Samstag, 9. Dezember 2017

Ein Jahr "Stoff und Faden" - mit Verlosung!

Heute ist ein Tag zum Feiern, denn vor genau einem Jahr nahm ich unten auf der Straße vor dem Haus eine Palette Bücher in Empfang - das Stofflexikon "Stoff und Faden" wurde von der Druckerei geliefert und ich hielt endlich das Ergebnis von fast einem Jahr Arbeit in den Händen.


Das Jahr dazwischen war aufregend, anstrengend und beglückend: Ich packte und verschickte Hunderte Briefe, Päckchen und Pakete mit Büchern, nahm Anfang März eine weitere Buchpalette in Empfang, fuhr zu Lesungen und Workshops, bekam ein Verlagsangebot für "Stoff und Faden" (das ich ausschlug), und nun denke ich allmählich über neue Buchprojekte nach.

Jetzt ist es aber zunächst Zeit, Danke zu sagen für dieses großartige Jahr, denn ich bekam sehr viel Unterstützung von sehr vielen Menschen, die ich zum Teil nicht mal kenne:

Ich winke also besonders herzlich nach Hamburg, wo die Einkaufsabteilung von Libri "Stoff und Faden" ganz unproblematisch in den Katalog aufnahm und mir noch dazu sehr gute Bedingungen einräumte. Das wäre aber nicht passiert, wenn nicht so viele von euch, liebe Leserinnen, das Buch im Buchladen bestellt und das kleine Lexikon euren Buchhändlerinnen besonders ans Herz gelegt hätten - Danke dafür.

Einen großen Dank auch an alle, die "Stoff und Faden" sofort nach Erscheinen in ihrem Laden oder Onlineshop anboten, als man noch gar nicht wissen konnte, dass das Buch ein Erfolg werden würde. Stellvertretend für viele, viele andere winke ich in den Süden, zum Reisebuchladen Karlsruhe und zum Team der Haupt-Buchhandlung in Bern und nach Hannover zu Daniele von Lillestoff.

Einen großen Dank aber vor allem an alle, die in ihrem Blog, bei amazon, bei twitter und Instagram Buchbesprechungen veröffentlichen und Freundinnen und Bekannten von "Stoff und Faden" erzählen - solche persönlichen Empfehlungen sind unglaublich wertvoll für ein Buch, das nicht von vorneherein in jedem Buchladen liegt, und ich freue mich über jede einzelne.


Übrigens fand auch die Redaktion von BurdaStyle "Stoff und Faden" richtig gut und empfahl es in der Novemberausgabe als eine der "besten Neuerscheinungen zum Thema Mode" - eine  vollkommen unerwartete Überraschung und auf jeden Fall das Highlight des Jahres für mich. Einen herzlichen Dank nach München!


Ich werde erst heute Abend wirklich etwas feiern können - heute muss ich nämlich arbeiten - aber für euch gibt es schon jetzt etwas: Ich verlose drei Exemplare des Stofflexikons jeweils mit einer von mir genähten, wiederverwendbaren Geschenkverpackung, für dich, oder gleich fix und fertig zum Weiterverschenken für eine Nähfreundin.

Alles was du dafür machen muss: erzähl' mir in den Kommentaren, was für Selbermach-Textil-DIY-Bücher du magst. Über welches Thema hättest du gerne ein Buch? Zu welchen Thema sollte es noch Anleitungen oder gute Bücher geben? Worüber würdest du gerne lesen, was interessiert dich? Welches Selbermach-Buch gefällt dir gerade besoders gut, und warum? Du musst keinen Roman schreiben, pick' dir einfach die Frage heraus, zu der dir spontan etwas einfällt. (Susanne von "Textile Geschichten" und ich haben einiges vor, du ahnst es vielleicht.)

Die Verlosung läuft bis zum Dienstag, 12. 12. 2017, 17.00 Uhr, dann lose ich aus und gebe am nächsten Tag die Gewinnerinnen bekannt. Du kannst auch bei Instagram (@nahtzugabeblog) teilnehmen, indem du unter dem entsprechenden Beitrag kommentierst. Wenn du sowohl hier, als bei Instagram antwortest, zählt das doppelt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, es entscheidet das Los. Die Verlsoung kann natürlich gerne geteilt werden. Viel Glück!

