Dienstag, 15. Mai 2018

Peak Trompetenärmel (#111 Burdastyle 10/2017)

Drama, Baby!

Wann beginnt ein modischer Trend, kein Trend mehr zu sein? Definiert man "Trend" als eine Entwicklung in eine bestimmte Richtung, dann kann ein Trend wohl als abgeschlossen gelten, wenn das betreffende Trend-Phänomen allgegenwärtig geworden ist und es nicht möglich erscheint, dass es zukünftig noch häufiger auftreten könnte, als es aktuell der Fall ist.

Ein Ärmel ohne Trompete ist kein Ärmel
Der Trompetenärmel-Trend befindet sich nach dieser Definition bereits kurz vor dem Zenit oder vielleicht sogar schon darüber - das dachte ich, als ich vor einigen Wochen einen Kaufhaus-Werbeprospekt aus der Tagezeitung durchblätterte, in dem auf jeder Seite mit Damenmode mindestens ein Kleidungsstück mit Trompetenärmeln zu sehen war: Blusen und T-Shirts mit Trompetenärmeln, Blazer und Strickjacken mit Trompetenärmeln, Übergangsmäntel mit Trompetenärmeln - im Herbst werden vielleicht noch Wintermäntel mit Trompetenärmeln folgen, eventuell Pyjamas und Bademäntel mit Trompetenärmeln, und dann ist das Konzept Trompetenärmel wohl durchgespielt.

Ich malte mir aus, wie der dem Kaufkleidungsangebot ausgelieferte Teil der Menschheit notgedrungen Trompetenärmel mit Trompetenärmel kombinieren müsste, wenn es Jacken nur noch mit Trompetenärmeln gäbe, ebenso wie Blusen und T-Shirts. Man müsste auf schön abgestufte Ärmellängen achten, so dass der rüschige Abschluss des unteren Kleidungsstücks dekorativ aus dem Ärmel des oberen Kleidungsstücks herausquellen könnte - so, wie schon einmal im 18. Jahrhundert, als die Engageantes, üppige Volants oder Rüschen aus Spitze oder besticktem Batist, die ellbogenlangen Ärmel der Kleider schmückten (hier ein französischsprachiger Artikel dazu mit vielen Bildbeispielen).

Im 18. Jahrhundert gab es schon einmal einen Trompetenärmel-Trend

Die Engageantes hatten sich ursprünglich aus dem Unterkleid, der Chemise entwickelt, die am Handgelenk unter dem Ärmel des Oberkleids sichtbar war. Die üppige Form des 18. Jahrhunderts bot eine willkommene Gelegenheit, den Reichtum mit teurer Nadelspitze zu zeigen und die zarten Unterarme und Hände der Trägerin zu betonen, um zu verdeutlichen, dass sie keiner ernsthaften Arbeit mit den Händen nachgehen musste.

Das Top mit Volantärmeln


Den Aspekt "verhindert manuelle Tätigkeiten" kann ich bestätigen, da ich seit einiger Zeit mit Nummer 111 aus Burdastyle 10/2017 ein Oberteil mit einer modernen Adaption der Engageantes besitze: Der Ärmel ist zwar weder beim Tippen am Computer noch beim Abschneiden von Stoff hinderlich, aber schon einfache Haushaltstätigkeiten (Abwaschen, Putzen, ein Brot mit Butter bestreichen) werden ein wenig verkompliziert. Und tatsächlich wäre eine kurzärmelige Jacke (mit Trompete oder ohne, egal!) ganz praktisch, damit der Ärmelvolant unter dem Jackenärmel keinen Knödel am Unterarm bilden müsste.

 
Aber von diesen kleinen Alltagsschwierigkeiten abgesehen mag ich mein neues Trompetenärmeltop - der Volant verleiht auch kleinen Gesten eine gewisse Dramatik und verbessert damit das Leben. Der zugrundeliegende Schnitt ist die Nummer 111 aus Burdastyle 10/2017, gekreuzt mit "Pam" aus La Maison Victor.


Ich hielt mich für schlau, die Details des Burda-Schnitts (Ausschnitt, Ärmellänge, Volants) auf die Grundlage von "Pam" zu übertragen, da ich "Pam" schon mal angepasst hatte und der Burdaschnitt für Kurzgrößen gedacht war. Das ist mir nur mäßig gelungen - der V-Ausschnitt ist mir einen Tick zu tief und sitzt äußerst bescheiden, wie man den Bildern vielleicht entnehmen kann. Beim Burdaschnitt besteht das Top aus zwei Stofflagen, die am Ausschnitt miteinander verstürzt werden, so dass man auf einfache Art einen schönen Ausschnitt erhält. Ich habe das Oberteil einlagig genäht und den Ausschnitt mit Schrägband aus demselben Stoff verstürzt und schmal abgesteppt - wahrscheinlich nicht die beste Methode bei dünner Viskose.


Die Ärmel sind aber wirklich ganz lustig - am Ärmelabschluss sind zwei Volants übereinander, die laut Anleitung nicht zum Ring geschlossen werden sollen. Daran habe ich mich gehalten und alle Kanten ganz schmal mit der Maschine gesäumt. Obwohl ich sonst wirklich nicht der Rüschen-Typ bin, finde ich das Top aus der dunkelgrundigen Viskose auch nicht zu niedlich oder zu verspielt.

Schnittmuster: 111 aus Burdastyle 10/2017
Stoff: Leichte gewebte Viskose, 1,50 m
Änderungen: Vorder- und Rückenteil sowie Armkugel des Schnitts mit "Pam" aus La Maison Vistor abgeglichen. Top nur einlagig genäht und den Ausschnitt mit Schrägstreifen verstürzt.

