wo ich wohne, bekommt man für 1 Euro nicht einmal eine Kugel Eis.

                  Sehr oft liest man den an Burda gerichteten Vorwurf, das Heft enthalte jedes Jahr weniger Schnittmuster. Der Vergleich von 9/2016 mit 9/2017 bestätigt das so nicht: In beiden Heften gibt es zahlreiche Modelle, die nur durch eine kleine Variation eines Schnittes entstehen, eine andere Länge z. B. oder ein Kleidoberteil, das ein andernmal als Bluse fungiert. Die Menge an unterschiedlichen Schnittgrundlagen erscheint mir gleich - wobei Heft 9/2016 insofern eine schlechte Vergleichsgrundlage bietet, weil allein vier fast identische Dirndlschnitte enthalten sind, die aber alle eine eigene Modellnummer erhalten haben. Das müsste man auf der Grundlage von mehr Heften einmal auszählen. Verglichen mit der Handvoll Schnittmuster, die z. B. Maison Victor bietet (für 7,95) finde ich das Schnittangebot bei Burda aber immer noch sehr üppig.

                  Mein Schnittfavorit der Ausgabe




                  Die Wolljacke mit Kelchkragen und Pattentaschen, Modell 119, ist mein Favorit in dieser Ausgabe. Ich habe einige schöne, dicke Wollstoffe und brauche langsam mal einen Ersatz für die schwarze kurze Walkjacke, die ich im Herbst oft trage. Susanne - Sujuti hat auch ein Auge auf den Schnitt geworfen und kommentierte letztens, dass diese A-Form gerade dabei wäre, Blousonjacken abzulösen. Prima, dann nähe ich mir doch keine Bomberjacke mehr (ob ich sowas mag und ob es zu mir passen könnte, darüber denke ich seit etwa zwei Jaheren nach), sondern springe schnell auf den A-Jacken-Zug auf. Nicht sicher bin ich wie gesagt, was die dreivierellangen, weiten Ärmel betrifft. praktsich ist das nicht, aber vielleicht schön?  An nicht zu kalten, nicht zu windigen Herbsttagen, goldener Oktober und so? Mal sehen.

                  Ich hoffe, die Heftkritik hat euch Spaß gemacht - eine regelmäßige Heftbesprechung aus weiblicher und männlicher Perspektive gibt es auch beim Erschöpften Quota hier, falls ihr von Burda noch nicht genug habt. Ich glaube, der weiße Rollkragenpullover ist wirklich derselbe... Alle Modelle aus 9/2017 gibt es hier zu sehen, und natürlich interessiert mich eure Meinung zu diesem Heft!

                  Dienstag, 15. August 2017

                  Was ich gerade treibe, Pläne und Näh-Nachrichten aus dem Netz


                  Hier ist es gerade ein bißchen stiller zur Zeit, aber das liegt nicht an Urlaubsaktivitäten im Hause Nahtzugabe, sondern im Gegenteil an recht viel Arbeit auf einmal. Im Frühjahr 2018 wird es ein neues Buch geben, ein Anleitungsbuch für Patchwork und Quilts, dieses Mal wieder beim BuchVerlag für die Frau in Leipzig, wo zuletzt auch das "Neue Leben für alte Kleider" erschienen war. Ich bin also dabei, zu planen und zu schreiben, Stoffe auszuwählen und zu nähen - alles irgendwie parallel, denn ich möchte im November weder mit einem Berg noch zu nähender Patchworkprojekte, noch mit vielen leeren, noch zu füllenden Seiten dasitzen.


                  Im Kopf ist schon alles quasi fertig, ich muss es also "nur noch schnell alles aufschreiben" - dieser Spruch war früher ein Witz in meiner Doktorandengruppe, denn wie man sich vorstellen kann, fangen bei "nur noch aufschreiben" die Schwierigkeiten erst an. Bei Anleitungen für Quilts gilt das ganz besonders. Wenn man nicht nur einfarbige Stoffe oder Stoffe aus verbreiteten Quiltstoffserien verwendet, muss man sicherstellen, dass andere die Projekte mit ähnlichen Stoffen nacharbeiten können und bei der Stoffauswahl nicht verzweifeln. Die mosaikähnlichen Stoffrestequilts, die ich früher genäht habe - sowas wie hier oder hier - eignen sich überhaupt nicht dazu. Da bin ich gerade dabei, einen Mittelweg zu finden: Stoffe, die so ähnlich überall erhältlich sind, ohne dass das Ergenis eintönig wird.