Samstag, 25. November 2017

Weihnachtskleid pragmatisch: Ein Plan, ein Stoff, ein Kleid

Vorweihnachtszeit ist Weihnachtskleidzeit, und so gibt es auch dieses Jahr ein gemeinschaftliches Weihnachtskleidnähen in der Nähbloggerinnencommunity. Ich habe schon in einigen Jahren mitgenäht, aber nur eine recht geringe Erfolgsquote vorzuweisen. Weihnachtszeit ist eben auch Jahresende, und neben Geschenke-Nähen und Besinnlichkeit bedeutet das meistens auch einen Berg noch zu erledigender Dinge. Ich bin dann meistens froh, wenn ich Weihnachten irgendwie in den Sessel fallen kann und alle Geschenke fertig geworden sind. Den Stapel mit den für Weihnachtskleidung vorgesehenen Stoffen und Schnitten räume ich dann nach Weihnachten beschämt vom Bügelbrett.

Dieses Jahr versuche ich es mal mit kluger Beschränkung: Ein ungefüttertes Kleid mit wenigen Schnittteilen habe ich mir ausgesucht, nämlich "Lora" aus La Maison Victor 9/10 2015, ein locker sitzendes Kleid mit Taschen. Die Version von Dana Feinstöfflich hatte mir letztes Jahr besonders gut gefallen, und im Mai zeigte Yvonet ein geblümtes Kleid nach dem Schnitt, das meine Erinnerung an den Schnitt erneuerte.

Außerdem brachte ich durch Yvonnes Stoffwahl  auf einmal einen Stoff aus meinem Lager mit dem Schnitt in Verbindung, und zwar einen recht festen, stretchigen Baumwollsatin mit einem wie aquarelliert wirkenden Blumenmuster auf schwarzem Untergrund.

Den Stoff hatte ich mittlerweile schon als "schwierig" gedanklich wegsortiert, weil er viel Stand hat, während die gerade aktuellen Schnitte meistens dünnere und fließendere Stoffe verlangen. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, den kräftigen Satin ein paar Jahre wegzulegen, bis sich die Kleidungssilhouette mal wieder grundlegend geändert hat. Aber zu Lora passt der Stoff genau, und Dank Yvonne konnte ich jetzt auch die Transferleistung vollbringen, mir den Schnitt aus einem gemusterten Stoff vorzustellen.

Das ist also der Plan für das Weihnachtskleid 2017. Meinen etwas planlosen Plan von 2016 - einen üppigen Paillettenrock mit Blüten aka "Dior für Arme"- habe ich aber noch nicht aufgegeben.

Übers Jahr hatte ich immer mal wieder zufällig die beiden Stoffe in der Hand - einen Viskosejersey mit grau-gelben hingeklecksten Blüten und einen stretchigen schwarzen Pailettentüll. Die Idee von Weihnachten 2016, die beiden Stoffe doppellagig zu einem Maxirock zu verarbeiten, und die obere Lage aus Tüll mit weiteren Pailetten zu verzieren, gefiel mir mit jedem Mal besser und besser.

Ich versuche, das als Langzeitprojekt im nächsten Jahr umzusetzen. Der Maxirockschnitt 106 aus Burdastyle 1/2016 erscheint mir im Moment geeigneter, als der Schnitt, den ich letztes Jahr vorgesehen hatte, denn die seitlichen Einsätze könnten aus festem Stoff gemacht werden. Oder doch ein langer, angekräuselter Rock? Darüber muss ich noch nachdenken und mal ein bißchen mit den Stoffen drapieren.


Dieser Pullover aus dem Brigitte-Kreativ-Heft 4/2017 gefällt mir auch sehr gut und passt zum Thema "Weihnachten einfach nur in den Sessel fallen", es ist allerdings vollkommen illusorisch, dass ich sowas in den Wochen bis Weihnachten noch fertigstellen könnte. Die Perlen sind alle aufgestickt. Eine Idee, die ich ebenfalls im Hinterkopf behalte. Wenn ich im Sommer anfange, könnte er Weihnachten 2018 fertig sein!

Den Stand der  Weihnachtskleidnäherei gibt es hier im MeMadeMittwoch-Blog.

Donnerstag, 23. November 2017

Menschen, Maße, Materialien und eine alte Feuerwache: Das Nähbloggerinnentreffen in Köln

Als ich mit dem Nähbloggen anfing hätte ich ja nie gedacht, dass ich deswegen eines Tages quer durchs Land fahren und an einem Samstag um Sieben aufstehen würde, um mit fünfzig anderen Frauen einen Tag lang Stoffproben anzuzünden. Aber genau das war das Programm am letzten Wochenende, bei Nähbloggerinnentreffen in Köln, perfekt organisiert von Brigitte (Overluck), Antje (Machen statt kaufen), Susi (Alle Wünsche werden wahr) und Bele.