20 Kommentare:

  1. Spannender Ausflug in die Geschichte der Trompetenärmel! Deine Bluse gefällt mir sehr, vor allem die Kombi aus floralem Muster und luftigen Trompetenärmeln. Wahrscheinlich haben Trompetenärmel wirklich ihren Zenit überschritten, aber ich liebe sie auch immer noch sehr :)

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Bei deiner Trompetenärmel-Streifenbluse fiel mir das Detail zum ersten Mal so auf dass ich dachte: Das will ich auch!

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  2. Ich habe die Trompetenärmel bislang erfolgreich vermieden, weil unpraktisch. Da ich tendenziell auf Trends gerne aufspringe, wenn sie fast durch sind, wird es bei mir "Rumer" aus der LMV, da sitzen die Schalltrichter so weit oben, dass man vermutlich ein Butterbrot streichen kann. Aber mit dem Drama hast Du eindeutig recht, und da eignet sie die flatterige Viskose perfekt!
    Viele Grüße, Stefanie

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    1. Ja, je weiter oben, desto praktischer! In den Schaufenstern sieht man auch vor allem die krüzere Variante, und ich bin nicht sicher, ob ich sowas ganz Flatterigesn nochmal brauche.

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  3. Tolle Bluse, der Stoff ist wirklich großartig und steht Dir ganz wunderbar. Ich habe mich nach zwei Jahren Befremdung mit diesen Trompetenärmlen so langsam gewöhnt und könnte mir das auch ein einem leichten Kleid für mich vorstellen. Mal sehen, ob es noch dazu kommt bevor dieses Detail wieder ganz verpönt ist ;-) Vielen Dank für den informationen Post und schön mal wieder etwas von Dir zu lesen. LG Kuestensocke

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    1. Moderat gerüschte Trompetenärmel in Dreiviertellänge könnte ich mir an dir ziemlich gut vorstellen, an einem Etuikleid zum Beispiel!

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  4. Schön gschrieben!Und die Bluse gefällt mir sehr, der Stoff ist auch so toll!
    Liebe Grüße
    Sabine

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  5. Ach ja, die trendigen Details...; ich muss mich an deren Anblick auch immer erst gewöhnen oder mir überlegen, ob ich etwas, was in meiner Jugend schon einmal in war und von mir schon getragen wurde, nochmal in Neuauflage haben möchte, ja und die Praktikabilität für den Alltag muss auch immer noch bedacht werden, : ).
    Trotzdem, manchmal hat man halt einfach Lust, etwas auszuprobieren und das ist auch gut so, wenn ich mir dein Top ansehe; mir gefällt es doch richtig gut.
    LG von Susanne

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    1. Hast du etwas noch nichts mit Trompete? Ich glaube ich mag das Detail auch deshalb, weil ich mich nicht erinnern kann, dass es das früher schon mal gab.

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  6. Ich finde die Bluse toll, da habe ich Lust bekommen auf mehr dramatik in meinem Alltag. LG Jeanette

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    1. Na dann! Schnitte dafür gibt es ja gerade jede Menge. ;-)

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  7. Ich bin immer kurz davor gewesen Trompetenärmel zu nähen und immer kam was dazwischen und so richtig mag es nicht in meine Garderobe passen ... vielleicht verschieb ich es auf nächstes Jahr ;-D
    Deine Variante steht dir aber prima und die Farbe ist toll.
    Lieber Gruß
    Elke

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    1. Solche Ärmel kann ich mir aber doch ganz gut an dir vorstellen... vielleicht kommst du ja noch auf den Geschmack!

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  8. Sehr interessanter Ausflug in die Geschichte! Ich gehöre heimlich zum Team Tromptenärmel, finde aber, dass es auch sehr auf die Größe und Länge der "Trompete" ankommt, ob die Bluse zu mir passt oder nicht. Mir gefallen solche Blusen auch sehr aus klassischen Herrenhemdenstoffen. Dein Exemplar ist sehr schön geworden und wird jetzt endlich auch getragen. LG Carola

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    1. Ja, aus Hemdenstoff könnte ich mir glatt noch eine vorstellen, dann aber mit gerüschter und nicht ganz so üppiger Trompete.

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  9. Praktisch oder nicht - das Oberteil steht dir total gut. Und ja, es wirkt nicht zu niedlich oder "rüschig". Gut finde ich auch den sportlichen Rock dazu. Eigentlich mag ich den rüschigen Stil (Burda nennt ihn "feminin"!!!) nämlich nicht, aber deine Bluse gefällt mir.

    LG Doju

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    1. Oh ja, ich weiß was du meinst - es gibt bei Burda bestimmte Strecken, oft auch noch mit rosa Stoffen, das ist mir dann entschieden zu süßlich. Das Oberteil ist für mich auch hart an der Grenze, aber in dem großgemusterten Stoff geht das.

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  10. Meine weihnachtliche trompetenärmelige Tunika habe ich seitdem nicht mehr getragen - vielleicht liegt's am synthetischen Material, vielleicht an den unpraktischen Ärmeln (bei mir noch länger, bis zum Handgelenk), vielleicht an beidem zusammen. Deine Bluse finde ich trotz attestierter Unzulänglichkeiten hübsch, und danke für den Ausflug in die Geschichte. Stimmt! Damals waren die Trompeten auch noch gefüllt, ich hab mich über Deine Beschreibung der Untätigkeit fein amüsiert. lg, Gabi

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    1. Trompetenärmel bis zum Handgelenk sind auf jeden Fall unpraktischer als kürzere, die fallen sogar ins Essen, wenn man Pech hat. Mit Dreiviertellangen wie hier ist wenigstens die Nahrungsaufnahme nicht gefährdet!

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Vielen Dank für deinen Kommentar!