                  Ein ausgedehnter Sommerurlaub kommt dieses Jahr also nicht in Frage, und auch ein neues, selbstverlegtes Buch muss noch etwas warten, obwohl ich einige Ideen und Pläne habe. Ein selbstgemachtes Buch wäre auf jeden Fall wieder eine große Herausforderung - nur weil beim Stofflexikon alles klappte und das Buch begeisterte Rückmeldungen bekommt und sich gut verkauft, bilde ich mir nicht ein, das Büchermachen und -verkaufen verstanden zu haben. Das Ziel in ferner Zukunft, ein sympathischer Kleinverlag zu textilen Themen, mit sehr guten Anleitungsbüchern und interessanten Büchern zur Kulturgeschichte der Textilien, ist sehr ambitioniert - vielleicht ist das ganze auch gar nicht zu schaffen, aber ich möchte es wenigstens versuchen. Immer wenn ich mal wieder einen Einblick bekomme, wie die meisten etablierten Handarbeitsverlage arbeiten, was dort alles nicht gemacht wird, weil es als zu wenig massentauglich gilt, dann denke ich doch, dass es daneben noch eine kleine, nicht unkomfortable Nische geben müsste, und da will ich hin. Aber bis dahin ist noch sehr, sehr viel zu lernen.


                  Auf dem Nähtisch


                  Noch für den Sommer oder schon für den Herbst nähen? Das wechselhafte und ab und zu recht kalte Wetter macht es nicht leicht, sich noch der Sommergarderobe zu widmen. Ich hatte ein weiteres Ansa-Butterfly-Kleid aus leichter Viskose geplant und außerdem ein ärmelloses Sommerkleid aus Waxprint, aber ich bezweifele, dass es diesen Sommer noch dazu kommt, falls uns nicht noch eine Hitzewelle überrascht. Das schon lange geplante Anna-Kleid nach By Hand London aus der im März bei der Stoffspielerei selbstgefärbten Baumwolle habe ich aber vorletztes Wochenende beim Nähtreffen immerhin schon angefangen, und es macht bis jetzt einen guten Eindruck - das wird demnächst fertig.


                  Außerdem fast fertig ist eine Chobe-Tasche nach dem tollen Schnitt von Elle Puls. Auch die lag schon sehr lange, seit Jahresanfang da, ehe die schwierige Suche nach der passnden Taschen-Hardware das Projekt stocken ließ.  

                  Konkrete Nähpläne für den Herbst wollen sich aber auch noch nicht einstellen. Eine kurze Wolljacke, eventuell in A-Linie, auf jeden Fall mit Pattentaschen und schönem Kragen, würde ich mir gerne nähen. In etwa wie die Jacke 119 aus dem Burda-September-Heft, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob diese glockigen Ärmelabschlüsse das richtige für mich sind. Zu den letzten zwei Burda-Heften würde sich aber mal wieder ein Beitrag lohnen - da tut sich offensichtlich wieder was beim Konzept, und das geht durchaus in die richtige Richtung, finde ich.

                  Näh-Nachrichten aus dem Netz


                  Oder "Informationen querbeet", wie eine meiner Lieblingsbloggerinnen schreibt. Dank eines sehr verbesserten Internetanschlusses kann ich jetzt Tipps wie das Fashion Weekend auf arte mit lauter interessanten Modefilmen am 29. September bis 1. Oktober nicht nur weitergeben, sondern mir sogar auch selber ansehen. Die für mich ganz neue Möglichkeit des ruckelfreien Betrachtens von Filmbeiträgen hat noch nicht dazu geführt, dass ich sämtliche Mediatheken leergucke, aber es ist schön, dass das jetzt überhaupt als Freizeitgestaltung in Frage kommt. Am 1. Oktober ab 17.10 Uhr läuft bei arte zum Beispiel die Dokumentation über Dries van Noten, über die ich vor ein paar Wochen geschrieben hatte.  