Samstag war grau, aber wir waren kaum draußen

Ich reiste schon am Freitag an und traf zuerst Bele, denn wir sollten am Samstag zwei Workshops zu Stoffen und Materialien - "Stoffe nicht nur lieben, sondern kennen" - geben, und hatten das zusammen in dieser Konstellation noch nie gemacht. Wir stellten aber schnell fest, dass wir beide endlos über Stoffe reden könnten. Beim Vor-Treffen in einem Café mit denen, die schon angereist waren, schlug dann bei mir die Müdigkeit nach einer ohnehin schon sehr vollen Woche zu - und ein bißchen nervös war ich wegen der bevorstehenden Workshops auch.

Vor dem Workshop: Garne und Stoffproben liegen bereit

Bei den Workshops - die nicht zuletzt wegen der vielen, interessierten Fragen super waren - erzählte Bele über Fäden und Bindungen und welche Auswirkungen ihre Eigenschaften auf die Eigenschaften des Stoffes haben. Sie hatte einen Satz Fadenzähler besorgt, so dass die Stoffproben, die wir mitgebracht hatten, ganz genau betrachtet werden konnten. Das war der Hit im Workshop, und im Grunde braucht jeder Näh-Haushalt so ein Gerät - einfach nur, weil es großen Spaß macht. Man kann alles zwischen sehr wenig und sehr viel Geld für so einen Fadenzähler ausgeben, die Organisatorinnen hatten sich für diesen mit Beleuchtung entschieden. Außerdem gab es eine Auswahl Fäden mit unterschiedlichem Aufbau zum Anschauen und Auseinandernehmen, die Bele bei einem belgischen Garn-Spezialversand bestellt hatte, den man hier findet. Die Shopbetreiber entwickeln unter anderem spezielle Garne für Modedesigner, und was von diesen Produktionen übrig bleibt, wandert dann ich den Shop, wenn ich das richtig verstanden habe.

Stoffe muss man fühlen, nicht nur sehen

Zuletzt gings ans Zündeln, erst mit Stoffproben mit bekannter Zusammensetzung, dann kamen die unbekannten Stoffe an die Reihe. Jede Faser brennt auf eine charakteristische Weise ab, mit einem bestimmten Tempo, einem bestimmten Geruch, einer bestimmten Flamme, es bleibt unterschiedlich viel übrig - wer mein Stofflexikon "Stoff und Faden" schon angeschafft hat, hat es da bestimmt gelesen, es gibt aber auch im Internet allerlei Tabellen, wie sich die Stoffe beim Abbrennen unterscheiden.

Ein Fadenzähler gehört in jeden Haushalt

Nur lesen bringt da aber gar nichts - man muss es ausprobieren, Stoffe vergleichen, und so bekommt man langsam ein Gespür dafür, worauf man achten muss. Nehmt euch das Buch vor, und zündet erstmal ein paar Stoffe an, bei denen ihr sicher wisst, worum es sich handelt. Damit könnt ihr dann Stoffe vergleichen, bei denen ihr nur annehmt, es könnte "irgendwas mit Wolle" sein. Manchmal kommt man nicht weiter, weil verschiedene Fasermaterialien schon im verwebten Garn miteinander verarbeitet wurden und man sie nicht mehr trennen kann; auch das Unterscheiden verschiedener Kunstfasern finde ich schwierig (oder ich habe einfach noch nicht genügend Vergleichsmaterial gesammelt!) - aber ob es sich hauptsächlich um eine Naturfaser oder um Kunstfasern handelt, kann man eigentlich immer herausfinden, und auch das ist ja schon mal nützlich. Wir konnten auf diese Weise zum Beispiel feststellen, dass ein mysteriöser doppellagiger Stoff vom Fabrikverkauf bei Rene Lezard aus Naturfasern aus Zellulose bestehen muss, vermutlich Baumwolle, obwohl er durch die miteinander verklebten Schichten wie ein Funktionstextil wirkt.