                  Die Serie Game of Thrones hat ja jetzt auch wieder angefangen, aufgrund der vormaligen Internet- und Fernsehsituation hier bin ich völlig draußen und werde das auch nicht mehr aufholen, aber die Fans finden vielleicht diesen Artikel über die modehistorischen Bezüge der Kostüme interessant, den ich gerne gelesen habe, obwohl ich von der Serie nur ein paar Bilder kenne.

                  Um die Abbildungen von Kleidung in der Kunst und die damit verbundenen Fragestellungen und Probleme geht es bei einer Konferenz in Berlin in der Lipperheidischen Kostümbibliothek am 14. und 15. 9. - Programm und (kostenlose) Anmeldung hier: 'All that glitters...': Visual representations of dress in the early modern and the boundaries of reliability". Ärgerlich, dass ich am 15. nicht in Berlin bin, die Vorträge an beiden Tagen hören sich interessant an.

                  Ebenfalls in Berlin, im Museum Europäischer Kulturen, läuft noch bis Ende Januar die Ausstellung Anna webt Reformation. Ein Bildteppich und seine Geschichten. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein Bildteppich von 1667 aus Dithmarschen, der anlässlich des damaligen Reformationsjubiläums in Auftrag gegeben wurde. Neben dem Teppich sollen auch weitere Textilien zu sehen sein - ich habe die Ausstellung noch nicht besucht, werde das aber so bald wie möglich einplanen.

                  Neben dem Reformationsjahr haben wir ja auch, auf dem Kontinent vielleicht etwas weniger präsent, das Jane-Austen-Jahr, nämlich Jane Austens zweihundertsten Todestag. Bei der BBC gab es zu diesem Anlass eine vergnügliche Doku über eingefleischte Austen-Fans und ihre Unternehmungen, die Autorin und ihre Zeit weiterleben zu lassen: My friend Jane. (noch 5 Tage in der Mediathek)

                  Und zuletzt habe ich für euch noch einen weiteren nützlichen Artikel des Beswingten Allerleis: Widerrruf und Reklamation beim Stoffkauf.

                  Samstag, 5. August 2017

                  Auf den Nadeln im August: Strickjacke "Seanair" für den Liebsten und "Flaum" für mich

                  Die Frage "Was strickst du gerade?" kam vor kurzem bei Instagram auf, und sie erfordert eine längere Antwort. Ich stricke zur Zeit zwei größere Projekte parallel, oder genauer gesagt: ich strickte, denn ehrlich gesagt war es in den letzten Tagen zu warm und zu schwül, um Wolle anzufassen, und beide Teile stagnieren. Aber in den kalten und regnerischen Wochen der ersten Sommerhälfte ging es sehr gut voran.


                  Das erste Projekt, den Cardigan Flaum nach Anleitung von Justyna Lorkowska, habe ich Ende Mai angefangen. Die Anleitung hatte Birgit - lila und gelb aufgetan und gleich die halbe Berliner Strickrunde damit infiziert. Bei dieser Jacke wird eine Art Schulterpasse in 1rechts-1links-Rippe gestrickt, die dann in Patent-Rippen übergeht, so wird die Jacke im unteren Teil automatisch weiter, ohne dass man Zunahmen stricken muss.

                   

                  Man braucht ein leichtes, flauschiges Garn, und glücklicherweise hatte ich beim Fabrikverkauf von Hindahl&Skudelny in Bielefeld Anfang des Jahres eine große Kone dunkelrotes Mohairgarn erworben. Der Farbton passt exakt zu drops Alpaca im Farbton 5565, Weinrot, und beides zusammen verstrickt mit Nadeln 4,5 ergibt ein schönes, fluffiges Maschenbild. Es entspricht nicht ganz der Maschenprobe, daher stricke ich Größe L, um hoffentlich zum Schluss eine kleine Größe M zu erhalten.