Wir hatten vorab etwas Sorge, ob wir die Rauchmelder auslösen könnten - und für alle Fälle einen gefüllten Wassereimer im Raum deponiert. Glücklicherweise hatte der Veranstaltungsraum große Fenster, die sich öffnen ließen. Es wäre sehr ironisch, aber auch peinlich gewesen, in einer umgebauten Feuerwache einen Feuer-Fehlalarm auszulösen. 

Zeitgleich zu Beles und meiner Veranstaltung gab es einen Workshop zum richtigen Vermessen mit dem Maßschneider Sebastian Hoofs und seinem Assistenten Tom - die Gruppen wechselten, so dass jede jeden Workshop besuchen konnte. Das hätte mich ja auch sehr interessiert, ging aber zeitlich nun einfach nicht, aber vielleicht gibt es ja mal eine andere Gelegenheit. Sebastian gibt auch andere Kurse für Hobbynäher, übers Nähen, übers Schnitte-Anpassen, die Kölnerinnen schwärmen schon länger davon.

Etwa ein Viertel des Tauchtischs, diesmal nach Farbe sortiert

Der Abend ging mit gutem Essen im Cafe des Veranstaltungsorts zuende, und dort trafen wir uns am nächsten Morgen gleich wieder zum Frühstücken, während sich nebenan die Tauschtische füllten. Ich musste mich ehrlich gesagt etwas zusammenreißen, um nicht überall Stoffproben abzuschneiden und anzuzünden (und wenn ich nicht so müde gewesen wäre, hätte ich das vermutlich gemacht), aber immerhin konnten Claudia und ich ein senfgelbes Sherlock-Holmes-Karo als Wolle identifizieren.

Am frühen Sonntagnachmittag machte ich mich dann wieder auf, in Richtung Süden zu einem sehr kurzen Familienbesuch, und erst jetzt, wieder zuhause und etwas erholt, kann ich mich so richtig über das Wochenende freuen. Nette Gespräche, viele neue Ideen (nicht zuletzt auch Ideen für neue Bücher), wie immer zu wenig Zeit, um sich mit allen gleichermaßen ausführlich zu unterhalten, aber ich habe wieder ein paar Namen neu gelernt und kann sie Gesichtern und Blogs zuordnen. Bis zum nächsten Treffen dann!

Samstag, 28. Oktober 2017

"Es geht nicht darum, das perfekte müllfreie Leben zu führen" - Ohne Wenn und Abfall [Rezension]

Ein ganzes Buch darüber, wie man keinen Müll produziert - wie unterhaltsam kann das schon sein? Das fragte ich mich ehrlich gesagt vor der Buchpremiere von Ohne Wenn und Abfall von Milena Glimbovski. Milena Glimbovski ist, im Kreuzberger Umfeld weiß man das vermutlich sowieso, die Gründerin von "Original unverpackt", einem Supermarkt, der möglichst weitgehend auf Verpackungen verzichtet. In ihrem Buch, das sie an dem Abend vorstellte, geht es aber nur am Rande um den Laden und die Gründung, sondern es ist in erster Linie ein praktischer Ratgeber zum nachhaltigen Leben.


Das Thema Nachhaltigkeit interessiert mich auf einer Ebene, wie es vermutlich viele Menschen beschäftigt: Ich versuche, möglichst oft Bio zu kaufen, habe kein Auto und bemühe mich auch ansonsten, mich nicht als Umweltschwein zu verhalten, so gut ich eben kann. Das Selbernähen brachte mich vom Konsum der gerade modischen H&M-Fummel weg, dem ich als Studentin frönte, und bei meinem eher gemächlichen Nähtempo fange ich nur Projekte an, bei denen ich sicher bin, dass ich sie wirklich mag. Andererseits kaufe ich manchmal Stoff, von dem man nicht genau weiß, woher er eigentlich kommt, und oft einfach nur, weil er mir gefällt, ohne konkreten Bedarf. Oder ist Hobby und/oder Selbstausdruck Bedarf genug? Darf man denn noch Schönes haben, wenn man nachhaltig leben will, oder muss man sich alles Vergnügen verkneifen? Ich finde das kompliziert, und wie man sieht, fordert das Thema  dazu heraus, sich erst einmal zu rechtfertigen, und damit wird es schnell etwas anstrengend und unentspannt.

Also kann Müllvermeidung unterhaltsam sein? Sehr sogar - wenn sich Milena Glimbovski des Themas annimmt! Dann wird es nämlich anekdotenreich, humorvoll, selbstironisch und undogmatisch. Und - vor allem das lernte ich an diesem Abend - es verlangt niemand, dass man von heute auf morgen sein ganzes Leben umkrempelt. Auch kleine Schritte zählen.

Milena Glimbovski im Gespräch mit Christian Neidhart

Ohne Wenn und Abfall geht genauso kleinschrittig vor und nimmt die Leserinnen bei der Hand: Systematisch werden alle Lebensbereiche auf Müllvermeidungspotential untersucht. Worauf kann man verzichten, was kann man ersetzen, was wäre eine verpackungsfreie Alternative? Zum Teil gibt es sogar konkrete Rezepte, zum Beispiel für Kosmetik oder Putzmittel. Ohne Wenn und Abfall befasst sich aber auch mit nachhaltigem Kleidungskaufverhalten, mit Müllreduktion im Büro und bei der Wohnungseinrichtung. Natürlich könnte man über jedes dieser Themen mindestens ein eigenes Buch schreiben, die Kapitel bilden aber einen guten Einstieg: Man wird für die Problematik sensibilisiert, versteht die Zusammenhänge, lernt, die richtigen Fragen zu stellen, und bekommt Tipps und Vorschläge, die sich tatsächlich sofort umsetzen lassen. Dass es so einfach ist, es besser zu machen, motiviert, weitere Veränderungen anzugehen.

Milena Glimbovski schreibt dabei so, wie sie bei der Buchpräsentation im Gespräch mit ihrem Lektor Christian Neidhart auch erzählt: Anschaulich und ironisch, unterhaltsam, mit eigenen Erfahrungen oder popkulturellen Referenzen gewürzt (über Fight Club freute ich mich besonders), niemals moralisierend oder besserwissend, denn sie berichtet auch von Rückschlägen und Irrtümern. Das liest sich flott weg, gleichzeitig steckt der Text voller Informationen, die man im Vorüberlesen aufnimmt, und die allerdings noch ein wenig nützlicher wären, gäbe es ein Register. Aber auch so motiviert das Buch sehr, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden und Schritt für Schritt ein Leben mit weniger Müll und weniger Konsum umzusetzen, denn es überfordert den Leser nicht.

Eine Auswahl von Produkten des "Original unverpackt"-Supermarkts

Mir wurde vor allem deutlich, dass Perfektionismus in Sachen Müllvermeidung - nach dem Motto: entweder ganz oder gar nicht, und wenn ich es nicht richtig mache, kann ich es gleich lassen - gar nicht nötig ist, wenn man sich damit nur selbst blockiert. Jeder Müll, der gar nicht erst verursacht wird, ist ein guter Schritt, und ich muss nicht gleich zum dogmatischen Superöko mutieren, um heute einen ersten Schritt zu gehen. Und morgen dann gleich noch einen.


Milena Glimbovski: Ohne Wenn und Abfall. Wie ich dem Verpackungswahn entkam. 
Kiepenheuer&Witsch 2017, ISBN 978-3-462-05019-6
Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags hier, dort auch Termine für weitere Lesungen

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Die irische-Fischer-Strickjacke: Seanair von Judith Brodnicki


Als ich in den Achtzigern stricken lernte, sprach man bei Strickpullovern mit kombinierten Zopf- und anderen plastischen Mustern von sogenannten "irischen" Pullovern. Sie waren gerade geschnitten, meistens übergroß mit überschnittenen Schultern und aus naturweißer, ziemlich dicker Wolle gestrickt. Mit der damals üblichen Karottenjeans und einer großzügig geschnittenen Jeansjacke kombiniert, entstand die Silhouette einer Tonne. Einer geschlechtslosen Tonne, denn diesen Look trugen Männer wie Frauen und sahen darin nahezu gleich aus. In den frühen Neunzigern wurde die Karottenjeans bei Gymnasiastinnen dann vielfach durch Leggings ersetzt - der Pullover sollte dann knapp über den Po reichen. Weniger wagemutige Mädchen (ich) trugen stattdessen Shorts oder abgeschnittene Jeans und eine blickdichte Strumpfhose. Dazu hohe Schnürstiefeletten aus braunem Wildleder, ähnlich wie Desert Boots. Noch häufiger als den irischen Pullover trug ich eine lange, geknöpfte Strickjacke mit V-Ausschnitt, aus hellgrau melierter Wolle, ebenfalls mit den typischen Rauten und Zöpfen. (Und ich hatte dunkelgrüne, geschnürte Wildlederpumps mit etwas Plateau - was würde ich dafür geben, wenn ich diese Schuhe noch einmal bekommen könnte!) Einen dunkelgrünen Pullover mit lauter Rauten gab es auch, und wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich auch noch einen ähnlichen weinroten.