                  Zuletzt habe ich die Taschenbeutel gestrickt, jetzt kommen noch 2,5 cm 1rechts-1links-Bündchen, dann ist der Korpus der Jacke fertig. Ich bin bis jetzt sehr zufrieden, anprobiert sehen die Proportionen gut aus und die Farbe entspricht genau meinem "mehr Dunkelrot"-Vorsatz


                  Projekt Nummer zwei ist der Männercardigan Seanair mit Zopfmuster und Reißverschluss  von Judith Brodnicki, die Anleitung gibt es kostenlos bei knitty.com, die Korrekturen der Anleitung aber nur auf der ravelry- Seite. Auch ihn begann ich im Mai, und er sollte ein Geschenk zum Geburtstag des Liebsten im Juli werden. Natürlich wurde ich bis zum Termin nicht fertig, aber kam doch so weit, dass die Schulternähte geschlossen waren und das Teil damit anprobierbar war. Glücklicherweise passt es! Ich stricke bei solchen geheim gestrickten Geschenken immer mit viel Zweifel, messe ständig nach und vergleiche mit passenden Oberteilen und bin trotzdem sehr nervös, ob das alles so klappt.


                  Diese Jacke stricke ich aus Lima von drops in Farbe 4305 (dunkelblau) auf 4er-Nadeln. Das Lima-Garn, eine Mischung aus Wolle und Alpaca, mag ich sehr gerne, es verstrickt sich flott, ist formstabil, pillt nicht und wird nach dem Spannen noch etwas flauschiger. Die Anleitung Seanair ist auch gut - aber wie gesagt, unbedingt die Fehlerkorrekturen bei ravelry beachten, ich habe mir die Anleitung ausgedruckt und erstmal alle Korrekturen eingetragen. Dann ist das Stricken kein Problem, die verschiedenen Zopfmuster kann man sich gut merken, und ich hatte nach den ganzen Stephen-West-Tüchern mit viel kraus rechts sehr große Lust, mal wieder etwas Komplizierteres zu stricken. Es ist großartig, dass eine so ausgeklügelte Jackenanleitung kostenlos zur Verfügung gestellt wird.


                  Die Jacke ist mittlerweile fertig gestrickt, nun muss ich die Fäden vernähen, die Jacke spannen und den Reißverschluss einnähen, alles in allem also ein Programm für mindestens drei Abende. Die Ärmel der Jacke scheinen ziemlich weit zu sein, und die Abnahmen kommen nicht ganz hin - zumindest in größe M muss man häufiger abnehmen, als die Anleitung sagt, damit am Bündchen die richtige Maschenzahl erreicht ist (oder die Jacke ist für Menschen mit außerordentlich langen Ärmeln konzipiert, wer weiß).

                  Besonders schön finde ich den kleinen Stehkragen, der innen einen glatt rechts gestrickten Beleg bekommt - mal sehen, wie sehr ich mich abmühen muss, dort den Reißverschluss ansehnlich einzunähen. Aber es ist ja noch ein bißchen Zeit, bis wir wieder Strickjackenwetter haben. 

                  Weitere Strickprojekte im August findet man in der Sammlung "Auf den Nadeln" bei Maschenfein. 

                  Montag, 24. Juli 2017

                  Lempi II oder die Tücken die Routine


                  Vor einigen Wochen hatte ich vollmundig eine ganze Garderobe aus lauter Lempi-Kleidern (nach dem Schnitt von namedclothing) angekündigt, und ehrlich gesagt finde ich die Idee immer noch bestechend: Neben dem ersten, dem grauen Lempi noch ein blaues, ein rotes, ein grünes und ein schwarzes Lempi, ein Lempi aus Jeans, eins aus feinem Cord, für den Herbst eins als Tweed und für jetzt eins mit Blumenmuster, außerdem natürlich ein Abend-Lempi aus Brokat. Klingt doch total plausibel, oder? Lempi in jeder Lebenslage, außer vielleicht zum Schlafen und zum Schwimmen!