Ihr seht, mich verbindet eine längere Geschichte mit diesen Strickmustern und den Pullovern, die man früher undifferenziert als "irisch" bezeichnete. Seither habe ich zwar sehr viel über das Stricken dazugelernt, aber nie wieder einen ganzen Pullover oder eine ganze Jacke mit Zopfmustern angefertigt. Die untaillierten, kastigen Pulloverschnitte gerieten aus der Mode, und die Zopfmuster irgendwie auch, zumindest, wenn sie auf traditionell anmutende Weise mit Wabenmustern, Rauten und Perlmuster kombiniert waren.


Als es im Sommer an die Suche nach einem passenden Strickmuster für ein Geburtstagsgeschenk für Herrn Nahtzugabe ging, bekam ich aber unbändige Lust, nach Jahren mal wieder Zöpfe zu stricken - und zwar nicht einen Zopf hier und da, und den Rest glatt, sondern sozusagen Zöpfe satt und Muster überall.


Die Suche in Zeitschriften und im Netz nach einem Strickmuster, das meiner Vorstellung entsprach, geriet ziemlich kurz: Es gibt recht wenig Anleitungen für Herrenstrickjacken, und da ich mich schon für ein bestimmtes Garn (Drops Lima, Farbe 4305 dunkelblau) entschieden hatte, schrumpfte der Kreis der Kandidaten schnell zusammen. Übrig blieb die Jacke "Seanair" von Judith Brodnicki, 2012 bei knitty.com erschienen. Glücklicherweise schaute ich auch bei ravelry nach und entdeckte rechtzeitig die Korrekturen der Anleitung - es sind auch einige Fehler in der Reihe, in der das Muster angelegt wird. Davon abgesehen fand ich die Anleitung wirklich gut und ich danke einmal mehr der internationalen Strickcommunity, die solche ausgeklügelten Anleitungen kostenlos zur Verfügung stellt.


Die Jacke wird von unten nach oben ohne Nähte gestrickt. Die Zopfmuster hat man schnell im Kopf, nur das rechts-links-Rautenmuster an der Seite im unteren Teil fand ich ein bißchen anstrengend und war froh, als es zu breiten Rippen wechselte. Die Ärmel werden in die Armlöcher eingestrickt, ohne Armkugel, aber in der Achsel gibt es einen Zwickel, bei dem einige Maschen abgenommen werden, so dass der Schnitt doch etwas raffinierter ist als die T-förmigen Pullover der Achtziger. Die Ärmel waren viel zu lang, das ahnte ich schon, denn viele Strickerinnen berichteten bei ravelry davon. Ich kürzte sie daher gleich etwas, aber noch nicht genug, so dass ich die Ärmelabschlüsse nach dem Anprobieren um weitere 5 cm verkürzte.


Das Einnähen des Reißverschlusses war nicht so ein Drama, wie ich befürchtet hatte. Natürlich musste die fertig gestrickte Jacke ein bißchen ablagern, ehe sie für den Reißverschluss reif war. Da sich der Reißverschlusskauf bei Yavas, meinem Lieblingsladen für solche Kurzwaren, mit einer taiwanesischen Nudelsuppe im Lon Men's Noodle House auf der Kantstraße verbinden ließ, wurde sie pünktlich zu Beginn der Strickjackensaison fertig.


Den Reißverschluss nähte ich mit normalem Nähgarn mit der Hand ein (mit Rückstichen) und nähte anschließend ein schmales, schwarzes Schrägband von innen dagegen, das die Stiche der Rückstichnaht verdeckt. Oben verschwindet der Reißverschluss im doppelt gelegten Kragen, unten ist das Schrägband um das Reißverschlussende herumgefaltet.


Und ist "Seanair" nur eine "irische" Strickjacke? Nicht ganz. Ich habe mich nur ein wenig in die verwickelte Geschichte des Strickpullovers auf den Britischen Inseln vertieft. Die cremeweißen, grobgestrickten Pullover mit Zopfmustern in Längsrichtung, die bei uns in den späten 1980ern und frühen 1990ern so beliebt waren, sind Pullover von der Insel Aran, einer Insel vor der Westküste Irlands.