                  Aber im Ernst: Was dieser Lempisierung meiner Garderobe entgegensteht, bin ich selbst. Einen Schnitt zum zweiten Mal zu nähen ist nie so schön und wird nie so gut wie beim ersten Mal, scheint mir. Mein neues Lempi-Kleid aus dünnem, dunkelblauen Denim mit ein wenig Elasthan hatte ich flott und wohlgemut gleich nach Lempi I zugeschnitten und die ersten großen Nähte geschlossen. Als Kappnähte, abgesteppt mit beigem Jeansgarn. Und dann passierte folgendes:



                  Die Schere war so scharf, dass ich gar nicht merkte, wie ich durch zwei Stofflagen schnitt. Und natürlich reichte der Stoffrest nicht mehr für einen neuen Ärmel. Typisch! Sowas passiert mir nur bei Schnitten, die ich schon einmal genäht habe.

                  Nach etwas Herumschmollen und Verzweifeln setzte ich schließlich einfach einen Streifen Jeansstoff an, den ich innen versäuberte und von außen durchsteppte. Nicht unsichtbar, aber da es sich um die Ärmelnaht handelt, befindet sich die Stelle unter der Arm, das sieht man wirklich kaum. Am fertigen Kleid sieht das jetzt so aus:

                  Damit kann ich leben. Die Steppnaht mit Jeansgarn lenkt ganz gut von der parallel verlaufenden Naht ab.


                  Am restlichen Kleid habe ich mit Absteppungen ansonsten nicht übertrieben: Den Kragen, die aufgesetzten Taschen und Taschenklappen, die Schulternaht, die Gürtelschlaufen und die Säume habe ich abgesteppt, die Knopfleiste nicht. An dieser sehr sichtbaren Stelle auffällige Nähte zu setzen, war mir nach den vorangehenden Erlebnissen zu heikel, das hätte vermutlich nicht auf Anhieb geklappt, und der Stoff ist erstaunlich empfindlich, was das Trennen angeht.


                  Die Knöpfe sind silberfarben mit etwas Patina, auf eine Gürtelschnalle habe ich diesmal verzichtet -- es gab zwar eine farblich passende, sie erschien mir aber zu schwer für ein Kleid, und als Kleid habe ich Lempi bisher getragen. Der Schnitt ist ideal für das merkwürdige, wechselhafte Wetter zur Zeit, das oft innerhalb eines Tages von heiß und schwül auf windig und verregnet wechselt. Ich habe aber vor, das Jeans-Lempi auch mal als leichten Mantel einzusetzen, wie es Mema mit ihrem Jeanskleid Iam Hermes macht - die Idee ist gerade für die Reisegarderobe sehr praktisch, und es sieht wirklich gut aus.


                  Wie beim grauen Lempi-Kleid habe ich am Schnitt nichts geändert, und da der Denim einen kleinen Anteil Elasthan hat, trägt es sich sogar noch bequemer als das erste. Meine Liebe zu diesem Schnitt ist auch noch nicht erloschen: ich habe ein großformatiges schwarz-weißes Vichykaro aus leichter Baumwolle da, Karolänge etwa 4 cm, das ich mir auch als Lempi vorstellen kann. Oder wird das zu heftig gemustert? Ich werde noch eine Weile darüber nachdenken und in der Zwischenzeit etwas anderes nähen, sonst versemmele ich das Kleid bestimmt.

                  Zusammenfassung:
                  Schnittmuster: Lempi von namedclothing
                  Genähte Größe: 40, keine Änderungen
                  Stoff: Leichter dunkelblauer Denim aus Baumwolle mit Elasthananteil. Jeansabsteppgarn in beige für einige Nähte

                  Montag, 10. Juli 2017

                  Filmtipp: "Dries" von Reiner Holzemer

                   
                  Wenn es einen Designer gibt, dessen neuen Kollektionen ich geradezu entgegenfiebere, dann ist es Dries van Noten. Der Antwerpener Modeschöpfer macht einiges anders als seine Kollegen: Seine Firma ist nach wie vor in seinem Besitz und nicht Teil eines Luxuskonzerns, und er vergibt seinen Namen nicht für Lizenzprodukte wie Parfums, Kosmetika und Handtaschen, mit denen andere Modehäuser einen Großteil ihres Umsatzes generieren. Bekannt ist das Label Dries van Noten für edle Stoffe, oft außergewöhnlich gemustert, oft folkloristisch angehaucht, mit üppigen Stickereien. Fotos von den Schauen oder aus Onlineshops geben die Qualität des Materials nur unzureichend wieder, hier in den Galeries Lafayette habe ich schon das eine oder andere (für mich unerschwingliche) Stück gesehen, und ich kann euch versichern: In Wirklichkeit sind die Stoffe noch toller.

                  Die Stoffe sind auch der Ausgangspunkt für die Kollektionen von Dries van Noten, das erfährt man in dem Dokumentarfilm "Dries", der letzte Woche in die Kinos kam und der den Designer über ein  Jahr begleitete. In einer schönen Szene zu Anfang des Films werden neue Stoffe gesichtet - das ganze Team steht um einen großen Tisch herum, auf den Stoffe über Stoffe gehäuft werden, man würde gerne selbst mit dort stehen, und die Materialien durch die Hände gleiten lassen.

                  Das Entstehen der Kollektion ist dann vor allem ein unendlich verfeinerter Auswahlprozess: Stoffproben werden an Models drapiert, um die Wirkung abzuschätzen, die Ergebnisse fotografiert, ausgedruckt und die Bilder in langen Reihen auf dem Atelierfußboden ausgelegt. Aus dieser Fülle wird wieder ausgewählt, genauso wird mit den gezeichneten Modellen verfahren, mit Schuhen und Stickereien. Man könnte die Arbeitsweise von Dries van Noten als Experimentieren, als kontrolliertes Ausprobieren bezeichnen: Was passiert, wenn Stoff x mit Stoff y kombiniert wird? Was passiert, wenn Stoff z dazukommt?

                  Leider erfährt man in dem Film relativ wenig darüber, wie die so entwickelten Ideen dann in Kleidungsstücke umgesetzt werden, es gibt nur eine sehr kurze Szene aus einer Nähwerkstatt, und woher die Modellzeichnungen kommen, wurde mir auch nicht klar (Dries van Noten zeichnet nicht selber, scheint mir). Das ist schade, denn der Designer betont selbst immer wieder, wie wichtig das Schneiderhandwerk für seine Arbeit ist, wie wichtig die Qualität der Stoffe - darüber hätte ich gerne mehr erfahren. Aber der Dokumentarfilmer Reiner Holzemer ist, vermute ich, nicht besonders modeaffin und interessiert sich daher nicht besonders für den Materialaspekt. Das ist für Nähnerds etwas unbefriedigend, aber vermutlich möchten auch die meisten nicht-nähenden Zuschauerinnen lieber erfahren, wie der Designer lebt (in einem kleinen Schloss), als einen Einblick in die Produktionsabläufe in seiner Firma zu erhalten.

                  Als Porträt der Person fand ich den Film dennoch sehr gelungen, er verzichtet auf einen erklärenden Off-Kommentar, so dass es der Zuschauerin überlassen bleibt, aus dem Gezeigten Schlüsse zu ziehen. Dries van Noten kommt selbst ausführlich zu Wort, in geringerem Maß auch einige Modeexpertinnen, und diese Stimmen erzeugen zusammen mit den Szenen und Bildern ein komplexes, facettenreiches Bild der Person Dries van Noten, durchaus auch mit Widersprüchen.

                  Wenn der Film bei euch in der Gegend im Kino läuft, schaut ihn euch an! Es lohnt sich allein schon wegen der Modenschauen, die im Film vorkommen - auf der großen Leinwand erkennt man die Details der Kleider viel besser als auf Fotos im Internet. Besonders interessant fand ich das Wiedersehen mit der ersten Damenkollektion von 1995, von der ich nur ein paar schlechte Zeitschriftenfotos kannte - die Kleider sind überhaupt nicht gealtert, und ich habe erst jetzt verstanden, warum diese Kollektion damals so ein großer Erfolg war.