Die von einem Heimatforscher in die Welt gesetzte Legende, die Musterung der Aranpullover gehe auf keltische Zeiten zurück, wurde aber inzwischen widerlegt. Tatsächlich entwickelte sich dieser Pullovertyp wohl erst Ende des 19. Jahrhunderts, als es in Irland ein staatliches Programm gab, das zur Verbesserung der Lebensumstände in besonders armen Regionen beitragen sollte. Die Bewohner der Araninseln bekamn nicht nur Know-How in Sachen Fischerei vermittelt, auch das Stricken von Pullovern nach Vorbild der Ganseys oder Guernseys - plastisch gemusterte Fischerpullover von der Insel Kanalinsel Guernsey - wurde angeregt. Die Bewohner Arans verwendeten die lokale, gröbere Wolle zum Stricken, beließen sie in der Naturfarbe, und gaben den Mustern ihren eigenen Twist. Während klassische Ganseys aus dunkelblauer, feinerer Wolle vor allem im oberen Teil gemustert sind und Unterarme und unterer Teil des Rumpfes glatt bleiben, verlaufen die Muster bei Aranpullovern über die ganze Länge von Vorder- und Rückenteil, und ein Wabenmuster als Mittelstreifen scheint typisch zu sein. Der Pullovertypus des Gansey verbreitete sich mit der Zeit in allen Küstenorten Großbritanniens und Irlands, wobei jede Region charakteristische Muster und Musterzusammenstellungen entwickelte.

Wohl doch nur Ornamente und nichts Gestricktes

So viel in Kürze - ich würde mich gerne noch ausgiebiger mit dieser Stricktradition beschäftigen. Wie bei den deutschen Trachten, die größtenteils auch erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstanden, sind die Fischerpullover wohl ebenso ein Produkt dieser Zeit, die von kulturell begründeter Identitätspolitik geradezu besessen war. Was auch immer David im "Book of Kells" aus dem 9. Jahrhundert trägt, es handelt sich wohl nicht um "die erste bildliche Darstellung von Gestricktem". Davon abgesehen habe ich immer noch Lust, Zopfmuster zu stricken, besitze von 500g Drops Lima in rubinrot im Wollvorrat und denke über einen Pullover für mich nach.   

 

tl, dr oder: die Fakten zur Strickjacke


Anleitung: Seanair von Judith Brodnicki via knitty.com
unbedingt die Korrekturen bei ravelry beachten! 

Garn und Nadeln: Drops Lima, 100 m Lauflänge auf 50 Gramm - knapp 800 Gramm verwendet, verstrickt mit Nadeln Nr. 4, für die Bündchen Stärke 3,5.

Gestrickte Größe: M, Ärmel ca. 8 cm kürzer als in der Anleitung angegeben, Abnahmen im Ärmel enger gesetzt

Dienstag, 10. Oktober 2017

Mehr loben als lästern: Burdastyle 10/2017

Kurz vor dem Urlaub kaufte ich die Burdastyle-Oktoberausgabe, blätterte kurz durch, dachte: Ein gutes Heft! und legte sie beiseite. Jetzt beim Aufräumen kam mir die Zeitschrift wieder in die Hände und ich blätterte erneut, gespannt darauf, ob sich mein schnell gefasster Eindruck bestätigen würde. Tat er! Schon auf der ersten Seite grüßt, anstelle des üblichen Grußworts der Chefredakteure, ein Gruppenfoto der gesamten BurdaStyle-Redaktion. So ein Heft ist eine Teamleistung, und mir gefällt, dass das deutlich wird.

Meine Favoriten aus Heft 10/2017:


Mantel 120, Seite 50 - Designerschnitt von Mykke Hofmann



Mit einem neu aufgelegten Vintageschnitt hatte ich nach der Ankündigung im vorigen Heft gerechnet, einen Schnitt von einem jungen Designerinnenduo finde ich aber sogar noch besser. Diesen besonders, denn ich nähe sehr gerne Mäntel und die unendlichen Möglichkeiten, verschiedene Stoffe bei diesem Schnitt zu kombinieren, finde ich sehr reizvoll: Ton in Ton zum Beispiel, oder lauter verschiedene Tweedstoffe. Zugegebenermaßen ist das eher ein Schnitt zum Träumen: In nächster Zeit werde ich ihn sicher nicht nähen - aber Zeitschriften kauft man ja, um zu träumen, ich zumindest. Und wenn sich Designer- und Vintageschnitt nun im Heft abwechseln sollten, bin ich vollauf zufrieden!