                  Ein Trailer zum Film findet sich hier und hier bei Vogue online gibt es ein Interview mit dem Regisseur.

                  Mittwoch, 28. Juni 2017

                  Jeden Tag Party: Ansa von namedpatterns


                  Ich weiß, ich weiß, beim letzten MeMadeMittwoch hatte ich angekündigt, mir eine ganze Garderobe nur aus Lempi-Kleidern für alle Gelegenheiten nähen zu wollen. Lempi Nummer zwei aus dunklem Denim ist auch in Arbeit, aber ich musste den Schnitt Ansa, ebenfalls von named clothing dazwischenschieben. Man braucht ja auch was für die sehr heißen Tage und für Partys.


                  Für Partys? Ja, named bezeichnet Ansa als "Partykleid", und das stürzte mich in eine kleine Sinnkrise. Für mich hat Ansa nämlich alles, was ein gutes, praktisches Alltags-Sommerkleid ausmacht: Der Ausschnitt ist moderat, es hat Ärmel und bedeckt ziemlich viel Haut, der Rock ist mäßig weit - konnte es etwa sein, dass ich in Sachen Party nicht mehr auf dem aktuellen Stand bin?



                  Als ich dann die schöne Version der Nähfreundin gesehen hatte, war ich aber sehr optimistisch, dass der Schnitt zu mir passen könnte. Ansa ist ein Raglanschnitt, bei dem die Ärmel weit und glockig fallen.


                  Das Ärmelschnittteil ist so weit ausgestellt, dass es gerade so auf die halbe Stoffbreite passt. Schwer fallende, nicht zu zarte Viskose ist perfekt dafür.


                  Bei so einem Stoff ist es dann etwas kniffelig, eine Paspel in die Teilungsnaht im Vorderteil einzunähen. In der Naht ist übrigens ein Brustabnäher versteckt, man sollte sie daher nicht einfach weglassen.


                  Ich habe ein schwarzes Baumwollschrägband als Paspel eingenäht, ohne Schnurfüllung, das wäre mir sonst zu mächtig geworden (wobei named gerade ein Ansa mit breiter Paspel zeigte, das richtig gut aussieht). Die Nahtzugabe der Paspel hatte eine Tendenz, sich nach oben zu klappen, also habe ich sie dort festgesteppt. Ansonsten habe ich fast nichts geändert: Größe 40 genäht, damit das Oberteil auch wirklich locker sitzt und das untere Oberteil an der Teilungsnaht um einen Tick verlängert. Die Falten, die im Vorderteil die Abnäher ersetzen, lagen genau an der richtigen Stelle, das Kleid sitzt insgesamt locker und nicht einengend, genau wie ich es wollte.



                  Es ist also so, dass nicht ich mein Verständnis von "Party" ändern muss, sondern alle anderen (insbesondere named patterns) müssen anscheinend mal ihr Verständnis von Alltag überprüfen. Das Kleid ist perfekt für den Alltag und trägt sich unglaublich angenehm, weil es so leicht und locker und nicht einengend ist. Aus gewaschener Seide (am besten dunkelgrün) wäre es ein Traum - und dann hätte der Schnitt wirklich etwas von einem Partykleid. Ich mache mich derweil nach weiterer geeigneter Viskose auf die Suche und gebe zurück zum MeMadeMittwoch heute.  

                  tl, dr:
                  Schnitt: Ansa, named patterns
                  Genähte Größe: 40, unteres Oberteil an der Teilungsnaht knapp 1 cm verlängert
                  Stoff: schwere Viskose, Paspel: schmales schwarzes Baumwollschrägband, flach eingenäht
                  Verstärkung mit Bügelvlies entlang des Reißverschlusses und beim "v" im Vorderteil. Halsaussschnitt mit Schrägband aus Futtertaft verstürzt.