Volantbluse 111 (S. 47 und 18)



Vom Träumen zu aktuellen Wünschen: Diese Ärmelform gefällt mir am gerade genähten Oberteil aus einem alten Hemd (111 Burdastyle 2/2014) sehr gut, der Schnitt passt wegen dem sehr tiefen Armloch aber nur mäßig. Diese Version mit eingesetzten Ärmeln erscheint mir passender, allerdings würde ich den Schnitt erstmal nur einlagig nähen. Rotgrundige Viskose mit großen Hortensienblüten liegt schon bereit.

"Must-Haves" Seite 26 bis 32



Hier gefällt mir die ganze Fotostrecke, denn wie oft sieht man im Modezeitschriften schon eine Frau mit Brille, die nicht mehr 19 ist? Auch wenn Zeitschriften (siehe oben) zum Träumen verführen sollen, finde ich es trotzem schön, wenn sich die Zeitschrift ab und an meiner Lebenswirklichkeit (nicht mehr 19; Brille) annähert. (Von den beiden Outfits oben würde ich witzigerweise aber eher das rechte tragen - wenn auch mit Strumpfhose - das von dem "jüngeren" Model vorgeführt wird. Aber auch das Kleid 103 mag ich).

Meine Flops aus Heft 10/2017:


Die Überschrift ist, zugegeben, reißerisch, denn echte Schnitt-Flops habe ich im Heft nicht gefunden. Aber einen schönen Beleg dafür, dass Stoffwahl und Styling oft auf den ersten Blick für "gefällt" oder "gefällt nicht" entscheidend sind.

"Ladylike"



Die Fotostrecke auf den Seiten 14 bis 23 trifft einfach überhaupt nicht meinen Geschmack kombiniert zielsicher Dinge, die ich nicht mag: Brauntöne und Leomuster, beige und schwarz, und ich kann nicht mal spießige Henkelhandtaschen für meine Abneigung verantwortlich machen - die kommen erst im Anschluss auf Seite 24/25. (Ich war überrascht, dort zu erfahren, dass Kunstlederhandtaschen heutzutage 200 € kosten können. Eine Kollegin im Stoffladen klärte mich auf: Das seien vegane Handtaschen, und in diesem Kontext sei Plastik eben gut und teuer.) Aber ich wollte nicht über Handtaschen lästern, sondern über die Schnitte, und da muss ich zugeben, dass sie mir ganz gut gefallen, wenn ich über die Stoffwahl hinwegsehe - es sind ja zum Teil die gleichen, die auch als "Must-Haves" gezeigt werden.

Nur das Poncho-Überwurf-Dings mit Knoten auf Seite 20 finde ich uneingeschränkt schrecklich, vermutlich weil es mich an eine sich für besonders künstlerisch haltende Kunstlehrerin aus der zehnten Klasse erinnert, das ist ein persönliches Trauma. Und das Kleid daneben ist mal wieder so eine total verkrampfte asymmetrisch-mit-Teilungsnähten-und-Paspel-und-Wickeleffekt-Nummer, die ich in der Art noch nie mochte, vor allem wenn sie einen asymmetrischen, und daher wie verrutscht wirkenden Aussschnitt hat und wie hier aus einem umdefinierbaren grau-braunen Stoff genäht ist und noch dazu schrecklich schlecht sitzt.

 Redaktionelle Waschmittelwerbung Seite 90/91



Bei der letzten Burda-Besprechung hätte ich nicht lobend erwähnen sollen, dass es neuerdings keine Haushaltstipps mehr in Heft gibt, ja einen Stopp der "schleichenden Hauswirtschaftisierung" des Hefts, meinte ich festzustellen. Nun ja. Ich nehme alles zurück. Tun wir einfach so, als wären Seite 90/91 nicht passiert? Es ist hoffentlich nur ein einmaliger Ausrutscher!

Alle Modelle des Hefts finden sich auch hier im Überblick. Da sind aus meiner Sicht viele brauchbare Sachen dabei - auch Bluse 116, Rock 108/109 und Mantel 102 gefallen mir, so einen Jackenschnitt wie 118 kann man immer brauchen und die großen Größen (121-127) sind schön vielfältig dieses Mal. Am 20. 9. ist außerdem ein Sonderheft "Burda plus" (Größe 44-54) erschienen.